Zum Tode von Jeanne-Claude Sie schenkte Berlin einen magischen Moment

Gemeinsam mit ihrem Mann verhüllte sie Gebäude und Landschaften, darunter den Reichstag in Berlin. Der bedeutende Anteil von Jeanne-Claude dabei wurde oft unterschätzt.

Wenn von Künstlerpaaren gesprochen wird, dann kommt immer als erstes die Rede auf Christo & Jeanne-Claude. Sie waren die perfekte Kombination aus kreativem Geist und Vermarktung.

Christo produzierte die Ideen, zeichnete die Entwürfe, malte die Werke, in die später Fotografien und das verwendete Material ihrer Kunstaktionen appliziert wurde. Seine Partnerin Jeanne-Claude organisierte das Event, dirigierte das Heer an Helfern bei der Umsetzung ihrer gigantischen Auftritte im öffentlichen Raum und sorgte hinterher für Vertrieb und Verbreitung des Bildmaterials.

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Schon immer haben sich Beobachter des erstaunlichen Gespanns gefragt, das Millionen von Menschen beglückende Großprojekte wie die Verhüllung des Reichstags in Berlin (1995) oder "The Gates" mit 1800 verhängten Toren auf den Wegen des New Yorker Central Parks (2004) realisierte, was wohl sein würde, wenn es einen von beiden nicht mehr gäbe. Sie haben dieser Möglichkeit selbst gelassen entgegen gesehen. Grundsätzlich flogen sie getrennt. Ihr Credo lautete: Die Arbeit geht weiter.

Doch nun ist Jeanne-Claude im Alter von 74 Jahren an einer Hirnblutung gestorben. Und Christo ließ mit der Bekanntgabe des überraschenden Todes seiner Partnerin sofort mitteilen, dass "Over The River", ihr Projekt für den Arkansas Fluss in Colorado, und "The Mastaba" in den Vereinigten Emiraten trotzdem fortgeführt werde. Das Phänomen Christo & Jeanne-Claude besteht selbst über diese letzte Grenze hinweg fort.

Diese Unverbrüchlichkeit mag auch damit zusammenhängen, dass beide am gleichen Tag, wie es heißt, in der gleichen Stunde geboren wurden. Die Tochter aus militärischem Adel kam 1935 in Casablanca zur Welt und wuchs in Frankreich und der Schweiz auf. Den bulgarischen Kunststudenten lernte Jeanne-Claude Denat de Guillebon 1958 in Paris kennen. Zwei Jahre später wurde ihr Sohn Cyril geboren, der heute als Dichter publiziert. Das Jahr, in dem sich das Paar begegnet, ist auch der Start von Christos künstlerischer Karriere; seine ersten verpackten Objekte entstehen. 1961 beginnt er den öffentlichen Raum zu erobern, indem er temporär in einer Pariser Häuserschlucht eine Mauer aus alten Ölfässern errichtet.

Eine Beteiligung von Jeanne-Claude am Frühwerk dürfte es kaum gegeben haben. Und doch besteht das Paar seit 1994 darauf, dass es Christo ohne Jeanne-Claude nicht gibt, auch nicht in der Rückschau. Als die Berliner Akademie der Künste ihm allein die Mitgliedschaft anträgt, lehnt er ab; als die Neue Nationalgalerie nur Christo namentlich im Ausstellungstitel zulassen will, zieht er sich zurück. 2001 präsentiert stattdessen der Martin-Gropius-Bau die große Retrospektive, die auch als spätes Dankeschön für die Gabe gilt, die Christo & Jeanne-Claude der Stadt fünf Jahre zuvor mit der Verhüllung des Reichstags gemacht haben.

Sie schenkten Berlin einen magischen Moment, in dem sich Politik, Kunst und Leben die Waage hielten. Danach wurde der Reichstag durch Norman Foster umgebaut. Aber die Erinnerung an das geheimnisvoll in seiner silbrig-matten Verpackung changierende Monument, das Festgefühl rundum bleibt unvergessen.

