Gespräch mit Balint Havas "Wie verändert uns Gesellschaft?"

Was passiert, wenn man die Frage, ob man in der Geschichte lernen könne, nach langer Zeit demselben Menschen noch einmal stellt? Das Künstlerduo Little Warsaw hat dieses Experiment in ihrem Video gewagt. Ein Gespräch mit Balint Havas, einem der beiden Künstler des Duos

ZEIT ONLINE: Ihr Video ist das Porträt Ihres Kunstprofessors als junger Mann. Es besteht aus Archivmaterial des Jahres 1971. Ungarn verharrte noch hinter dem eisernen Vorhang. Ihr späterer Professor spricht darin über Wahrnehmung und darüber, wie sie sein Verhältnis zur Welt prägt.

Balint Havas: Ja, es geht um die Frage, wie ich als Individuum die Welt draußen in mich aufnehme. Wie trete ich mit meiner Umwelt in Verbindung? Wie kann ich dieses Verhältnis beeinflussen? Welche Möglichkeiten habe ich? Welche Grenzen gibt es?

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Zsigmond Karolyi, der Mann, der hier spricht und später mein Professor wurde, thematisiert das Lernen. Die Schlüsse, die er zieht, sind am Ende auch die Schlüsse, dich ich als Betrachter ziehen werde. Dabei ist er für mich Teil der Außenwelt. Das Video wirkt also wie ein Spiegel: Der junge Mann spricht über die Welt draußen und wie sie ihn beeinflusst, stellt aber für den Betrachter selbst Außenwelt dar und beeinflusst seinerseits den Betrachter.

Für mich trifft das sogar noch in besonderem Maße zu, denn als der Professor, der mich später unterrichtete, wird Karolyis Art der Wahrnehmung meine Art der Wahrnehmung beeinflusst haben.

ZEIT ONLINE: Der Film wurde 1971 gedreht. Es drängt sich die Frage auf, ob wir seitdem etwas aus der Geschichte gelernt haben? Können wir etwas lernen?

Little Warsaw
Little Warsaw

Dem Künstlerduo Little Warsaw gehören die beiden Ungarn András Gálik und Bálint Havas an. Geboren 1970 / 1971 lernten sich beide beim gemeinsamen Studium an der Kunstakademie Budapest kennen. Seit den späten 90er Jahren arbeiten sie unter dem Namen Little Warsaw zusammen und haben seitdem eine große Bandbreite verschiedenster Arbeiten und Projekte verwirklicht.

Little Warsaw zählen heute zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Ungarns. Ihre Arbeit genießt internationale Anerkennung. So waren sie neben vielzähligen Ausstellungen auch auf der Venedig Biennale 2003 vertreten, auf der 2. Berlin Biennale, bei Manifesta 7 sowie in der Apex Art Gallery New York und im Stedelijk Museum Amsterdam. Diverse Preise wurden ihnen verliehen, jüngst ging der Aviva Kunstpreis in Budapest an das Duo.

Havas: Das ist die Hauptfrage, die wir stellen. Wir wollen aber nicht wirklich urteilen und diese Frage mit Ja oder Nein beantworten. Doch wir stellen sie und beobachten, was passiert, wenn man die gleiche Frage jetzt, nach so vielen Jahren, noch einmal stellt. Welchen Einfluss haben die Veränderungen der Welt auf die Frage? Wie wird sie nun aufgefasst?

ZEIT ONLINE: Die Arbeit ist nur der erste Teil Ihrer Videoarbeit. Der zweite Teil wird für das Projekt "Transitland" fertiggestellt und am 3. November zu sehen sein. Dann wird man den jungen Zsigmond Karolyi, heute, als 56-Jährigen, sehen. Welche Rolle spielt die Zeit?

