Kunst zum Mauerfall, Teil VI "Ich liebe Grenzen"
Grenzen sind Orte, wo eine Kultur aufhört und eine andere beginnt. Das schafft ein spezielles Klima - auch in Berlin. Der britische Künstler Simon Faithfull lebt dort und kennt die Mauer als sehr lebendigen Geist.
ZEIT ONLINE: Für Ihr Projekt haben Sie zwei gezeichnete Serien benutzt. Was hat es damit auf sich?
Simon Faithfull: Beide Projekte habe ich gemalt, nachdem ich nach Berlin gekommen bin. Das war vor vier Jahren. Ich war ein Fremder in der Stadt, schaute mich um, versuchte die Stadt zu verstehen, die Zeichnungen waren wie eine Reportage. Mein erstes Stück, die zwölf Berliner Postkarten, habe ich ursprünglich für eine Show in London gemacht. Da habe ich ungefähr eine Zeichnung am Tag gemacht.
ZEIT ONLINE: Waren das Ihre ersten Eindrücke von Berlin?

Simon Faithfull wurde 1966 in Ipsden, Großbritannien, geboren. Er studierte Kunst an der Reading University und an der Central St Martins School of Art, seine Schwerpunkte waren Digitalkunst, Netzkunst, Video, Computerzeichnungen, mechanische Skulpturen und Installationen. Bekannt wurde er für seine Zeichnungen auf dem Palm-Pilot. Faithfull ist Mitbegründer der Organisation e-2 zur Erforschung des Internets als Raum für Kunst und Kultur.
Faithfull: Ja. Zunächst habe ich den Fernsehturm umkreist, habe kartografiert, versucht, mein neues Territorium zu erkunden und zu verstehen. So konnte ich meinen Blick schärfen, meine Zeichnungen bekamen Konturen. Und so füllte sich meine Galerie jede Woche um neue Zeichnungen.
ZEIT ONLINE: Und was hat es mit den Krähen auf sich?
Faithfull: Die Krähen kamen später. Ich wohne in Kreuzberg, in der Nähe vom Görlitzer Park. Die Krähen machen dort den Charakter der Straße aus, sie vermitteln Leben. Hier gibt es diese Krähen mit dem weißen Rücken, die Nebelkrähe. Natürlich haben wir auch Krähen in London, doch im Norden und Westen Europas sind die Krähen ganz schwarz und auch kleiner. Krähen teilen Europa gewissermaßen. Die beiden Arten vermischen sich nie, man sieht nie Vertreter beider Populationen zusammen. Die Krähen sind in diesem Sinne wie eine Parallelgesellschaft: Sie bleiben unter sich, häufig am selben Ort und haben Krähen-Freunde. Jetzt bevölkern sie meine Berliner Postkarten, die ja menschenleer sind. Die Krähen als Substitut für die Berliner.
ZEIT ONLINE: Keine Menschen, nur Vögel - so sehen Sie Berlin?
Faithfull: Für Leute, die aus London kommen, ist Berlin eine sehr, sehr leere Stadt - was fantastisch ist! Dieses Gefühl für Platz und Raum hat man in London einfach nicht. Diese melancholische, romantische Unbewohntheit Berlins wird, glaube ich, von den Krähen ausgelöst.
ZEIT ONLINE: Im Mittelpunkt der Arbeit steht der Fernsehturm, nicht etwa Reste der Berliner Mauer. Können Sie die Gegenwart oder das Fehlen der Mauer spüren? Hat Berlin etwas verloren?

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall"
Faithfull: Ich habe Berlin nie mit Mauer gesehen. Ich spüre die Mauer wie eine Art Geist, über den die Menschen hier reden. Viele meiner Freunde leben in Berlin, manche sind im Westen, manche im Osten geboren. Das fasziniert mich, dieser spürbare Sinn für die Geschichte der Stadt, die ist viel präsenter als in London. London ist historisch, keine Frage, aber es ist eine schwerfällige Historie, man prallt nicht mit ihr zusammen.
ZEIT ONLINE: Wir feiern den Fall der Mauer, weil eine Grenze eingerissen wurde. Klar, diese Begrenzungen waren schlecht. Aber brauchen wir nicht auch welche?
