Kunst zum Mauerfall "Was, wenn sich Datenkontrolle als so ein GAU entpuppt wie die Kernspaltung?"

Wie wir durch Technik, Irrglauben und Angst vor Vereinzelung immer williger Einschränkungen unserer Freiheit hinnehmen. Ein Gespräch mit der Video-Künstlerin Berit Zemke

Berit Zemke

Berit Zemke

ZEIT ONLINE: Vor 20 Jahren ist eine Grenze gefallen, dennoch geht es in Borderliner um Grenzen. Um welche denn?

Berit Zemke: Ich bin mit dem Thema Grenzen aufgewachsen, weil ich meine Kindheit und Jugend in der DDR verbracht habe. Es gibt heute noch Momente, in denen ich ganz real Angst habe, zum Beispiel davor, meine Meinung frei zu äußern. Auch in meiner Arbeit geht es um Freiheit. Freiheit ist ein so präsenter Begriff geworden, man begegnet ihm überall, zuletzt im Wahlkampf. Das ist neu. Und wenn etwas so betont werden muss, kann man misstrauisch werden.

Freiheit wird jüngst gerne mit Anarchie verwechselt, was sie ja nicht ist. Freiheit ist etwas sehr Natürliches. Im Gegensatz zur Grenze, die ein Konstrukt des Menschen ist. Freiheit ist nicht nur von außen bedroht durch ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit oder Macht und Stabilität, sondern auch durch den Menschen selbst. Wenn Menschen verunsichert werden, weil ihnen eine Bedrohung suggeriert wird, werden sie ängstlich. Ein ängstlicher Mensch ist leichter zu manipulieren und empfänglicher für weitere Maßnahmen zu seiner Überwachung, um vorgeblich seine Sicherheit zu gewährleisten. Eine Spirale der Unfreiheit entsteht.

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Diejenigen, die grundlegende Freiheiten aufgeben würden, um geringe vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit

Benjamin Franklin, Gründungsvater der Vereinigten Staaten von Amerika

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihrer Arbeit das Zitat Benjamin Franklins zugrunde gelegt, der vor knapp 200 Jahren sagte: "Diejenigen, die grundlegende Freiheiten aufgeben würden, um geringe vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit:"

Zemke: Ist es nicht erstaunlich, dass jemand, der im 18. Jahrhundert gelebt hat, zu einer Zeit, als die Aufklärung gerade erst begann und die Identität sich erst herausgeschält hat, so einen Bezug zur Freiheit hatte? Er warnte davor, dass wir eingeschränkt werden, um uns zu schützen, denn es könnte sich gegen uns wenden. Das ist wie heute!

ZEIT ONLINE: Warum heißt ihre Arbeit Borderliner - immerhin die Bezeichnung für ein Krankheitsbild?

Wie leicht ist es, Daten von uns zur Sicherheit der Bürger zu übertragen. Was ist, wenn sich das als genau so ein GAU herausstellt wie die Entwicklung der Kernspaltung?

Berit Zemke, Künstlerin

Zemke: Der Begriff spiegelt symbolhaft unser verängstigtes Gesellschaftssystem wider. Er steht für eine Diagnose, bei der die Betroffenen emotional instabil sind, beeinträchtigt in ihren Gefühlen, ihrem Denken und Handeln. Sie denken schwarz-weiß, in Gut und Böse. Die Differenzierungen verschwinden. Der andere ist entweder ganz toll oder verachtenswert. Das erleben wir seit geraumer Zeit auch in unserer Gesellschaft. Wir benutzen beispielsweise in politischen Aussagen die Begriffe von gut und böse wie "the evil".

ZEIT ONLINE: Das klingt pessimistisch und auch die Demonstranten, die sich im Video für die Freiheit einsetzen, verschwinden nach und nach.

Serie: Kunst zum Mauerfall
Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"

Zemke: Wie leicht ist es, Daten von uns zur Sicherheit der Bürger zu übertragen. Was ist, wenn sich das als genau so ein GAU herausstellt wie die Entwicklung der Kernspaltung? Was passiert, wenn ich plötzlich mit dem System, in dem ich leben, nicht mehr einverstanden bin. Systeme können sich schließlich ändern, das haben wir nicht zuletzt ja auch mit dem Mauerfall erlebt. Wie geht es mit Untergrundbewegungen um? Wie kann ich Untergrundbewegungen organisieren, wenn ich so einfach überwacht werden kann? Und das, was heute Terroristen bekämpfen, können genauso gut auch Antifaschisten bekämpfen. Es sind dieselben Mittel, die im falschen System in den falschen Händen ganz großen Schaden anrichten können. Aber ich bin nicht pessimistisch, sondern habe das Gefühl, dass da offensichtlich eine Generation nachkommt, die, obwohl sie so online-affin ist - das haben die ja in die Wiege gelegt bekommen - gut versteht, was hier passiert.

Das Gespräch führte Wenke Husmann

 
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