Kunst zum Mauerfall, Teil V Die neuen Grenzen, die wir lieben
Die brasilianische Videokünstlerin Giselle Beiguelman flutet den Betrachter in ihrer Arbeit mit Verbotsschildern. So führt sie uns vor Augen, wie strikt geregelt unser Alltag bereits ist
In Last Exit Before Reality entlarvt uns Giselle Beiguelman als Kontrollfreaks. Sie karikiert die politisch korrekten Grenzen, die wir scheinbar ohne Widerspruch akzeptieren. Ihr aggressiver Strom von dauernd blinkenden Warn- und Verbotsschildern lässt den Zuschauer ohne Zweifel darüber, dass er ständig unzählige Regeln in unserer strikt kontrollierten Umgebung einhält - und übertritt. Die Videokünstlerin sieht in der stetig steigenden Flut von Gesetzen und Regulierungen sowie deren reibungsloser Akzeptanz in unserer Zivilgesellschaft den Verlust eines Konfliktpotenzials. Sich über Grenzen und Verbote auszutauschen, sie zu diskutieren wäre aber sinnvoll und sollte im öffentlichen Raum stattfinden. Wenn dies nicht geschieht, bedeutet das ein sukzessives Abhandenkommen von öffentlichem Raum.
ZEIT ONLINE: Sie beschreiben Ihre animierten Warn- und Verbotsschilder als "Arbeit, die politisch korrekte Grenzen darstellt, wie sie uns die Kontrollgesellschaft auferlegt". Was meinen Sie damit?
Giselle Beiguelman: In den vergangenen Jahren haben wir immer über kognitiven Kapitalismus gesprochen, und das Entstehen des Web 2.0 schien die Thesen zu bestätigen, dass Wissen und Informationszugang immer wichtiger werden, aber auch neue Monopole und Machtstrukturen schaffen. Wahrer öffentlicher Raum schrumpft. Sogenannte "Fansumers" nehmen inzwischen den Platz der Meinungsbilder ein und üben einen Teil der Macht und Kontrolle in unserer multimedialen Gesellschaft aus. Soziale Netzwerke beispielsweise wachsen und gedeihen nahezu ausschließlich in abgeschotteten, von Unternehmen bereitgestellten Bereichen, in denen wir uns nur unter Leuten bewegen, die den gleichen Geschmack haben wie wir, die gleichen Bücher lesen, Wünsche hegen, Marken konsumieren wie wir selbst.

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"
In einem solchen Umfeld schwindet der Konflikt. Wenn es keine Konflikte mehr gibt, gibt es nur noch eine Richtung, in die wir uns bewegen, und der öffentliche Raum schwindet. Die womöglich beunruhigendste Entwicklung unserer Zeit ist, wie sehr wir diese neuen Regeln und damit die Privatisierung des kulturellen Lebens verinnerlicht haben - wir marschieren wie glückliche Soldaten.
ZEIT ONLINE: Inwiefern ist die Arbeit politisch?
Beiguelman: Das Video untersucht die Mikrokräfte der Macht in unserem Alltag. Ich lebe in Sao Paulo. Dort findet gerade eine sehr eigentümliche Veränderung statt. In den vergangenen zwei oder drei Jahren wurden eine Menge neuer Gesetze verabschiedet. So gibt es nun ein Schweige-Gesetz. Es besagt, dass alle Kneipen in Wohngegenden um 23 Uhr schließen müssen, obwohl die allermeisten Kneipen in Wohngegenden liegen. Oder das Gesetz für eine saubere Stadt: Damit wurden alle Werbe-Flächen aus der Stadt verbannt. Um die leeren Flächen hat sich niemand gekümmert. Oder das Nichtraucher-Gesetz: Nun muss eine Sondereinheit überwachen, ob nicht jemand öffentlich raucht. Und die Prohibition: Niemand mehr, der Auto fährt, darf noch Alkohol trinken.
Natürlich sind einige dieser Gesetzte gut und sinnvoll. Doch sie sind auch Teil einer wachsenden konservativen Bewegung, die jede Debatte über Sinn und Unsinn dieser Gesetze unterdrückt. Alles soll reguliert werden und zwar auf sehr autoritäre Weise. Es geht nur um das Ergebnis der Aktion, nicht um die Mittel und die gesellschaftliche Vermittlung. Kurz, die vorherrschende Idee scheint zu sein, eine politisch korrekte Stadt zu schaffen, ohne sich um die grundlegenden Standards von sozialer Ordnung zu kümmern wie Wohninfrastruktur oder Erziehung.
ZEIT ONLINE: Jüngst gibt es nicht nur immer mehr abgeschottete, private Wohngebiete, sondern auch Maßnahmen wie die der Stadtverwaltung Rio de Janeiros. Sie ließ Mauern errichten, um die Favelas einzudämmen. Wie können Künstler auf solche städtebaulichen Entwicklungen reagieren?
