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ZEIT ONLINE | Karl-Marx-Allee

Das neue Leben der Stalinallee

Nirgends zeigt sich der Umbruch Berlins klarer als in der heutigen Karl-Marx-Allee. Ein Relikt des Sozialismus erfindet sich neu. Von Steffen Dobbert

Berlin, dieser Nachkriegs-Trümmerhaufen. Heute ist er räudig und sexy, billig und protzig, schnoddrig und edel. Eine Stadt der Gegensätze, die sich zur aufregendsten Metropole Europas wandelt. Die Anzeichen dafür finden sich überall. Und besonders in einer Straße. Einer Straße, deren Historie die Nachkriegsgeschichte Berlins spiegelt.

© Amélie Losier

Die Karl-Marx-Allee beginnt in der Nähe vom Fernsehturm am Alexanderplatz, reicht knapp drei Kilometer bis nach Friedrichshain und macht sich mit 90 Metern breiter als die Champs-Élysées. »Der letzte große europäische Boulevard, der gebaut wurde«, sagte der italienische Architekt Aldo Rossi über sie.

Als Stalinallee Anfang der fünfziger Jahre im sowjetischen Zuckerbäckerstil gebaut, sollte Deutschlands erste sozialistische Hauptstraße den Rest der Welt beeindrucken. Die Arbeiter der DDR sollten eingeschüchtert und beglückt werden. Einige Monate später entzündeten sie den Volksaufstand des 17. Juni 1953 auf der Allee. Die Rote Armee musste helfen, die startende Revolution niederzuschlagen.

Mehr als zwei Jahrzehnte nach der Umbenennung in Karl-Marx-Allee demonstrierten die Ostberliner wieder auf ihrer Prachtstraße, jetzt für den Mauerfall. Dann: die Deutsche Einheit, Euphorie, Enttäuschung, Arbeitslosigkeit, die Wiederentdeckung und Gentrifizierung der Allee.

Noch wohnen dort Menschen, die all das erlebt haben. Und viele Zugezogene. Wir haben sie besucht. Für das Porträt einer Straße.

  1. Die Tochter des Architekten Hermann Henselmann

    Die Architekten-Tochter

    Isa Henselmann ist Erstbewohnerin und die Tochter des wichtigsten Architekten der Allee. In Kapitel 1 spricht sie über ihre Kindheit und ihren Traum vom Sozialismus.

  2. Honeckers Butler Lothar Herzog

    Honeckers Butler

    Lothar Herzog verfolgte als persönlicher Kellner Honeckers die Entwicklung der Allee. Seit einigen Jahren trägt er dort Gratiszeitungen aus, jeden Mittwoch. Kapitel 2 begleitet seinen Rundgang.

  3. Studenten-WG in der Karl-Marx-Allee

    Die Studenten-WG

    Die WG-Bewohner Anne, Nina, Jan, Bartholomaeus und Thimon wurden erst in den Jahren um den Mauerfall geboren. Was die Allee für sie bedeutet, erzählen sie in Kapitel 3.

  4. Toms Laden in der Karl-Marx-Allee

    Toms Laden

    Toms Geschäft ist das älteste auf der Allee. Günther ist als Stammkunde immer da. Im Kapitel 4 zeigen beide, wie die Straße über politische Ansichten hinweg ihr Zusammenleben geprägt hat.

  5. Falk-Stadtplan der Karl-Marx-Allee von 1966

    Die Karte der Karl-Marx-Allee

    Wo genau liegt die frühere Stalinallee in Berlin? Entdecken Sie auf einem Falk-Stadtplan aus dem Jahr 1966, wo die Menschen aus unserer Geschichte leben.

  6. Alle Reportagen als eBook

    Für den Kindle und weitere eReader: Die Texte als EPUB und MOBI zum Download.

Kapitel 1

Ein Kind der Stalinallee

Aufgewachsen in Ruinen: Als Tochter des Architekten erlebt Isa Henselmann die Euphorie beim Aufbau der Stalinallee.
Von David Hugendick

Sehen Sie, sagt Isa Henselmann und tritt einen Schritt ans Fenster, so einen Ort finden Sie in Berlin nirgendwo. Die 71-Jährige blickt aus ihrer Wohnung im 5. Stock. Da liegt die Karl-Marx-Allee, einst Stalinallee, 90 Meter breites Rauschen, Hauptverkehrszeit. Wie Wellen treiben die Autos auf den Alexanderplatz zu oder stadtauswärts nach Lichtenberg, vierspurig, fünfspurig, und an beiden Ufern der Straße schieben sich die Prachtbauten heran, hell erleuchtet von der Sonne, die sich in den Fassadenkacheln spiegelt. So geht das 2,3 Kilometer lang.

