Ars Electronica "Das Festival bleibt Labor"
Seit 30 Jahren widmet sich die Ars Electronica der Medienkunst. Der künstlerische Leiter Gerfried Stocker über Net Art und die kulturelle Bedeutung digitaler Netzwerke
ZEIT ONLINE: Herr Stocker, nach 30 Jahren ist die Ars Electronica als Festival etabliert. Besteht da nicht die Gefahr, Wagemut und Experimentierfreude einzubüßen?

Gerfried Stocker, 45, warnt vor naiver Euphorie gegenüber digitalen Netzwerken
Gerfried Stocker: Ich hoffe nicht. Dieses Festival soll ein Labor bleiben. Wir laden Künstler ein zu einem Zeitpunkt, wenn sie mit ihren Projekten noch nicht fertig sind. Dadurch entsteht eine Vitalität, die strukturell gegen das Establishment kämpft.
ZEIT ONLINE: Im Laufe der Jahrzehnte gab es Wegweisendes zu sehen, aber auch zahlreiche Flops.
Stocker: Es sind immer wieder Dinge gehypt worden, die sich in der Folge erledigt haben. Die Ars Electronica ist nur ein Spiegel. Wenn man sich heute Videoaufnahmen mit Marvin Minsky und Timothy Leary anschaut, muss man lächeln. Gleichwohl sind viele Visionen von damals eingetroffen. Auch die Global-Village-Geschichte vom Anfang der Neunziger, die ein paar Jahre später als völlig naive Idee verunglimpft wurde. Und jetzt haben wir Wikipedia, HiperBarrio ...
ZEIT ONLINE: … eine Gemeinschaft junger Blogger, die in diesem Jahr auf dem Festival mit der Goldenen Nica in der Kategorie "Digital Communities" ausgezeichnet wurde.
- Festival
Die Ars Electronica wird seit 1979 jährlich in Linz veranstaltet. Es ist das international bedeutendste Festival für digitale und Medien-Kunst. Trends und langfristige Entwicklungen werden in Form von künstlerischen Werke, Diskussionsforen und Symposien vorgestellt. Im Rahmen des Festivals werden die Prix Ars Electronica verliehen. Im Jahre 2009 gab es 3017 Einreichungen aus 68 Ländern. Das Festival versteht sich, wie es im Untertitel heißt, als Schnittstelle von "Kunst, Technologie und Gesellschaft". Seit 1996 ist Gerfried Stocker der künstlerische Leiter der Ars Electronica.
Stocker: Es gibt diese Demokratisierung und die Emanzipation der Zivilgesellschaft. Natürlich gibt es auch rein kommerzielle und oberflächliche Dinge. Der Erfolg von Facebook ist millionenfach größer als der von HiperBarrio. Aber es geht ja nie um Quantität, sondern um Qualität. Es ist interessant zu beobachten, wie sich die Visionen mit der Zeit transformieren.
ZEIT ONLINE: Eines der großen Themen der neunziger Jahre war die Netzkunst. Mittlerweile ist sie fast ein bisschen in Vergessenheit geraten. Woran mag das liegen?
Stocker: Die Netzkunst hat uns in erster Linie geholfen, die Strukturen und Mechanismen des Netzes zu entschlüsseln und ihre Bedeutung darzustellen. Die Dynamik des Netzes ist ein Prozess. Der Prozess aber steht im Gegensatz zum Museum. Eines der großen Missverständnisse rund um die Medienkunst ist es, sie immer wieder in den Kontext der bildenden Kunst zu stellen. Die enorme Diversität, die die Medienkunst ausmacht, lässt sich schwerlich in ein Museum stellen.
ZEIT ONLINE: Ein wichtiger Aspekt der Netzkunstarbeiten war das Moment des Fakes. Auf der aktuellen Ars Electronica kehrt dieser Aspekt in der Mali-Arbeit von Niklas Roy wieder, die sich ebenfalls als Fälschung herausstellte.
Stocker: Damals hat das Netz begonnen, eine neue Form der Öffentlichkeit zu etablieren, einen sozialen Raum. Das Spiel mit der Wahrnehmung und der Erfindung von Wirklichkeit besitzt eine visionäre, künstlerische Kraft, die uns auf Bruchstellen hinweist. Niklas Roy greift das nun im Rahmen des Projekts 80 + 1 rund 15 Jahre später auf. Damals war es Grundlagenforschung, heute ist es die angewandte Forschung.
ZEIT ONLINE: Wohin wird die Zukunft gehen, angesichts von Themenfeldern wie Cloud Computing, Cloud Intelligence und Activism, die in diesem Jahr auf der Ars Electronica diskutiert werden?
Stocker: Zunächst müssen wir zu einer Globalisierung des Handelns kommen. Diese Kulturtechnik müssen wir entwickeln, um mit der Realität fertig zu werden. Die Lebensrealität der 6,8 Milliarden Erdenbewohner wird definiert von Prozessen, die in globalen Netzwerken ablaufen. Die Wirtschaftskrise des letzten Jahres hat uns das eindrucksvoll vor Augen geführt. Wir müssen nicht nur in den Expertenkreisen handeln, sondern vor allem in der Zivilgesellschaft.
ZEIT ONLINE: Welches Problem birgt die Realität denn?
Stocker: Ein zentrales Problem ist das der Identität, der Privacy, der Überwachung. Die Betroffenen können sich nur organisiert zur Wehr setzen. Wir, die Gesellschaft, erzeugen gerade die größten Gesellschaftsprobleme überhaupt, in dem wir unreflektiert und mit naiver Euphorie die neuen Medien umarmen. So faszinierend es ist, die Facebooks und Twitters dieser Welt zu nutzen, so gefährlich ist es. Wir öffnen damit Freiräume für Kontrolle. Wir haben noch nicht gelernt, die virtuelle Sphäre wirklich ernst zu nehmen.
Das Gespräch führte Markus Zinsmaier.
- Datum 07.09.2009 - 16:48 Uhr
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