ZEIT ONLINE: Für Ihr Projekt haben Sie zwei gezeichnete Serien benutzt. Was hat es damit auf sich?

Simon Faithfull: Beide Projekte habe ich gemalt, nachdem ich nach Berlin gekommen bin. Das war vor vier Jahren. Ich war ein Fremder in der Stadt, schaute mich um, versuchte die Stadt zu verstehen, die Zeichnungen waren wie eine Reportage. Mein erstes Stück, die zwölf Berliner Postkarten, habe ich ursprünglich für eine Show in London gemacht. Da habe ich ungefähr eine Zeichnung am Tag gemacht.

ZEIT ONLINE: Waren das Ihre ersten Eindrücke von Berlin?

Faithfull: Ja. Zunächst habe ich den Fernsehturm umkreist, habe kartografiert, versucht, mein neues Territorium zu erkunden und zu verstehen. So konnte ich meinen Blick schärfen, meine Zeichnungen bekamen Konturen. Und so füllte sich meine Galerie jede Woche um neue Zeichnungen.

ZEIT ONLINE: Und was hat es mit den Krähen auf sich?

Faithfull: Die Krähen kamen später. Ich wohne in Kreuzberg, in der Nähe vom Görlitzer Park. Die Krähen machen dort den Charakter der Straße aus, sie vermitteln Leben. Hier gibt es diese Krähen mit dem weißen Rücken, die Nebelkrähe. Natürlich haben wir auch Krähen in London, doch im Norden und Westen Europas sind die Krähen ganz schwarz und auch kleiner. Krähen teilen Europa gewissermaßen. Die beiden Arten vermischen sich nie, man sieht nie Vertreter beider Populationen zusammen. Die Krähen sind in diesem Sinne wie eine Parallelgesellschaft: Sie bleiben unter sich, häufig am selben Ort und haben Krähen-Freunde. Jetzt bevölkern sie meine Berliner Postkarten, die ja menschenleer sind. Die Krähen als Substitut für die Berliner.

ZEIT ONLINE: Keine Menschen, nur Vögel - so sehen Sie Berlin?

Faithfull: Für Leute, die aus London kommen, ist Berlin eine sehr, sehr leere Stadt - was fantastisch ist! Dieses Gefühl für Platz und Raum hat man in London einfach nicht. Diese melancholische, romantische Unbewohntheit Berlins wird, glaube ich, von den Krähen ausgelöst.