Reiseführer haben zahllose Beschreibungen für diesen Ausblick: »größtes deutsches Bauprojekt der Nachkriegszeit«. Oder: »Erste sozialistische Magistrale Deutschlands«. Das kann man alles so sehen. Wenn Isa Henselmann, eine zierliche Dame mit rotem Haar, aus ihrer Fünfzimmerwohnung blickt, sieht sie auch ihren Vater.

Er hat diese Straße geprägt. Hermann Henselmann war ein Architekt des gigantischen sozialistischen Wiederaufbauprojekts nach dem Krieg, das 1951 begann. Von Weimar kam Henselmann nach Ost-Berlin, um die Allee mit vier anderen Architekten zu gestalten: nationale Bautradition, sowjetischer Realismus, aber auch preußische Eleganz wie die der Bauten von Karl Friedrich Schinkel. Paläste für die Arbeiter und Bauern sollten hier entstehen, das war die Utopie. Isa Henselmann sagt, diese Vorstellung habe ihr immer gefallen.

Ihr Vater entwarf den Anfang und das Ende der Allee, den Abschnitt F am Frankfurter Tor, wo zwei Türme mit grünen Kuppeln leuchten, und den Abschnitt A am Strausberger Platz. Auch hier stehen zwei Türme, kuppellos und etwas behäbig in akkurater Symmetrie. In einem lebt Isa Henselmann. Es ist das Haus ihrer Kindheit.

»Wir haben alle damals Steine geklopft, vom Großvater bis zu den Kindern«, sagt sie. Das Gebiet der Allee war größtenteils noch ein Sandhaufen mit Trümmern ringsherum, die meisten Ost-Berliner Häuser waren ohne Heizung. Nahe der Großbaustelle erhob sich der Mont Klamott, die Abraumhalde der Allee. Dort habe sie zwischen Schutt und altem Gemäuer gespielt, sagt Isa Henselmann. Sie war zehn, als sie das erste Mal in den Turm am Strausberger Platz einzog.

Von ihrer Küche aus kann man die Sonnenschirme eines Restaurants sehen und den Brunnen, dessen Fontäne die Autos begrüßt, die vom Alexanderplatz kommen. Über dem Basilikum in der Küche hängt ein Teller mit Mao Zedong. Sozialismus habe für sie immer geheißen, dass alle die gleichen Rechte haben und alle gleich viel wert sind, sagt Isa Henselmann. Eine klassenfreie Gesellschaft. Daran habe sie geglaubt. Und danach hatte es auch zunächst ausgesehen.

Die Allee der Arbeiter

VIDEO | »Man hat damals tief in die Trickkiste gegriffen«: Der Architekt Thomas M. Krüger über die Geschichte der Karl-Marx-Allee und die Utopie, die ihre Erbauer geleitet hat.

38 Millionen Ziegel! Vier Millionen Arbeitsstunden! 2.767 Wohnungen insgesamt, 90 Pfennig Miete der Quadratmeter. Jeder der Arbeiter hoffte, eine davon zu bekommen. Hoffte auf warmes Wasser, Parkett, Fernwärme, Fahrstuhl. Dass aber in der Straße nicht alle gleich waren, hatte Isa Henselmann früh gemerkt.

Sie hatten ein Kindermädchen. Ihre Wohnung war größer als die meisten, getrennt in Kinder- und Erwachsenenbereich mit einem grünen Salon und einem weißen. Ein bürgerliches Leben. Jeden Sonntag: Lyriklesung. »Ohne Romantik«, sagt Isa Henselmann, »hätte mein Vater ja nicht gekonnt.« Man müsse sich nur die Häuser anschauen! Die Balkone, die Fenster, die Säulen. Ihr Vater zog berühmte Leute an, ihre Mutter führte Buch über die Gäste: Bildhauer, Schriftsteller, Bertolt Brecht ging ein und aus, man las Marx.

»Wir haben alle damals Steine geklopft, vom Großvater bis zu den Kindern.«

Isa Henselmann

Dessen Büste steht nicht weit von der Wohnung auf dem Bürgersteig. Passanten setzen Karl Marx einen Hut auf, während er mit gütig strengem Blick den Brunnen am Strausberger Platz betrachtet. Ein paar Schritte weiter stand einmal Stalin. Auf dem Bürgersteig, drei Meter hoch, in gegossener Bronze. 1961 ließ Walter Ulbricht ihn in einer Nacht zerstören, damit er aus dem Bewusstsein des Sozialismus verschwinde. Die Allee wurde umbenannt. Die Skulptur wurde eingeschmolzen, nur ein Stück Bart und ein Ohr blieben vom Diktator übrig. Einen Gipsnachbau der Ohrmuschel gibt’s als Souvenir zu kaufen, zehn Euro, schillernd lackiert. Wo Stalin einst stand, sind drei rostige Metallbecken hinter einem Zaun. Bierdosen kullern darin.

