Zum Glück hält Opa Blümle die kleine Linnéa fest. Sonst wäre sie mitsamt ihrem Fotoapparat noch in Claude Monets Seerosenteich geplumpst. Den echten. Die beiden haben sich in den Zug nach Paris gesetzt, um zu schauen, wo dieser Maler damals eigentlich gelebt und gearbeitet hat. So landen sie auch im Garten von Monet, entdecken die japanische Brücke, all die Seerosen, die sie von Monets Gemälden kennen.

Linnéa im Garten des Malers ist mittlerweile ein Klassiker: 1987 erschien das Buch zum ersten Mal auf Deutsch. Dass die Geschichte von Christina Björk und die mitreißenden Aquarelle von Lena Anderson so zeitlos sind, liegt auch an der Aufbereitung. Das Buch gleicht einer Tagebuch-Collage aus Fotos, Zeichungen, getrockneten Blättern, Schreibschriftkommentaren. Als Linnéa auf den Markt kam, waren Bücher, die Kindern Kunst erklären, eher dünn gesät. Inzwischen haben manche Verlage zwar die Programmlücke erkannt, aber wirklich gute Exemplare sind rar.

Eines, das wie Linnéa auf eine Protagonistin setzt, um die Kinder in die Geschichte hineinzuziehen, gehört zu einer ganzen Reihe des kleinen, feinen Berliner Kinderbuchverlags Edition Saba, Spezialität: die Zeichnungen. In Maria besucht Max Liebermann macht sich eine kleine Rothaarige auf zum Haus des Impressionisten am Wannsee - bei Albert Einstein und der Nofretete war sie schon. Der Trick des Buchs: Maria trifft tatsächlich auf Liebermann , kann ihn mit Fragen löchern zu seinen Werken und seinem Leben.  

Den Kniff, dass Kinder wie Linnéa und Maria Kunst selbst erforschen, nutzen einige Verlage. Ganz spielerisch etwa das großformatige Kinder Künstler Kritzelbuch von Beltz&Gelberg, das mit fantasievollen, teils kuriosen Zeichnungen zum Weiterdenken und Selbermalen anregt. Der Kunstbuchverlag Prestel hat sich für die Jüngeren etwa die Reihe der Kunst-Stickerbücher ausgedacht: Werke von Arcimboldo über Picasso bis hin zu Andy Warhol sind in einzelne Formen zerlegt und finden sich als Aufkleber wieder. Besonders schön, wenn Kinder die Sticker zu neuen Bildern fügen, statt an die vorgegebenen Punkte zu pappen. Wer schon besser lesen kann und bereit ist, Kunstwerke zu hinterfragen, dem gefällt die Reihe "Kinder entdecken Kunst" (Kindermann) oder das frisch erschienene 365 Tage Kunst entdecken (Prestel). In beiden Büchern provozieren simple Fragen über Orangen oder zackige Pinselstriche zum Nachdenken. Schön auch, dass bei 365 Tage auch afrikanische Skulpturen auftauchen. Ebenfalls aufs Erforschen ausgelegt sind die preisgekrönten Pop-up-Bücher von David A. Carter wie Ein roter Punkt oder Die blaue Zwei . Sie stehen zwar in der Kinderbuchabteilung, aber: Die Papierkunst ist so fragil, dass sie in den Händen von Kindern nicht lange überlebt, versprochen.

Jungs in der Pubertät interessieren sich nicht für Kunst - zu diesem Schluss müsste man zwangsläufig kommen, schaut man sich an, was für Jugendliche auf dem Markt ist. Das sind nun einmal vor allem Biographien von Künstlerinnen. Der Kuss der Französin Anne Delbée über die lange unterschätzte Bildhauerin Camille Claudel ist zwar fast 30 Jahre alt, aber packt auch Mädchen von Heute: Es erzählt von Camilles Kampf um Anerkennung und - zentral - der Liebe zu Auguste Rodin. Etwas distanzierter ist da die neue Biographie über Frida Kahlo vom Kinderbuchverlag Beltz&Gelberg. Der Titel ist mit Die Farben meiner Seele etwas schmalzig geraten, aber die Geschichte trägt, auch dank Kahlos eingebauten Tagebuchsequenzen. Gleiches gilt übrigens für das Pendant über die Malerin Paula Modersohn-Becker vom gleichen Verlag. Wer denkt, die Comic-Biographien von Carlsen über van Gogh und Henri Toulouse-Lautrec, seien doch definitiv Jungskram, sollte kurz reinblättern: Sonnenblumenbilder für Halbstarke? Oder etwa leichtbekleidete Damen aus der Rotlichtszene? Die Comics von Gradimir Smudja machen zwar Spaß, vor allem Erwachsenen. Am ehesten für junge Männer ist wohl noch Augentäuschung: Die Tricks der Künstler , das auf physikalische und technische Details von Parthenon, Deckenfresken und Banksy-Graffiti setzt.

Weg vom Fokus auf einzelne Künstler hin zu einem Überblick über Kunstgenres, Entwicklungen und Gruppen. Allen voran Das kleine Museum (unter anderem ausgezeichnet mit dem Luchs, dem Kinderbuchpreis der ZEIT). Der Band zeigt Ausschnitte aus Meisterwerken, mit Fokus auf Dinglichem, alphabetisch geordnet. Nicht nur für Kinder ab vier, wie der Verlag empfiehlt. Geeignet für Kinder ab zehn sind zum einen eine Reihe von Prestel, die immer 13 Künstlerinnen, Skulpturen, Bauwerke vorstellt, " die du kennen solltest ". Hier stimmt alles. Zum anderen eine Art Kunstbibel für Anfänger: Meine erste Geschichte der Kunst erklärt mit Liebe zum Detail Epochen, beleuchtet einzelne Werke und hilft bei der Orientierung mit einem durchgehenden Zeitstrahl. Ganz bestimmt: Mit diesem Bücherwissen im Kopf läuft jedes Kind mit sperrangelweit offenen Augen durch die nächste Kunstausstellung.

Die Bücher

Britta Benke: Wer ist eigentlich dieser Matisse?, Reihe: Kinder entdecken Kunst (ebenfalls erschienen: Kandinsky, Miró, Picasso), Kindermann, 2007; 44 S., 15,50 €. Ab 6.