Über 40 Jahre hatte das Paar dieses Projekt verfolgt, angefangen mit einer Postkarte, die der in Berlin lebende Amerikaner Michael Cullen 1971 ihnen als Anregung geschickt hatte. So lange dauerte es, bis der richtige Moment abgepasst war, alle Genehmigungen eingeholt, die Mittel zur Selbstfinanzierung beschafft waren.

Gerade diese enorme Langfristigkeit zeichnet sämtliche Projekte des Paares aus, das ohne öffentliche Zuschüsse arbeitet und alles durch Marketing verdiente Geld sofort ins nächste Vorhaben steckt. Darin liegt auch das besondere Verdienst von Jeanne-Claude, ohne die es keinen Großkünstler Christo gäbe, keinen "Running Fence" durch die kalifornische Landschaft (1976), keinen verpackten Pont Neuf in Paris (1985), keine "Umbrellas" in Japan (1991).

Die Auseinandersetzungen um Jeanne-Claudes Anteil gehen am Kern ihres gemeinsamen Schaffens vorbei. Freimütig hat das Duo immer erklärt, dass Christo für den künstlerischen Part zuständig sei und Jeanne-Claude den Rest organisiere.

Wer dies gering schätzt, mit dem Eventcharakter ihrer Projekte hadert, hat die Botschaft des Paares nicht verstanden, das den Menschen für wenige Tage, manchmal nur für Stunden ein Glückserlebnis schenken will. Sie selbst lieferten das Modell einer seltenen künstlerischen Partnerschaft, in der einer der Ermöglicher des Anderen war.

Erschienen im Tagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
    • cansu
    • 20.11.2009 um 13:22 Uhr

    Muss ich mich schämen, wenn ich mit dieser Art von "Kunst" nie etwas anfangen konnte? Wahrscheinlich hätten mich Installationen, deren einziges Stilmittel der Gigantismus ist, auch schon am Speer'schen Lichtdom gestört.

    Die Diskrepanz zwischen materiellem Aufwand und künstlerischer Aussage ist nach meinem Geschmack zu eklatant.

    Und am Ende entzaubert sich das "geniale Künstlerpaar" damit, dass das Geschäft ungetrübt durch den Tod eines Protagonisten weiter geht.

    Aber was "ChristoändJeanne-Claude" erreicht haben: sie sind wahrhaftige Vertreter einer materiell aus den Fugen geratenen Epoche.
    Das scheint die einzige authentische künstlerische Aussage zu bleiben.

  1. und beim Gedanken immer noch nachschwingenden Kunsterlebnisse. So viele fröhliche Menschen habe ich nie wieder an einer Stelle gesehen. Diese Verhüllung war de Moment, an dem die alte Bundesrepublik und das neue, vereinte Deutschland erwachsen wurden. Danke.

  2. Dass Jeanne-Claude tot ist, macht mich traurig, dass Christo jetzt alleine ist auch. Am verhüllten Reichtstag, bei den verhüllten Bäumen um die Beyerle Foundation in Basel und unter den orange Toren im Centralpark fühlte ich mich jeweils anders, aber immer richtig gut, hatte ich großen Spaß, und ich wurde begeistert. Spät in einer Nacht in Berlin und an einem regentrüben Sonntagnachmittag in Basel konnte ich die beiden in der Menge für Momente persönlich beobachten. Die Intensität ihres Dialogs über ihr Werk, ihre Gestik, ihre Energie und Ernstahftigkeit haben mich beeindruckt, wie wenn sie immer noch an seiner Vervollständigung arbeiten.
    Ich rufe in meinem Kopfkino wunderschöne Bilder ab und spüre noch die poröse, merkwürdig glatte Oberfläche des Stoffs in Berlin an meinen Handflächen. Wunderbar.
    Für mich haben sie nicht nur Maßstäbe für sinnliches Erleben in öffentlichem Raum gesetzt, sondern auch für Beziehungen.
    Ich freue mich, dass Christo weiter macht und wünsche ihm, dass er die Tatkraft und Energie von Jeanne-Claude als Schatz bewahrt und sie als Bollwerk gegen die große Einsamkeit nach ihrem Tod nutzen kann.

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