Sie erschauere, wenn sie daran vorbeispaziere, sagt Isa Henselmann. Nach dem Krieg sei Stalin eine der großen Bezugspersonen gewesen. Heute sei es so, »als habe man ein Monster geliebt«.

Ein Tag in der Karl-Marx-Allee

Auf Isa Henselmanns Heizung steht das Werk ihres Vaters als Bauklotzversion. Kleine Blöcke in verschiedenen Größen, ordentlich aufgereiht, ein Holzmodell der Allee. Sie spricht über ihren Vater und lacht, eher amüsiert als wehmütig. Sie nennt ihn Bohemien, einen Hofkomödianten, aber auch einen Despoten.

Herzklopfen beim Blick zurück

VIDEO | Isa Henselmann, die Tochter des DDR-Architekten Hermann Henselmann, hat die Anfänge der Stalinallee und den Volksaufstand 1953 erlebt. Im Interview erinnert sie sich an ihre Kindheit.

Die Allee blieb nicht immer Isa Henselmanns Zuhause. Sie zog nach Friedrichshain, nach Niederschönhausen, dann in den Prenzlauer Berg, wo die Künstler lebten. 30 Jahre hat sie dort gewohnt. Sie arbeitete am Theater, entwarf Kostüme, organisierte Lesungen und Konzerte. Zu Zeiten von Honeckers restriktiver Kulturpolitik gehörte sie damit zum Untergrund: Jazz und Literatur waren plötzlich verdächtig »Man musste aufpassen«, sagt sie. Als sie in dieser Zeit Brechts Fragment Fatzer im Theater gesehen hatte, in dem er die Parteiendisziplin und das Kleinbürgerliche des real existierenden Sozialismus vorführte, lief Isa Henselmann aufgebracht durch die Straßen Ostberlins. »Er hatte ja so recht!«, sagt sie. Manche ihrer Freunde wollten die Spree überqueren und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Sie blieb: »Ich dachte damals immer, wir haben noch nicht alles versucht.«

Die Karl-Marx-Allee hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst von der großen Idee entfernt, mit der Hermann Henselmann sie beseelen wollte. Das gesellige Leben, das er mit der »Zärtlichkeit des Fußgängers« geplant hatte, war von den Bürgersteigen, aus den Hinterhöfen und Laubengängen gewichen. Die Linientreuen zogen ein, die Nomenklatura und die Genossen. Überall parkten Autos. An jeder Ecke stand die Stasi. Nur ihr berühmter Name habe sie vermutlich vor der geschützt, sagt Isa Henselmann.

© Amélie Losier

Eigentlich hatte sie in die Allee nie wieder zurückgewollt. Aber 1998 überredete sie ihr Lebensgefährte, ein Architektur-Historiker, doch. Ihr Vater war bereits drei Jahre tot, die Mutter sehr krank, die Wohnung nebenan stand leer. Sie zog zurück ins Haus ihrer Kindheit. In der ehemaligen Familienwohnung in der obersten Etage lebt nun eine Maklerin auf den 160 Quadratmetern, auf den anderen Stockwerken Schauspieler, Politiker, auch eine berühmte Popsängerin ist unter den Nachbarn. »Die Straße wird immer lebendiger«, sagt Isa Henselmann. »Viel mehr als früher.«

Es ist später Nachmittag, und sie steht im Wohnzimmer. Die Schleifglastüren werfen das Licht in Mustern aufs Parkett. In den Regalen stauen sich Bücher: Le Corbusier, Schinkel, Mies van der Rohe, dicke Folianten zur Geschichte der Allee, zum Leben und zum Vermächtnis ihres Vaters. Leicht angestaubt liegt unter einigen Bänden ein Karton: Stalinallee. Ein Spiel auf Ehre und Gewissen. Die Figuren sind noch in ihren Plastikrahmen, die Karten eingeschweißt.

***

Kapitel 2

Honeckers Butler
bringt die Zeitung

Lothar Herzog kümmerte sich als persönlicher Kellner zwölf Jahre um den Staatsratsvorsitzenden der DDR. Heute trägt er in der Karl-Marx-Allee Gratiszeitungen aus. Ein Rundgang mit 1.380 Exemplaren
Von Steffen Dobbert

Anfang der Neunziger, als die Mauer gefallen war, erhob sich Lothar Herzog von der Couch. Er guckte seine Frau an und verkündete, einen Seat Ibiza wie in der Glücksrad-Sendung zu kaufen. Ein paar Tage später war das erste Westauto da.

