Im 20. Jahrhundert gingen Börsencrashs unter den Namen Schwarzer Freitag, Dienstag oder Donnerstag in die Geschichte ein. Dunkel wie die Metaphorik dieser Namensgebungen spiegeln sich in einer Diaprojektion der Berlinerin Julia Lazarus deutsche Wirtschaftsakteure in einem dafür installierten Wasserbassin. Denn um dem immateriellen Kosmos aus Staatsanleihen, Bad Banks und Verstaatlichung eine Realität entgegenzuhalten, hat die Künstlerin die Architektur von Unternehmen inspiziert. Lazarus fotografierte die Hauptsitze der zehn stärksten deutschen Konzerne von BASF bis ThyssenKrupp AG von außen. In der Diaprojektion sind diese Bilder zusammen mit den Börsenkurven des vergangenen Jahres zu sehen.

Ihren Motiven gegenüber bleibt die Fotografin auf Distanz. Die Firmenzentralen sind von Parkplätzen, Grünanlagen oder Straßenrändern aus aufgenommen. Mit ihrem metallisch unterkühlten Farbspektrum imitiert die Fotoserie zwar die Fassaden aus Glas, Travertinen oder Kupferblech. Aber im Unterschied zu typischen Firmenkatalogbildern treten hier weder Angestellte auf, noch kommt urbanes Leben vor. Auf dem Parkplatz der ThyssenKrupp AG, die sich mit der BRD zu einem sozialdemokratischen Unternehmen entwickelte, verwildert der Skater-Parcours. Der Metro-Kundenparkplatz ist noch leer, und kein Mensch flaniert durch das Heckenlabyrinth im Hof der E.on AG. Nur vor dem Stammsitz der Allianz hat sich überraschend eine bürgerliche Szene eingeschlichen. Auf einem Sandplatz werden Pferde im Schritt geritten.

Mit der Wahl der Architektur teilt sich das aus der Werbung bekannte Selbstverständnis der Unternehmen mit. Im Zeitalter von Branding kommt die Corporate Identity schon durch sozialdemokratische Unternehmensarchitektur, neoliberale Unternehmensarchitektur oder werteorientierte Unternehmensarchitektur zum Ausdruck. Auf dem Gelände der Autohersteller etwa glänzen Flagship-Museen für Kundenbindung, und die Versicherung Münchener Rück residiert getreu ihrer Markenmission im klassizistischen Herrschaftsbau mit Schmuckhof. So sollen sich Eigenschaften wie Tradition und Sicherheit schon im Standort manifestieren.

Besonders viel sagend, wenn auch nicht unerwartet, sind die Unterschiede zwischen öffentlichem Raum und privatem Firmengelände. Für die Gestaltung dieser Grenze verwenden die einen Zäune und Tore, die anderen bemühen sich um Zugänglichkeit durch weitläufige Rasenflächen und Spazierwege.

Im Gegensatz zu den statischen Firmenporträts bringt die Finanz- und Wirtschaftskrise aber auch Bewegung in den Markt. Und zwar auf der Mikro-Ebene. Mit dem Einbruch ergeben sich Gelegenheiten zur besseren Gesellschaft: Firmen kommen in Mitbesitz der Belegschaften wie im Falle von General Motors, kleine Unternehmen werden gegründet, und deutlich weniger Kunden kaufen Investmentfonds, sie investieren ihr Geld in eine Zivilökonomie.

Was bedeutet die Finanzkrise für die Kunst? Die Sammler überlegen drei Mal, ob sie ein Kunstwerk kaufen, und drücken die Preise. Galerien denken über alternative Finanzierungsmodelle nach, und zumindest vorübergehend ist eine Abkehr vom Hedonismus zu beobachten. Schon bei der Venedig Biennale war die Finanzkrise ein Hintergrundmotiv der Gesamtinstallation The Collectors des Künstlerpaars Michael Elmgren und Ingar Dragset. Im skandinavischen Pavillon hatten sie das Wohnhaus eines fiktiven Kunstsammlers eingerichtet. Als Höhepunkt der Inszenierung lag der Hausherr ertrunken im Pool. Das passte zu den Zeitungsprotokollen im Frühjahr, in denen letzte Tage im Leben eines Managers oder Bankers nacherzählt wurden. Sie hatten noch Stunden mit der Familie verbracht, dann den Freitod auf den Zuggleisen oder durch einen Sprung aus dem Penthouse gewählt.

Heißt die Finanzkrise also, dass es weniger Geld für Kunst und Kultur gibt? Nicht unbedingt. Mancher mag es sogar irrsinnig komisch finden, dass Anfang November ausgerechnet die Stiftung der Hypo Real Estate ihren Preis zur Förderung von Kultur verliehen hat. Aber diese Tatsache könnte auch als Sinnbild dafür verstanden werden, dass Kunstinstitutionen und private Förderung in neuen Strukturen zusammenfinden müssen.

Programmatisch war in jedem Fall die Wahl des Standortes, an dem Julia Lazarus' Arbeit Kosten senken! Wachstum steigern!, die Slideshow zur Finanzkrise, ausgestellt war. Denn der Ausstellungsraum West Germany befindet sich in der ordentlich heruntergekommenen BRD-Architekturvision Neues Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor in Berlin. "Die Deutschland AG existiert noch, und die Defizite der letzten Wirtschaftskrise werden an anderer Stelle abgerechnet", kommentiert dessen Mitbetreiber und Künstler Ingo Gerken.