Beiguelman: Die steigende Tendenz zu abgeschotteten Räumen beobachten wir überall. Das Internet besteht aus einer Vielzahl solcher Räume, abgeschottete, von Unternehmen betriebene Bereiche, die sich auf der Verwechslung von "öffentlich" mit "kostenfrei" gründen.

Giselle Beiguelman ist Medienkünstlerin und multimediale Essayistin. Sie unterrichtet Digitale Kultur an der Fakultät für Kommunikation und Semiotik der Universität in São Paulo und ist künstlerische Leiterin des Sergio Motta Art & Technology Awards. In ihrem Werk untersucht die Brasilianerin den kulturellen Einfluss von Internet und Technologie, wie zum Beispiel im preisgekrönten The Book after the Book, einer hypertextuellen und visuellen Abhandlung über Kritik und Webkunst im Netz.
International bekannt ist sie für ihre Projekte, die sie für mobile Träger wie Handys entwickelt hat, und ihre interaktiven Installationen, die der Öffentlichkeit die Mitbenutzung von elektronischen Bildschirmen im öffentlichen Raum via Web, SMS oder MMS ermöglichen - für Arbeiten also, die das kulturelle Potenzial von mobilen Tags erforschen.
Künstler müssen virale Netzwerke und informelle Strukturen stärker in den Fokus zu rücken, die alternative Modelle für städtebauliche oder wissentechnologische Fragen vorschlagen.
In Brasilien brauchen wir dringend sinnvolle Vorschläge für die Verbesserung der Wohnsituation und der Infrastruktur. Der Vorschlag, Mauern um die Favelas von Rio zu bauen, unterscheidet sich kaum von der Idee, die Räume unter den Brücken von Sao Paulo zuzumauern, damit Obdachlose dort nicht mehr Unterschlupf finden. Das geschah vor ein paar Jahren, hat aber nicht funktioniert, weil es das Problem nicht wirklich angegangen ist. Man hat lediglich versucht, die Obdachlosen aus dem sichtbaren Raum derer zu verbannen, die als echte Bürger angesehen werden. Die Obdachlosen haben natürlich nach neuen Orten für sich gesucht und auch gefunden. Entscheidend ist, dass in beiden Fällen eine Lösung für ein Problem gefunden wurde, die darauf fußt - in diesen Fällen sogar auf recht aggressive Weise - das soziale Problem zu leugnen.
ZEIT ONLINE: Üblicherweise stellen Sie Ihre Arbeiten in Umgebungen aus, die nicht typisch für Kunst sind, eben zum Beispiel in einem U-Bahnhof, wo die Leute die Kunst betrachten, während sie nichts tun. Sie verwenden häufig mobile Geräte wie Handys, PDAs oder digitale Werbeflächen und Anzeigetafeln, auf die die Leute schauen, während sie gleichzeitig noch anderen akustischen und optischen Reizen ausgesetzt sind. Für diese neue Art der Aufnahme haben sie den Begriff "verteiltes Lesen" eingeführt. In wie weit beeinflussen diese Umstände Ihre Arbeit für eine solche Umgebung?
Beiguelman: Sie haben vor allem den Ablauf des Videos beeinflusst. Ich habe es dafür angelegt, nicht lange betrachtet zu werden, sondern nur während eines knappen Augenblicks wahr- und aufgenommen zu werden, während der Betrachter auf einen Zug wartet und durch Zufall - oder eben nicht - das Video auf dem Schirm in der Kochstraße sehen kann.
ZEIT ONLINE: Unsere Umwelt ist gesättigt von Informationen, Eindrücken, Zerstreuung durch allgegenwärtige Anzeigetafeln. Hat es das schwieriger gemacht, die Aufmerksamkeit eines Zuschauers auf ein Kunstwerk zu lenken? Müssen Künstler neue Strategien entwickeln, um sich Werbe- oder öffentliche Flächen wieder anzueignen und kulturelle oder soziale Veränderungen bewirken zu können?
Beiguelman: Solch vielseitigen Eindrücke sind Teil unseres heutigen städtischen Lebens. Sie haben einen neuen Leser-Typ hervorgebracht, den Multitasker. Es ist unmöglich, die vollständige Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich zu ziehen. Sie wird sich niemals nur auf einen Gegenstand richten. Nichtsdestotrotz sollte sich öffentliche Kunst heute schon um Werbe- oder öffentliche Flächen bemühen, denn sie sind Teil unseres städtischen Raums.
Das Gespräch führte Annette Wolfsberger.
- Datum 06.11.2009 - 12:47 Uhr
- Serie Kunst zum Mauerfall
- Quelle ZEIT ONLINE
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die Zuschauer, Passanten mit Mitteln der Multimediakunst anzusprechen. Während man in Verwaltungsgebäuden im Wartebereich mit ein und demselben Video über Stunden gequält wird, hat man mit G. Beiguelmans Videos im U-Bahn-Bereich oder sonstwo wohl eher Kurzweil. http://viereggtext.blogsp...
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