Mittlerweile fährt er seinen sechsten Seat, neues Modell, mit vollem Kofferraum in eine Seitenstraße der Karl-Marx-Allee. Der Rentner macht das jeden Mittwoch: holt die Zeitungen ab, fährt mit ihnen zur Sammelstelle der Zeitungsverteiler, stapelt die Bündel aus dem Kofferraum in einen Ziehwagen und läuft los.

Als es die DDR noch gab, arbeitete Lothar Herzog mehr als zwei Jahrzehnte in der Zentrale der SED, die meiste Zeit als Personenschützer und persönlicher Kellner des Staatsratsvorsitzenden. Mit Erich Honecker reiste er zu Staatsbesuchen in mehr als 30 Länder. Jetzt verteilt er Gratiszeitungen, damit er unter Leute kommt.

An diesem Mittwochmorgen zieht er seinen Zeitungswagen in Jeans und T-Shirt, frisch rasiert. Der Asphalt ist mit Regentropfen befleckt, über den Dächern steht ein blasser Regenbogen. Er ist seit sechs wach, seit kurz nach acht auf den Beinen. Dazwischen lag er schlaflos neben seiner Frau, wie fast jeden Morgen. Lothar Herzog ist 70 Jahre alt. Er würde 20 Jahre jünger aussehen, wenn unter seinen Augen nicht diese Ringe wären.

10:32 Uhr, nach ein paar Metern überquert er am U-Bahnhof Weberwiese die Karl-Marx-Allee, vor ihm ein Hauseingang, neben ihm der Rosengarten. Hier begann am Vorabend des 17. Juni 1953 der Volksaufstand in der DDR. Vier Jahre war die kommunistische Diktatur da alt. Vielleicht wäre ihre Geschichte eine andere geworden, wenn damals nicht 600 sowjetische Panzer den Protest der Arbeiter erdrückt hätten. Vielleicht wäre Lothar Herzog dann nicht einer der besten Kellnerlehrlinge im Chemnitzer Hof geworden. Vielleicht hätte er dann nicht im Nordosten von Berlin, in der Wohnsiedlung des Zentralkomitees der DDR, Langnese-Honig zum Frühstück serviert.

Wenn er morgens wach im Bett liegt, denkt er manchmal an so was, oder an die Silvesternächte, in denen er mit Honecker auf ein neues sozialistisches Jahr anstieß.

Ein Diener der Mächtigen

11:04 Uhr, er verschwindet mit zwölf Zeitungen in einem Hauseingang in der Richard-Sorge-Straße, benannt nach dem Spion, der für Stalin arbeitete. Schon bevor Lothar Herzog diese Tür aufschloss, wusste er, wie viele Briefkästen ihn mit »Bitte-keine-Werbung«-Aufkleber erwarten. Seine Zeitungsrunde dreht er seit Jahren. Jetzt summt er zur Musik, zwei Etagen über ihm spielt jemand hinterm offenen Fenster Klavier.

Ein paar Meter weiter hat eine Schneiderin ihr Geschäft »manisch kreativ« genannt. An der Straßenecke sitzt ein Ägypter in seinem Gewürzladen. Gegenüber frittiert Ben Pommes. Ben kommt aus Amsterdam und hat die Klo-Wände seines Imbissrestaurants knallrot gestrichen. Mittags bietet er Loungemusik zu Hamburgern mit »handgeformtem Neuland-Rindfleisch« an, und Lothar Herzog, der auf seinem Zeitungsweg hier manchmal eine Pinkelpause macht, sagt, der Laden werde immer beliebter.

»Berlin, der Schutthaufen bei Potsdam«, schrieb Bertolt Brecht nach dem zweiten Weltkrieg über diese Gegend. Lothar Herzog war da noch ein Kleinkind, die Stalinallee nur eine Idee. Ein paar Jahre später entstand sie als sowjetisches Wunschbild für das »Nationale Aufbauprogramm Berlins«. Später rannten Bürger protestierend oder demonstrierend über sie hinweg und Politiker änderten ihren Namen. Nach der Wiedervereinigung war sie als Karl-Marx-Allee für viele bloß eine sechsspurige Ausfallstraße. Mittlerweile gehört Friedrichshain, der Stadtteil Berlins, den sie durchkreuzt, zu den In-Bezirken der Hauptstadt. Einmal im Jahr, wenn die Allee zur weltgrößten Biermeile wird, stoßen 800.000 Touristen auf ihr an.

Die Geschichte der Stalinallee

Um 13:22 Uhr steht Lothar Herzog in seinem Lieblingshaus: vierundfünfzig Briefkästen, mehr gibt es auf seiner Strecke pro Haustür nicht, danach ist der Ziehwagen fast leer. Mit der linken Hand hält er einen Zeitungsstapel hoch, wie ein Tablett. Mit der rechten faltet und steckt er jede Ausgabe – klack, klack, sorgfältig und schnell. Insgesamt verteilt er 1.380 gebündelte Exemplare. Pro Stück eineinhalb Cent. Pro Stunde weniger als fünf Euro.