Faithfull: Ich persönlich liebe Grenzen. Für mich sind es faszinierende Orte, wo unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen und man einen Weg finden muss, das eine System zu stoppen und das andere fortzuführen. Natürlich können Grenzen gefährliche, unterdrückende Orte sein, aber sie sind auch wie spezielle Orte, die eine lokale Kultur entstehen lassen.
ZEIT ONLINE: Wie die Berliner Mauer?
Faithfull: Genau.
ZEIT ONLINE: Sie verbreiten Ihre Kunst per E-Mail und Internet. Das Internet scheint eine grenzenlose Welt zu sein. Ist es das?
Faithfull: Das Internet ist ein Platz ohne Lage, eine Fläche ohne Bestimmungsort. Menschen befinden sich an einem bestimmten Ort, pflegen dort eine Kultur, die an diesen Ort gebunden ist und das Internet reflektiert diese Kulturen offenbar. Meine Arbeit besteht zum großen Teil aus einer Kollision zwischen diesen beiden Orten. Als ich zum Beispiel aus der Antarktis wiederkam, habe ich mit vielen Menschen darüber gesprochen, dass es für mich ein faszinierendes Projekt war. Dabei dachten viele, ich sei gar nicht wirklich dort gewesen, als handele es sich bei diesem Projekt um ein rein internetbasiertes Projekt. Das war es selbstverständlich nicht! Es war ein sehr physisches Projekt, in die Antarktis zu fahren und wirklich das zu dokumentieren, was ich gesehen habe. Sie sehen, ich bin nicht uneingeschränkt fasziniert und erfreut vom Internet, eher nutze ich es als Mittel, um physische Plätze zu erforschen.
ZEIT ONLINE: Das Internet ist nicht grenzenlos, es hat seine eigenen kulturellen, religiösen oder sprachlichen Grenzen. Wir haben vielleicht manchmal den Eindruck, wir würden uns grenzenlos im Netz bewegen, das ist jedoch ein Trugschluss. Ich bewege mich nicht im gesamten Web, sondern lediglich in einem kleinen, gekennzeichneten Raum, in dem ich all die Menschen treffe, die ich außerhalb des Netzes auch treffe.
Faithfull: Die Welt der Kunst ist teilweise eine Art Parodie darauf. Sie bewegt sich über den ganzen Globus, allerdings, Sie haben Recht, man trifft immer die gleichen Menschen. Die Idee einer völlig fließenden Bewegung im Netz ist vollkommen illusorisch.
ZEIT ONLINE: Für Ihre Zeichnungen benutzen Sie einen Palm Pilot. Das ist eine seltsame Kombination: Zeichnen ist eine sehr traditionelle Art, Dinge zu dokumentieren, ein Palm Pilot hingegen ein technisch anspruchsvolles Gerät.
Faithfull: Ja, es ist schon paradox, und ich mag das Paradoxe. Sie haben Recht, meine Zeichentechnik ist sehr veraltet ...
ZEIT ONLINE: ... veraltet habe ich nicht gesagt...
Faithfull: Aber ich sage es, und ich bin glücklich damit. Vor längerer Zeit habe ich auch noch mit Stiften und Kreide gearbeitet, aber es dann aufgegeben. Um kleine, schnelle Skizzen anzufertigen, auf Anfrage von Galerien, habe ich dann angefangen, mit Computer und Maus zu arbeiten. Diese Skizzen habe ich dann anschließend per E-Mail verschickt. Dadurch habe ich die Lust am Zeichnen wiederentdeckt. Das Problem war nur, dass ich am Laptop festsaß. Als ich Geschäftsmänner ihren Palm Pilot benutzen sah, kam mir die Idee, dass es mir dieselben Freiheiten geben würde wie mein Skizzenblock. Allerdings ist der Screen sehr klein, ungefähr sieben mal sieben Zentimeter, eine sehr begrenzte Zeichenfläche. Wenn man zum Beispiel eine Landkarte damit anfertigen möchte, braucht man eine sehr ökonomische Strichführung. Die kann man lernen – wie die Strichführung mit dem Stift.
Die Fragen stellte Wenke Husmann. Mitarbeit und Übersetzung von Stephan Knieps.
- Datum 06.11.2009 - 11:41 Uhr
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