Kunst zum Mauerfall, Teil II Die Ohnmacht der Zeit

Ein junger Ungar stellt 1971 die Frage, ob wir etwas aus der Geschichte lernen können. Das Video des Künstlerduos Little Warsaw zwingt uns, uns das heute wieder zu fragen

In ihrem Beitrag für "Kunst zum Mauerfall"– ein Gemeinschaftsprojekt der Künstlerinitiativen Visual Foreign Correspondents und WL project mit ZEIT ONLINE zum Gedenken des 20. Jahrestages des Berliner Mauerfalls verarbeitet das ungarische Künstlerduo Little Warsaw  in seinem Video Game of Changes. Episode 1 40 Jahre altes Archivmaterial. Ein Mann, damals 18 Jahre jung, philosophiert über sein Verhältnis zur Welt. Dass dieser junge Mann später der Professor des Duos wurde, erklärt ein den Aufnahmen vorangestelltes Zitat: „My dear professor, the way he was when I was born – 1971.“

Im Film spricht er vom Lernen als Mittel, die Welt zu verstehen. Bezogen auf den Mauerfall könnte man die Theorie um das Lernen auf die Geschichte beziehen, als frage der Film, ob irgendjemand aus den Fehlern des alten Regimes gelernt habe oder ob diese angeblich drastischen Transformationen nur ein Spiel sind, dessen Regeln sich geändert haben, ohne dass etwas wahrhaftig Revolutionäres stattgefunden hat.

Little Warsaw
Little Warsaw

Dem Künstlerduo Little Warsaw gehören die beiden Ungarn András Gálik und Bálint Havas an. Geboren 1970 / 1971 lernten sich beide beim gemeinsamen Studium an der Kunstakademie Budapest kennen. Seit den späten 90er Jahren arbeiten sie unter dem Namen Little Warsaw zusammen und haben seitdem eine große Bandbreite verschiedenster Arbeiten und Projekte verwirklicht.

Little Warsaw zählen heute zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Ungarns. Ihre Arbeit genießt internationale Anerkennung. So waren sie neben vielzähligen Ausstellungen auch auf der Venedig Biennale 2003 vertreten, auf der 2. Berlin Biennale, bei Manifesta 7 sowie in der Apex Art Gallery New York und im Stedelijk Museum Amsterdam. Diverse Preise wurden ihnen verliehen, jüngst ging der Aviva Kunstpreis in Budapest an das Duo.

András Gálik und Bálint Havas begannen ihre Zusammenarbeit als Künstlerduo Ende der neunziger Jahre nach ihrem Studium an der Budapester Kunstakademie. Ihre Kindheit und Jugend verbrachten sie in den siebziger und achtziger Jahren im kommunistischen Ungarn.

Angefangen mit der Malerei während ihres Studiums haben sie seitdem in verschiedenen Disziplinen gewirkt, ohne sich auf ein bestimmtes Genre festlegen zu lassen. Die Künstler nennen den „sozialen Kontext“ als einen der wichtigsten Aspekte ihrer Arbeit. Mittels detaillierter Recherche bestimmter lokalspezifischer Phänomene tasten sie sich an ein Projekt heran, vergleichbar einer anthropologischen Untersuchung. Im Vordergrund ihrer Arbeit steht eine visuelle Sprache, die sich mit einem kollektiven Bewusstsein und Unterbewusstsein der (ungarischen) Gesellschaft sowie der Rolle der Kunst selbst auseinandersetzt. So sind es auch gerade die Umwälzungen der postkommunistischen Zeit, die sie immer wieder thematisieren.

Dabei ist ihnen der Austausch und oftmals auch die Mitwirkung von Teilen der Bevölkerung wichtig. Oft knüpft die Arbeit an den öffentlichen Raum an und ermöglicht so den Dialog mit einem möglichst breiten Publikum wie hier. Games of Changes, Episode I wird wie die anderen Beiträge des Projekts "Kunst zum Mauerfall"  in der Berliner U-Bahn-Station Kochstraße zu sehen sein.

Serie: Kunst zum Mauerfall
Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Little Warsaw schaffen bestimmte Situationen, in denen unerwartete, oft als Provokation verstandene Eingriffe Reaktionen der Öffentlichkeit hervorrufen. Oft stellen sie einen kritischen Bezug zum Kunstbetrieb her, indem sie auf bestimmte Traditionen künstlerischer Praxis eingehen. So spielen beispielsweise öffentliche Skulpturen und Monumente eine zentrale Rolle in ihren jüngsten Arbeiten.

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Mit der Arbeit Body of Nefertiti,  2003 als Teil der Venedig Biennale im ungarischen Pavillion ausgestellt, schufen sie etwa einen Körper aus Bronze für die im Berliner Ägyptischen Museum aufbewahrte weltberühmte Büste der Nofretete. Ein Video zeigte die temporäre Zusammenfügung von Kopf und Körper.

Wie der Untertitel Episode 1 dieses Beitrags für "Kunst zum Mauerfall" vermuten lässt, ist das nur dreieinhalb Minuten lange Video Teil einer längeren Arbeit, die für das Projekt Transitlandproduziert wurde. Dort werden dem Archivmaterial frisch gedrehte Interviewbeiträge derselben Person fast 40 Jahre später gegenüber gestellt und somit nicht nur die Hoffnungen und Erwartungen eines jungen Erwachsenen aus der Perspektive eines lebenserfahrenen Menschen reflektiert, sondern auch zum Ausdruck gebracht, wie der politische Regimewechsel individuell empfunden wurde.

 
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