Ars Electronica "Das Festival bleibt Labor"Seite 2/2
Stocker: Die Netzkunst hat uns in erster Linie geholfen, die Strukturen und Mechanismen des Netzes zu entschlüsseln und ihre Bedeutung darzustellen. Die Dynamik des Netzes ist ein Prozess. Der Prozess aber steht im Gegensatz zum Museum. Eines der großen Missverständnisse rund um die Medienkunst ist es, sie immer wieder in den Kontext der bildenden Kunst zu stellen. Die enorme Diversität, die die Medienkunst ausmacht, lässt sich schwerlich in ein Museum stellen.
ZEIT ONLINE: Ein wichtiger Aspekt der Netzkunstarbeiten war das Moment des Fakes. Auf der aktuellen Ars Electronica kehrt dieser Aspekt in der Mali-Arbeit von Niklas Roy wieder, die sich ebenfalls als Fälschung herausstellte.
Stocker: Damals hat das Netz begonnen, eine neue Form der Öffentlichkeit zu etablieren, einen sozialen Raum. Das Spiel mit der Wahrnehmung und der Erfindung von Wirklichkeit besitzt eine visionäre, künstlerische Kraft, die uns auf Bruchstellen hinweist. Niklas Roy greift das nun im Rahmen des Projekts 80 + 1 rund 15 Jahre später auf. Damals war es Grundlagenforschung, heute ist es die angewandte Forschung.
ZEIT ONLINE: Wohin wird die Zukunft gehen, angesichts von Themenfeldern wie Cloud Computing, Cloud Intelligence und Activism, die in diesem Jahr auf der Ars Electronica diskutiert werden?
Stocker: Zunächst müssen wir zu einer Globalisierung des Handelns kommen. Diese Kulturtechnik müssen wir entwickeln, um mit der Realität fertig zu werden. Die Lebensrealität der 6,8 Milliarden Erdenbewohner wird definiert von Prozessen, die in globalen Netzwerken ablaufen. Die Wirtschaftskrise des letzten Jahres hat uns das eindrucksvoll vor Augen geführt. Wir müssen nicht nur in den Expertenkreisen handeln, sondern vor allem in der Zivilgesellschaft.
ZEIT ONLINE: Welches Problem birgt die Realität denn?
Stocker: Ein zentrales Problem ist das der Identität, der Privacy, der Überwachung. Die Betroffenen können sich nur organisiert zur Wehr setzen. Wir, die Gesellschaft, erzeugen gerade die größten Gesellschaftsprobleme überhaupt, in dem wir unreflektiert und mit naiver Euphorie die neuen Medien umarmen. So faszinierend es ist, die Facebooks und Twitters dieser Welt zu nutzen, so gefährlich ist es. Wir öffnen damit Freiräume für Kontrolle. Wir haben noch nicht gelernt, die virtuelle Sphäre wirklich ernst zu nehmen.
Das Gespräch führte Markus Zinsmaier.
- Datum 07.09.2009 - 16:48 Uhr
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