Er sagt, er habe es sein Leben lang gern gearbeitet. Mehr als 400 Mal reiste er mit den Politikern allein in die Sowjetunion. In Moskau besuchte er den Russischen Staatszirkus. In Japan fuhr er mit dem Schnellzug von Tokio nach Osaka. In Ägypten blickte er über den gerade erbauten Assuan-Staudamm. Vor Kuba angelte er auf Fidel Castros Privatinsel. Und als Helmut Schmidt sich mit Erich Honecker in dessen Jagdschloss Hubertusstock traf, servierte er Kartoffelsuppe.

Dann noch Breschnew, Ceaușescu und der Kaiser aus Japan. Wenn er über die Politiker der Weltgeschichte spricht, redet er über Biersorten, Flugzeugtypen oder Hoteltapeten. Kaffee und Kuchen waren ihm immer näher als die Politiker, die er dazu bediente. Wie jeder DDR-Beamte war Lothar Herzog SED-Mitglied. Von seinem Berufsleben erzählen durfte er nicht. Die Stasi hörte auch seine Telefonate ab.

An einer Laterne vor seinem Lieblingshaus hängt noch das Wahlplakat der Linkspartei. Es wirbt für eine »Millionärssteuer«. Darunter ein Schild der CDU: »Sichere Arbeit«. Lothar Herzog geht daran vorbei. Beide Parteien habe er nie gewählt, sagt er. Steinbrück sei ihm in der Vorwahlzeit zu arrogant gewesen, Merkel naja, wirkt fast so unnahbar wie Honecker. Danach stoppt der Zeitungswagen für einen Augenblick. Lothar Herzog hat das eben einfach so gesagt, ohne zu zögern. Das sei damals nicht möglich gewesen.

14:54 Uhr, er schiebt den Zeitungswagen zurück in die Sammelstelle und steigt langsam in seinen Ibiza. Das letzte Exemplar hat wie jede Woche die Friseurin in der Auerstraße bekommen. Sie hat das Blatt wie jede Woche neben die bunten Gratisbonbons für ihre Kunden gelegt. Für Lothar Herzog und seine Frau ist keine Zeitung übergeblieben.

Auf dem kurzen Weg zurück zur Wohnung erzählt er von seinem ersten Trabant. Zehn Jahre musste er darauf warten. Als das Auto da war, nannten seine Kinder es »blaues Wunder«, wegen der Farbe. Ein paar Jahre später hieß es nur noch »geschecktes Wunder«, wegen der Ersatzteile.

Lothar Herzog parkt rückwärts vor seiner Wohnung ein und geht hoch auf die Couch.

***

Kapitel 3

»Und Gorbatschow war der hochprozentige Wodka!«

Sonntagabend in der Karl-Marx-Allee 108. Anne, Nina, Jan und Bartholomaeus sitzen mit Bierflaschen in ihrer WG. Thimon, ihr Nachbar, kommt dazu. Ein Gespräch über ihre Straße
Von Steffen Dobbert

Thimon: Als ich aus Neukölln hierhergezogen bin, hatte ich nur Vorurteile, Ostblock und so. Davon hat sich nichts bestätigt.

Jan: Das ist hier ja auch nicht der tiefste Osten.

Thimon: Wir leben hier mit drei verschiedenen Menschentypen zusammen. Die Alten, die hängengeblieben sind, manchmal mit dem Glas an der Wand stehen, um mitzuhören. Die eine Oma aus dem vierten Stock ist so eine.

Nina: Die immer im Bademantel die Tür aufmacht?

Thimon: Nein, die andere, die immer die Polizei ruft. Diese Typen haben die alten DDR-Sitten noch immer drauf: Alles kontrollieren, bewahren und immer ordentlich bleiben. Dann gibt es hier im Kiez noch die Ökos mit ihren Dreadlocks und ziemlich viele Leute aus den Medien – Moderatoren, Schauspieler und so Leute. Schon lustig. Ich bin eigentlich hier nur gelandet, weil ich woanders nichts Bezahlbares mehr gefunden habe. Dann habe ich mir vor zwei Jahren die Bude hier angeguckt. Alles top: zum Süden offen, U-Bahn vor der Haustür.

Thimon hat sich aus der Küche etwas zu essen geholt. Er ist 29 Jahre; seine Nachbarn, die vier WG-Bewohner, sind zwischen 21 und 25 Jahre alt. Sie sind zu jung, um die historische Vergangenheit auf ihrer Straße miterlebt zu haben. Was vor ihren Fenstern am 17. Juni 1953 geschah, weiß niemand genau.

