Wer an einem Tag kurz hintereinander einen umweltfreundlichen Vibrator präsentiert bekommt, das Skelett einer Riesenkakerlake streichelt und mit einem menschelnden Roboter spricht, fragt sich, auf welchem Planeten er eigentlich gelandet ist. Der Planet heißt Ars Electronica, befindet sich in Linz und feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen.

Zwischen großem Wurf und plakativer Provokation liegt auf der Ars Electronica oftmals nur eine Vitrine. Seit 1979, als das Festival zum ersten Mal die Stadt Linz und all die künftigen Medienkunst-Nerds rund um den Globus durchrüttelte, ist man dem Anspruch treu geblieben, an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft zu operieren. In diesem Jahr ließ man im Rahmen der "Klangwolke" farbenprächtig die Arche Noah in der Donau versinken. Merkwürdige bleiche Tierkörper flanierten durch die Stadt. Die Ars Electronica folgt einem Dreiklang aus Leistungsschau, Publikumsmagnet und Avantgardeveranstaltung. Zwischen Event fürs große Publikum, der Verleihung der Prix Ars Electronica finden sich die Symposien: Veranstaltungen für Spezialisten, auf denen schon mal die Zukunft unseres Planeten verhandelt wird. Diskutiert wird über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.

Die digitale Kunst nimmt seit den Anfängen eine zentrale Rolle im Festival ein. Bereits 1989 diskutierte man über das "Netz der Systeme", später über virtuelle Welten (1990), genetische Kunst (1993) oder den "Code, die Sprache unserer Zeit" (2003). In diesem Jahr drehte sich alles um die Human Nature. Das darunter nicht nur Hiroshi Ishiguros Roboter HI-1 und die zahlreichen (inszenierten) Gen-Kunstwerke zu fassen sind, sondern auch die Frage nach der Zukunft unserer vernetzten Welt, zeigt die Spannbreite des Themas.

Im hochkarätig besetzten Symposium trafen einige der brillantesten Köpfe der aktuellen Netzgemeinde aufeinander, darunter Global Voices-Mitbegründer Ethan Zuckerman, der chinesische Internet-Aktivist Isaac Mao und Blogger David Sasaki.
Mao gab sich zuversichtlich, was die Zukunft angeht - trotz des bis kurz vor Abreise nach Linz über ihn verhängten Ausreiseverbots. "Eines Tages wird Zensur nichts mehr nützen", sagte der chinesische Blogger. Mit dem Online-Zusammenschluss von Intelligenz, der Cloud Intelligence, "sehen wir die Evolution am Werk. Wir haben mittlerweile viele Brücken, wo früher keine waren". Ein Beispiel hatte der Aktivist auch parat: Unlängst sei ein Kollege in China verhaftet worden. Der habe kurz vor seiner Gefangennahme eine Twitter-Meldung abgesetzt. Darauf habe die Netzgemeinde in so großer Zahl Postkarten an das entsprechende Gefängnis geschickt, dass der Aktivist wieder freikam.

Eine schöne Geschichte, die aber nur einen Teil der Wahrheit abbildet. "Wir haben festgestellt“, sagt Ethan Zuckerman, dass Falschinformationen ebenso schnell sind wie die richtigen Informationen." Evgeny Morozov, der den jüngsten Georgien-Konflikt sehr genau beobachtet habe, könne davon ein Lied singen. "Er machte deutlich, dass ein Großteil der Nachrichten, die von der Front kamen, erstunken und erlogen waren. Es war nichts anderes als nationale Propaganda aus russischen Quellen. Die Tools, die wir jetzt beginnen zu nutzen sind so neu, dass wir noch nicht wissen, worauf wir vertrauen können. Wir wissen nicht, was eine vertrauensvolle Quelle ausmacht und was nicht." Die Lösung: Wir müssten uns gewahr werden, was wir tun, im Gegensatz zu dem, was wir glauben zu tun.

Glaube, das Moment des Vertrauens, das Spiel mit Wahrheit und Täuschung, kehrte in vielen Arbeiten der Ars Electronica wieder. Sei es in Lawrence Malstafs vakuumverpackter Menschenfigur Shrink, in Shen Shaomins Fantasieskeletten oder dem vielleicht gelungensten Fake des diesjährigen Festivals: Niklas Roys Water in Africa – Water in Austria (im Rahmen der Nebenreihe 80+1 – Eine Weltreise). Roy imaginierte einen afrikanischen Dorfbrunnen, der mit dem Internet verbunden ist und die Daten des afrikanischen Wasserverbrauchs in Echtzeit nach Linz überträgt, um dort eine Toilettenspülung mit derselben Menge Wasser zu speisen. Der reale Aspekt des Kunstwerks entpuppte sich als Fake, ebenso wie der Name der zeichnenden Künstlerin Melissa Fatoumata Touré, die die Festivalmacher über Monate hinweg narrte.

Das globale Dorf ist zu einer Stadt voller virtueller Straßen und Abgründe geworden, in der an der nächsten Weggabelung schon ein Wegelagerer lauern kann. Trotzdem passiere gerade das Beste, was passieren könne, sagt noch einmal Ethan Zuckerman, der seit 20 Jahren online ist: "Wir sitzen hier in einem Raum nur durch einen Vorhang von einigen der brillantesten Köpfe der Netzgemeinde getrennt. Diese Leute sind dank des Internets hier in Linz und halten Vorträge. Die Organisatoren dieser Konferenz haben nur über das Internet von ihnen erfahren. Und das Interessante daran: Viele dieser Leute waren schon zuvor Freunde, dank virtueller Communitys, in Respekt vor der Arbeit des anderen."