Gespräch mit Lena Merhej "Hinter einer Grenze zu leben, bedeutet in ständiger Angst zu leben"
Die libanesische Videokünstlerin Lena Merhej verdeutlicht, unter welcher Anspannung es sich in einem Land lebt, das von gut bewachten Grenzen umgeben ist
ZEIT ONLINE: Ihre Arbeit lebt von der Spannung zwischen den auf den ersten Blick gefälligen, farbigen Mustern und der Figur des Soldaten, die ich auf den zweiten Blick erkenne. Wozu dieser Gegensatz?
Lena Merhej: Ich wollte das extreme Gefühl zum Ausdruck bringen, mit dem man in einem Land wie dem Libanon lebt. Es ist wirklich extrem: Man ist extrem sensibel wegen der extremen Spannung, die herrscht, und dem extremen Terror, der jederzeit über einen hereinbrechen kann.
Doch zunächst war ich schlicht fasziniert von den Möglichkeiten, die Grafikprogramme bieten. Ich konnte ein Bild wie eine Arabeske sich ständig wiederholen lassen und dann noch diese Arabesken animieren.
ZEIT ONLINE: Arabesken sind in der arabischen Welt sehr wichtig.

Lena Merhej hat Grafik-Design an der American University of Beirut studiert und ihren Master in Design und Technology an der Parsons School of Design gemacht. Sie hat freischaffend in mehreren Bereichen gearbeitet, unabhängige Kurzfilme, Comicstrips, Kinderbücher und Kampagnen produziert. An der American University unterrichtet und leitet sie Workshops in Animation, Illustration, Comickunst und Design für Kinder. Ihre Arbeit baut auf das Spielerische, sie liebt Details und Ornamente und wird inspiriert von Henna und arabischen Motiven. Mit ihrer Arbeit versucht sie, die sie umgebenden Widersprüche in einer neuen Sprache zur gegenseitigen Annäherung zu bringen.
Lena Merhej: Ja, und ich habe sie natürlich mein Leben lang vor Augen gehabt. Später habe ich mich intensiv mit ihnen beschäftigt. Zunächst überhöhen Arabesken natürlich ihren Gegenstand, doch das Wichtigste ist ihre Zeitlosigkeit. Sie lösen den Gegenstand von einem konkreten Zeitpunkt und führen ihn immer weiter und weiter und weiter. Als ich 1995 begann, mit dem Computer zu arbeiten, fand ich diesen alten Kunstkniff dort wieder. Er nennt sich Copy and Paste. Dadurch kann man bis ins Unendliche Bilder wiederholen. Das hat mich begeistert. Und ich habe Endlosschleife um Endlosschleife erstellt, Arabesken eben. In alle Ewigkeit.
ZEIT ONLINE: Ist es nicht traurig, wenn die Grenzsoldaten wie in Ihrer Arbeit bis in alle Ewigkeit patrouillieren und Steine werfen?
Lena Merhej: Natürlich ist es sehr traurig, wenn der Soldat niemals ganz verschwindet. Es ist etwas was ich lernen muss zu akzeptieren, weil ich eben in einer Region lebe, in der es ständig Konflikte gibt.
ZEIT ONLINE: Wie ist es, mit der permanenten Gegenwart von Soldaten und hinter streng bewachten Grenzen zu leben?

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"
Lena Merhej: Du weißt nie, was als nächstes passieren wird, wann der nächste Krieg ausbrechen wird. Deinen Alltag kannst du leben, wenn heute kein Krieg kommt. Das vorherrschende Gefühl ist eines der Unsicherheit und Instabilität. Und dann, wenn Krieg ist, kann man an nichts anderes mehr denken, man ist wie gelähmt, hat Angst und weiß, man ist das Ziel der Bomben. Man sieht sich selbst sterben unter einer solchen Bombe.
ZEIT ONLINE: Dennoch hat ihr Video etwas Spielerisches. Es ist nicht aggressiv.
Lena Merhej: Auch dieses Video ist sehr von meiner sonstigen Arbeit geprägt. Ich schreibe Kinderbücher und arbeite als Illustratorin für Zeitungen. Ich habe viel mit Menschen zu tun und frage mich immer: Wie kann ich sie berühren, ohne sie zu verletzen? Wir haben schon so viel Schmerz erlebt, wir können keinen mehr sehen.
- Datum 12.10.2009 - 12:43 Uhr
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- Serie Kunst zum Mauerfall
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