Nina: Irgendwas mit den Russen?

Thimon: Bestimmt wieder irgend so eine Revolte. Oder wurde die Mauer da aufgebaut?

Jan: In Belgien habe ich irgendwann im Geschichtsunterricht gelernt, der Osten war kommunistisch, der Westen kapitalistisch. Viele wollten immer vom Osten in den Westen, aber was das bedeutet hat – keine Ahnung.

Thimon: Die, die hier blieben, glauben noch heute, vieles sei damals besser gewesen.

Jan: Wer damals ein Auto haben wollte, musste fünf Jahre darauf warten.

Thimon: Die Nachbarin von gegenüber hat mir, als sie noch lebte, gesagt, damals hatten alle immer ein Dach über dem Kopf, es gab keine Arbeitslosigkeit, keine Junkies und niemand musste hungern.

Bartholomaeus: Von meiner Familie aus Polen kenne ich ein paar Storys über die kommunistische Zeit. Die Schüler mussten zu Kundgebungen gehen, Schilder mit Lenin oder sonst wem hochhalten und immer lächeln.

Nina: Die von gegenüber ist letztes Jahr gestorben, oder? Schade, mit der hat man gern gequatscht, die hat das alles erlebt.

Thimon: Da bin ich auch gerne auf einen Kaffee mit Kuchen vorbeigegangen. Manchmal ist sie über Nacht in ihren Garten gefahren und hat gesagt: Heute könnt ihr die Musik richtig aufdrehen. Das Zusammenleben im Haus ist schon gut. Wir leben hier mit alten DDR-Bürgern, mit Familien, die Kleinkinder haben, und fünf weiteren WGs zusammen. Von oben habe ich mir schon mal den Staubsauger ausgeliehen.

Nina: Die Wohnung der Oma ist immer noch frei?

Thimon: Die wurde saniert. Der Hausmeister hat mir erzählt, neue Mieter müssten 250 Euro mehr zahlen. Ich sage immer: Wenn man nicht stirbt, sollte man die Verträge nicht aufgeben. Die Preise gehen in die Höhe, ist bald unbezahlbar.

Mietpreisentwicklung seit 1953

Karl-Marx-Allee 58: Mietpreise seit 1953

Quellen

Jan, der Belgier hat seine Bierflasche ausgetrunken. Er hat in Gent Innenarchitektur studiert. Seine deutsche Freundin hat er vor drei Jahren in Barcelona kennengelernt. Als sie eine Stelle in einer Berliner Schule bekam, packte Jan und zog in ihre Nähe nach Berlin. In seinem WG-Zimmer steht ein elektronisches Schlagzeug, ein Liegestuhl, auf dem eine Gasmaske und der Film Good bye Lenin liegt. Er fragt, ob sich die WG vielleicht mal Das Leben der Anderen anschauen sollte, um was über den 17. Juni 1953, Erich Honecker und die DDR zu erfahren.

Nina: War Erich Honecker nicht in der SPD? War das der mit dem Bruderkuss mit Gorbatschow?

Bartholomaeus: Ich hätte gesagt, der war in der SED-Partei der DDR.

Thimon: Und Gorbatschow war der hochprozentige Wodka! Schon klar! Ich weiß zumindest noch was vom Tag, als die Mauer fiel. Da bin ich für einige Stunden rübergekommen. Da war hier noch alles grau, überall Baulücken vom Krieg und nichts gentrifiziert. Als ich dann wieder zurück in den Westen kam, hat alles geleuchtet – Reklame, blink, blink, überall.

Jan: Inzwischen gibt’s hier genauso viele Läden, Clubs, Geschäfte.

Bartholomaeus: Ich denke, man sollte einfach nicht mehr über den Westen und den Osten sprechen. Das behindert die Integration immer wieder.

Thimon und Nina: Aber man spürt es noch!

Anne: Meine Eltern sprechen auch immer noch davon, dass ihr Kind, also ich, in West-Berlin aufgewachsen ist, nun im Osten wohnt. Ich wehre mich dagegen. Ich wohne in Friedrichshain, da ist es nicht so spießig wie in Wilmersdorf.

Thimon: Du gehst hier einmal um die Ecke und bist unter Touristen und Partyleuten bis zum Abwinken. Zum Club im Berghain sind es drei Minuten. Ich habe gelesen, die Warschauer Straße sei die meistbesuchte Straße Deutschlands, noch vor der Reeperbahn. Und dann haben wir noch unseren Fleischer im Erdgeschoss, der war bestimmt schon vor der Wende so, wie er heute ist.

Jan: Der ist echt – mit Schürze, Glatze, Riesenmesser und viel blutigem Fleisch.

