Kunst zum Mauerfall, Teil IUm Freiheit muss man immer ringen

Vor 20 Jahren fiel die Mauer. Wir feiern das Fallen einer Grenze. Doch wo finden wir heute noch immer Grenzen, sichtbare oder auch unsichtbare? Dieser Frage gehen in den folgenden sieben Wochen bis zum Jahrestag internationale Künstler im Auftrag einer Künstlerinitiative und von ZEIT ONLINE in ihren Multimedia-Arbeiten nach. Den Anfang macht die Deutsche Berit Zemke mit "Borderliner" von Andrea Sunder-Plassmann

20 Jahre Mauerfall. Das historische Ereignis wird weltumspannend gefeiert. ZEIT ONLINE hat gemeinsam mit WL Project Berlin / Hongkong und Visual Foreign Correspondents Berlin sieben Künstler aus aller Welt gebeten, über das Thema Grenze nachzudenken. Herausgekommen sind Videoarbeiten, die wir von heute an jeden Montag bis zum Jahrestag des Mauerfalls auf ZEIT ONLINE zeigen werden. Zeitgleich sind die Projektionen in der Berliner U-Bahn-Haltestelle Kochstraße zu sehen.

Serie: Kunst zum Mauerfall

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"  |  Berit Zemke

Den Anfang macht die deutsche Künstlerin Berit Zemke. In Borderliner thematisiert sie den Mauerfall und die Demonstrationen, die ihm vorausgingen. Die in der DDR geborene und in Berlin lebende Künstlerin beschäftigt sich mit dem Einfluss von Gesellschaftsstrukturen auf das Integritäts- und Identitätsgefühl der Menschen. Die damit verbundenen komplexen globalen Zusammenhänge kann sie - als jemand, die sowohl in einer Diktatur als auch in der sogenannten freien Marktwirtschaft gelebt hat und lebt – sehr subtil in ihren Arbeiten reflektieren.

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In ihrer politisch motivierten Arbeit sucht sie die Ausweitung auf den öffentlichen Raum und den Diskurs mit der Bevölkerung. Doch was bedeutet es in diesem Zusammenhang, wenn sich eine in Berlin lebende Künstlerin 20 Jahre nach ihren persönlichen Erlebnissen in einem Überwachungsstaat, durch die Ereignisse des elften September in einem verstärkten Maße wieder damit konfrontiert sieht?

Berit Zemke
Berit Zemke

widmet sich seit 2008 vollständig der Medienkunst. Sie bewegt sich in ihrer Arbeit zwischen Kunst und Forschung in der Tradition Duchamps: Die Kenntnis der Wissenschaft sei die einzige Möglichkeit für den Künstler, "sich im Rahmen geistiger Werte durch den Kanal eines Ich-Kults der materialistischen Lage der Dinge zu widersetzen", heißt es bei ihm.

Wo ist in einer Zeit der high technology Geschichte und wo fängt Science-Fiction an? Diese Grenzlinie, diese Borderline scheint Berit Zemke in ihrer Arbeit ausloten zu wollen. Beispielhaft dargestellt an einem Zug von Demonstranten könnten wir uns in der Zeit der Montagsproteste von 1989 befinden. Das Bild ist flach, sie reduziert die Information auf das Wesentliche, auf Schwarz und Weiß. Der binäre Code von Null und Eins kommt einem in den Sinn, und die Arbeit ist auch darüber hinaus in vielerlei Hinsicht codiert. Ein Morsecode erscheint. Die Information ist chiffriert und kann alles bedeuten.

Der Sound des Codes, der in der U-Bahn zwar nicht hörbar aber fühlbar ist, gibt den Takt der Schritte an. Langsam verschwinden die Demonstranten. Das passiert so allmählich, dass bei der ersten Betrachtung der Eindruck entstehen könnte, sie würden kommen und gehen. Am Ende bleibt ein Demonstrant übrig, er verschwindet nicht ganz, flackert wie der Schlag des Herzens immer wieder auf.

Entgegen ihrer Gewohnheit, das Wort nicht als Sprache in ihren Arbeiten zu verwenden, löst Berit Zemke den Morsecode für die Rezipienten der öffentlichen Projektion am Ende auf. Ein Zitat von Benjamin Franklin "Diejenigen, die grundlegende Freiheiten aufgeben würden, um geringe vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit" weisen den Betrachter auf die Konsequenzen des modernen Überwachungsstaates hin. Die Demonstranten werden langsam wieder stärker und beginnen ihren Protest von neuem.

Mit der Methode der Wiederholung bekommt die Arbeit eine Suggestivwirkungen, wie wir es vor allem aus der Pop Art kennen. Berit Zemke hat die Arbeit nicht nur für ZEIT ONLINE, sondern vor allem auch für die Projektion in der U-Bahn-Haltestelle erstellt. Die invertierten Schatten der Borderliner integrieren die Menschen, die auf dem Bahnsteig laufen, in die Arbeit und lassen sie zu Teilnehmern werden an der Demonstration für ein freies, selbst bestimmtes Leben.

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Leserkommentare
  1. Der Beitrag von Kisvarsó Game of Change Episode 1, der in der Kochstr. U-Banh von VFC gezeigt wird stammt von GÀBOR BÒDY: Der Dritte/A harmadik, 1971, Béla Balázs Stúdió. Es handelt sich keineswegs um gefundenes Archivmaterial vor 40 Jahren, wie es die Künstler von Kisvarsó fälschlich im Interview angeben. Ich bitte um dringende Richtigstellung der Tatsachen!!!!!
    Baksa-Soós Vera

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  • Serie Kunst zum Mauerfall
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeit | DDR | Diktatur | Information | Jahrestag | Künstler
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