Der Potsdamer Platz 1992: eine Brache und einsam das Weinhaus Huth © Andreas Muhs

ZEIT ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Fall der Berliner Mauer erfuhren?

Renzo Piano: Der Mauerfall und die Attentate vom 11. September 2001 sind für mich die wichtigsten historischen Ereignisse in unserer jüngeren Vergangenheit. Am 9. November 1989 war ich in Paris, die Anschläge in New York habe ich aus nächster Nähe miterlebt. Beides konnte ich zunächst nicht glauben. Der Mauerfall war zu schön, um wahr zu sein, der 11. September dagegen zu schrecklich. Dass die Mauer eines Tages nicht mehr da sein würde, hatten wir zwar alle erwartet – nur nicht so schnell. Die Überraschung war enorm.

ZEIT ONLINE: Als Architekt haben Sie wesentlich dazu beigetragen, dem 'Neuen Berlin' ein Gesicht zu geben. Wie sehen Sie heute Ihr großes Projekt, den Wiederaufbau des Potsdamer Platzes?

Piano: Wir hatten eine sehr schwierige und komplexe Aufgabe, aber ich denke, dass wir sie recht gut gemeistert haben. Der Potsdamer Platz ist inzwischen ein lebendiger Teil Berlins. Jeder Architekt hat große Angst davor, dass die Bevölkerung seine Gebäude nicht annimmt. Das ist hier ganz und gar nicht der Fall. Natürlich braucht der Potsdamer Platz noch etwas Patina. Das Quartier Potsdamer Platz wurde erst vor elf Jahren eröffnet – das ist ein sehr kurzer Zeitraum in der langen Geschichte einer Stadt.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie das Projekt damals angegangen?

"Nur tote Museumsstädte bleiben so, wie sie sind. Berlin lebt von seiner Widersprüchlichkeit", sagt der Architekt Renzo Piano © Stefano Goldberg

Piano: Bevor ein Architekt den Zeichenstift in die Hand nimmt, muss er den Ort besichtigen, nachdenken und zuhören. Alle Orte sprechen in gewisser Weise, und man muss so lange warten, bis man auch die leisesten Stimmen verstanden hat. Der Potsdamer Platz steckte für mich damals voller Phantome aus seiner furchtbaren Vergangenheit. Dass nur noch wenige historische Gebäude übrig geblieben waren, machte die Sache nicht gerade einfach.

Mitten auf der Brache sah ich das alte Weinhaus Huth, einsam wie ein Schauspieler auf einer leeren Theaterbühne. Ich suchte weiter nach Spuren der Geschichte, um Anknüpfungspunkte für meine Arbeit zu haben. Gern hätte ich auch Teile der Mauer in mein Projekt integriert, doch sie war auf einmal spurlos verschwunden. Mir schien es, als wollte die Stadt ihre Unschuld wiedererlangen, indem sie Überreste aus ihrer Vergangenheit tilgte.

ZEIT ONLINE: So wie nach dem Zweiten Weltkrieg?

Piano: Ja, etwas Ähnliches war auch schon in den Jahren nach 1945 geschehen. Nicht der Krieg hatte den Potsdamer Platz dem Erdboden gleichgemacht. Dafür sorgten erst später die Stadtplaner und Politiker, die die ausgebrannten Ruinen abreißen ließen. Jemand sagte einmal, dass sich Berlin in jenen Jahren gewissermaßen zwischen Skylla und Charybdis bewegte. Eines dieser Ungeheuer war das Selbstmitleid, das andere die Arroganz. Wie schwierig muss es für Berlin gewesen sein, dabei sein Gleichgewicht zu finden!

ZEIT ONLINE: Worin unterscheidet sich das Berliner Projekt von Ihren Bauten in anderen Großstädten, etwa dem Centre Georges Pompidou in Paris?