Nina: Hier oben hört man ihn morgens immer hacken.

Jan: Ich höre hier gar nichts. Die Wohnungen sind superkrass isoliert.

Nina: Was ich aus meinem Studium weiß: Die Stalinallee wurde nach dem Krieg aus Trümmern erbaut, von vorne sollte es wie der tolle neue Osten aussehen.

Anne: Das war das Protzigste, was damals ging.

Bartholomaeus: Diese Breite, die Fassade, man kann das gut oder schlecht finden, aber die Allee ist was Besonderes.

Jan: Klar, mein wichtigster Ort ist der Nahkauf hier um die Ecke, der hat fast alles, und selbst das Bier ist preiswert.

Bartholomaeus: Oder der U-Bahnhof vor der Tür, von da kann ich in einer Minute fast überall in Berlin sein.

Thimon: Mein Lieblingsort ist auf den Dächern, der Blick von da oben ist unglaublich. Die Kacheln der Häuser sehen immer unterschiedlich aus – mal gelb, mal weiß, kommt immer drauf an, wie das Licht draufscheint. Einfach nur die Straße runterzuschauen, das ist schön.

***

Epilog: Günther kommt immer

Tom’s Laden ist der älteste Supermarkt auf der Karl-Marx-Allee. Gut läuft es nicht: Die Auswahl ist klein, die Discounter sind billiger, die Kunden bleiben weg. Nur ein Mann ist täglich da. Von David Hugendick (Text) und Amélie Losier (Fotografie)

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 1

Es gibt Tage, an denen zählt Tom nach, was noch da ist. Die Modeboutique. Die Apotheke nebenan. Die Zoohandlung gegenüber. Auch das runde Schild draußen vor der Tür hängt noch wie damals vor acht Jahren, rot auf weißem Grund: Tom’s Laden. Als Tom den kleinen Supermarkt übernommen hatte, den einzigen in diesem Abschnitt der Karl-Marx-Allee, hielt er das für ein gutes Geschäft. Inzwischen fragt sich Tom, wie lange es noch gut geht.

Es ist Samstagvormittag und Tom sitzt im seinem Lagerraum. Vor ihm liegt eine Schachtel HB, die langen 100er, manche schon verglommen und zerdrückt im Aschenbecher, der mal wieder geleert werden könnte. Die Neonröhre ist aus. Tom ist ein stämmiger Mann mit blondierten Haaren. Die 52 Jahre sieht man nur seinen Händen an, rau und groß, vom Schleppen der Kisten, die sich um ihn herum auf den Fliesen stapeln. Der Bewegungsmelder klingelt: Kundschaft. Tom blickt auf seine Uhr, schwarz, Armani. Es ist kurz vor elf. Gleich kommt Günther.

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 2

Günther ist 89. Er wohnt im Nachbarhaus, ein Erstbewohner der Allee, vor 60 Jahren zog er ein. Tom’s Laden kannte er schon, als es noch Milchladen war mit Zinkkannen, dann ein Konsum, dann ein Edeka. Als seine Frau noch lebte, wartete er immer draußen vor der Tür. Vor vier Jahren ist sie gestorben, und seitdem muss er alles selbst erledigen. Und von da an kam Günther jeden Tag, obwohl er oft nichts brauchte außer einen Pappbecher Kaffee und einen Platz auf der Eckbank zwischen den Bierkisten und den Paketen mit dem Klopapier. Wochentags von zwei bis fünf, Samstags von elf bis eins.

Auch an diesem Samstag ist Günther pünktlich. Ein kleiner schmaler Herr mit wässrigen Augen, er schlurft leicht. Eine Aushilfe steht an der Kasse und vom Lager aus guckt Tom auf einen Ausschnitt der 50 Quadratmeter, die er heute den größten Fehler seines Lebens nennt. Er sieht Tresen, Süßigkeitenregal, Kaffeeautomat, er sieht die Energydrinks und die Halsbonbons und er sieht die 1.312 Euro Kaltmiete, die ihn das im Monat kostet und dass er im Winter sich die Heizung nicht leistet. Wenn Tom so in seinen Laden guckt, sagt Günther: »Kiek nicht dahin.« Oder er sagt Also und danach oft nichts, weil ein Also oft ausreicht, wenn man sich versteht.

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 3

Günther war selbst einmal Chef eines Gemüsegeschäfts, früher in der DDR, solange »bis die Jalousien« runtergingen. »Ich war ein sogenannter vorbildlicher Arbeiter«, sagt Günther. »Linientreu warst du«, sagt Tom. Und Günther sagt »Nee, nee« und hustet und sagt: »Eine rote Socke.« Und Tom sagt: »Sag ich doch.« Honecker ernannte Günther sogar zum Helden der Arbeit, das gab eine Medaille, eine rote Mappe und 10.000 Ostmark. Tom raucht. Günther raucht. So vergeht die Zeit.