Havas: Ein Zeitsprung ist immer ein interessantes Experiment. Es gibt für eine Videoprojektion stets zwei Kontexte: den des Filmens und den des Betrachtens. Beide klaffen umso weiter auseinander, je weiter man Ort und Zeit von Aufnahme und Abspielen voneinander entfernt. Wir haben nun noch einen Zeitsprung dadurch eingebaut, dass wir im zweiten Teil ein heutiges Porträt des Mannes zeigen. Diese Konstellation zwingt zu einigen Überlegungen zu dem Thema Veränderung: Wie hat sich die Person verändert? Wie hat sich die Welt um die Person herum verändert. Wie hat sich unser Standpunkt verändert?

Gleichzeitig sind die beiden Video-Teile formal recht strikt: Sie halten sich weitgehend an die tradierte Bildsprache von Porträts, was sie zugänglicher macht.

ZEIT ONLINE: In dem ersten Porträt sehe ich im Hintergrund Budapest im Jahr 1971.

Das Porträt ein und derselben Person über diesen großen Zeitsprung hinweg zu zeigen, ist eine Art Schlüssel zum Verständnis, eben weil es natürlich eine Wechselwirkung gibt, zwischen dem Menschen und seiner Gesellschaft.

Balint Havas, ungarischer Künstler

Havas: Das ist ein klassisches Porträtelement: der kleine Ausblick auf die Welt des Porträtierten. Es wäre sehr kompliziert, die Veränderungen, die draußen in der Gesellschaft seit damals stattgefunden haben, zu zeigen und zu beschreiben. Zwischen 1971 und 1989 und heute sind einige wesentliche Grenzen gefallen, nicht nur in Ungarn, auch in Deutschland und Europa, der eiserne Vorhang, die Mauer. Das Porträt ein und derselben Person über diesen großen Zeitsprung hinweg zu zeigen, ist eine Art Schlüssel zum Verständnis, eben weil es natürlich eine Wechselwirkung gibt, zwischen dem Menschen und seiner Gesellschaft. Wir zeichnen nicht das komplexe Panorama einer Gesellschaft damals und heute - nein, es sind nur zwei Porträts desselben Menschen. Sie sind jeweils nur wenige Minuten lang, unter vergleichsweise strikten formalen und inhaltlichen Vorgaben gedreht. Doch umso deutlicher kontrastieren die Veränderungen.

ZEIT ONLINE: Der Fall der Mauer brachte eine sehr große Veränderung in unserer Gesellschaft.

Serie: Kunst zum Mauerfall
Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Havas: Die Generation meines Professors, die in den siebziger und achtziger Jahren gelebt und gearbeitet hat, ist im Kommunismus aufgewachsen und hat dann den Fall des eisernen Vorhangs erlebt. Die drastische Veränderung hat diese Menschen tief geprägt. Der Umbruch ist ihre Haupterfahrung mit der Welt um sie herum. Das hatte auch Auswirkungen auf ihr eigenes Leben, auf die Art und Weise, wie sie Entscheidungen getroffen haben, manchmal treffen mussten. Welches Bild mag sich ein solcher Mensch von seiner unmittelbaren Umwelt machen und von der gesamten Welt? Wie mag er das Zusammenwachsen Europas betrachten, den Zusammenprall der Kulturen weltweit? Antworten auf diese Fragen sind wiederum für uns heute interessant.

ZEIT ONLINE: Ihr Video wird für das Projekt in einer Berliner U-Bahn-Station zu sehen sein. Mit welcher Wirkung, glauben Sie?

Havas: Die Menschen an diesem Ort sind nicht auf ein solches Video gefasst. Die Projektion findet im öffentlichen Raum statt. Sie muss um Aufmerksamkeit ringen - visuell natürlich, aber auch durch seine Bedeutung. Im Gegensatz zu einer Filmvorführung im Kino, wo jeder Kontext wie in einer Art Black Box weitgehend ausgeblendet wird, gibt es hier einen sehr starken Kontext mit einer klaren Funktion und seinen eigenen optischen Ablenkungen. Ob und wie das Video Betrachter gewinnt, darauf sind wir sehr gespannt.

Das Gespräch führte Wenke Husmann.

 
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