Der Bewegungsmelder klingelt. Die Aushilfe sortiert Flaschen in die leeren roten Kisten. Viele Kunden kommen wegen des Pfands hierher. Alkoholiker, sagt Tom, die kaufen selten mehr als ihr Bier. Dabei sei doch alles da: Zahnpasta, Seife, Dosengerichte, Backpulver. Natürlich alles etwas teurer als beim Discounter, mit denen kann Tom nicht mithalten. Neulich wollte er Obst vor die Tür stellen, da sei gleich das Ordnungsamt angerückt, dabei sind die Bürgersteige hier doch breiter als drüben im Westen auf dem Ku’damm. Tom fragt sich oft, ob er es hier bis zur Rente schafft.

Günther sagt: »Gewinnen wir eben im Lotto, dann findet ihr uns auf Malle.« Tom sagt: »So ist es.«

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 4

Vor der Wende hat Tom in der Ostberliner Gastronomie gearbeitet, schnell wurde er Servicechef eines großen Restaurants. Es ging immer nach oben, sagt er. Glücklich war er nicht. Vier Jahre lang wartete er auf einen Ausreiseantrag, saß Stunden auf den Fluren der Staatssicherheit. Reine Schikane. Einmal hielt die Armee ihn 48 Stunden fest. Sie sagten ihm: Das Tageslicht sehe er nie wieder. Kurz bevor die Mauer fiel, durfte Tom nach West-Berlin. Dort leitete er später bald seine erste Supermarkt-Filiale, bis er bei einer Schokoladenfirma landete. Elf Jahre Außendienst. Das mit dem Laden habe sich danach »halt ergeben«.

Günther schaut in seinen Pappbecher und sagt: Mit so einem Laden war man früher ein gemachter Mann. Tom sagt: »Ich glaube, früher hätten wir uns nicht einmal gekannt.«

Kürzlich sind die beiden Kaffeetrinken gewesen, in einem Café, die Straße hoch. Die Kellnerin hatte Günther angeschaut und zu Tom gesagt, er käme ganz nach seinem Vater. Wenn Tom das erzählt, müssen beide lachen und das hört sich heiser an und auch ein bisschen traurig. Der Bewegungsmelder ist still. Wie oft er am Tag anspringt, kann Tom nicht sagen. Laufkundschaft gibt es kaum. »Ich lebe von den alten Leuten«, sagt er, und die werden immer weniger oder lassen sich ihren Einkauf liefern. Im Block von Günther wohnt noch ein anderer Erstmieter, der ist schon 94. Tom sagt: »Siehst Du«. Günther sagt: »Aber ich bin ja noch da.« Und Tom sagt: »Ja, ich weiß.«

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 5

Die Wohnungen in der Karl-Marx-Allee werden von Jahr zu Jahr begehrter: für Galeristen, Maler, Musiker, Leute mit Geld, denen die Mietpreise nichts ausmachen und die es sich leisten können, in den neuen Geschäften einzukaufen, die an der Allee entstanden sind. Dänische Designmöbelhäuser. Steakrestaurants. Mountainbikemanufakturen. Bio-Supermärkte. Viele neue Mieter kommen aus dem Ausland. Auch viele Studenten-WGs ziehen hierher, weil die Straße günstig liegt. Kürzlich wurden im Nachbarhaus die Briefkästen herausgerissen. Tom sagt: Das waren die jungen Leute. Sie zögen hierher, wohnten hier ein Jahr und danach müsse man alles renovieren. Ein Jammer, sagt Günther.

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 6

Als er 1953 in seine Zweizimmerwohnung eingezogen ist, da sei das wie im »Paradies« gewesen. 62 Quadratmeter, Wasser aus der Wand, Müllschlucker und vor der Tür spannten sich die Markisen. Wenn er heute über die Straße läuft, ärgern ihn die Kneipen und die Geschäfte, die nicht mehr da sind. Ohne ihn wäre die Apotheke auch schon weg, sagt Günther. Der Bewegungsmelder klingelt. Es ist ein Uhr. Tom leert den Aschenbecher und geht an die Kasse. Noch eine halbe Stunde bis zum Feierabend.

Günther sagt: »Die guten Arbeiter wurde damals belohnt.« Tom sagt: »Ach, erzähl doch keinen Quatsch.« Günther sagt: »Also.«

Toms Supermarkt in der Karl-Marx-Allee Bild 7

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Historischer Falk-Stadtplan von 1966

Mit freundlicher Genehmigung von Falk Verlag und Landkartenarchiv.de