Computerspiel "Frontiers" An der Grenze zwischen Kunst und Spiel

Die Künstlergruppe Gold Extra hat ein Spiel entworfen, das ästhetisch, realistisch und lehrreich die Situation für illegale Einwanderer an den Grenzen Europas darstellt.

Blick durch den Zaun: Im Computerspiel nimmt der Spieler die Perspektive des Flüchtlings ein

Blick durch den Zaun: Im Computerspiel nimmt der Spieler die Perspektive des Flüchtlings ein

Der Bildschirm zeigt einen afrikanischen Jungen an der marokkanischen Grenze zu Europa, das an dieser Stelle wie eine unzugängliche Festung aussieht. Sein hoffnungsvoller Blick geht durch die Laschen des streng bewachten Drahtzauns nach Ceuta. Die spanische Exklave an der Nordküste Afrikas ist für viele Immigranten die Schleuse zur ersten Welt.

Der Alltag an vielen EU-Grenzen wurde nun von der österreichischen Künstlergruppe Gold Extra in einem Computerspiel aufgearbeitet.  Front iers heißt die digitale Flüchtlingssimulation, die das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Immigranten und Grenzsoldaten aus der fernen Realität in die heimischen Wohn- und Arbeitszimmer holt.

Die Entwickler zielen hauptsächlich auf Spieler, die sich möglicherweise nicht aktiv mit Flüchtlingspolitik auseinandersetzen. Sie sollen durch die interaktive Praxis einen persönlicheren Bezug zur Thematik bekommen. Der informative Gehalt erhebt Frontiers in den Rang eines Serious GamesSerious, also ernst, wird ein Spiel dann, wenn der Inhalt über bloße Unterhaltung hinausgeht. Diese schwammige Auffassung packt alle möglichen Formate - vom interaktiven Chemieunterricht bis hin zum journalistischen Abenteuerspiel - in eine pädagogisch wertvolle Schublade. Jedoch wird dabei häufig ein guter Gedanke in schlechte Grafik gebettet und erinnert im Ergebnis an erzieherische Lehrfilme aus dem Schulunterricht. Entsprechend gering ist meist die Verbreitung von Serious Games in Spielerkreisen. Im Gegensatz dazu macht Frontiers, laut einigen Fachmagazinen und Spieler-Foren, Spaß und sieht gut aus.

Neben Story und Grafik ist es wohl auch der virtuelle Einsatz von Waffen, der das Spiel unter Gamern beliebt macht. Frontiers ist aufgemacht wie ein Ego-Shooter, wie eines jener Schießspiele aus der Ich-Perspektive, die in den Medien häufig als Sündenbock für soziale Deprivation und erhöhte Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen an den Pranger gestellt werden. Und das soll nun pädagogisch wertvoll sein? Gold Extra nehmen es ziemlich ernst mit der Wirklichkeit, und bei allem Pazifismus würde der Verzicht auf die Darstellung von Gewalt der Realität nicht gerecht werden. Das wäre nicht im Sinne der Erfinder. Für unethisches und gewalttätiges Verhalten strafen sie den Spieler mit Punkteabzug.

Wochenlang recherchierten die Künstler an den Originalschauplätzen in Afrika und Osteuropa. Die zahlreich gesammelten Eindrücke, Fotos und Gespräche flossen in das Spiel ein und spickten es mit kreativ aufgearbeiteten Hintergrundinformationen und Details. So zieht sich die politische Meinung der Bevölkerung in Form von Graffiti durch das digitale Stadtbild, bis am Ende die Originalstimmen von Flüchtlingen zu hören sind, die von ihren Träumen und Hoffnungen erzählen, während sie in einen dunklen Container gepfercht sind. Noch stecken die Entwickler mitten im Schaffensprozess. Seit dem Release Anfang 2009 bauen sie das Spiel Level für Level auf. Mit den nächsten Updates, die jetzt umgesetzt werden, können die bislang auf dem schwarzen Kontinent festsitzenden Immigranten die Straße von Gibraltar endlich überqueren und in die EU einreisen.

Anzeige

Frontiers ist ein dokumentarisches Computerspiel mit gewalttätigen Elementen, dennoch als pädagogisch wertvoll bewertet und obendrein von einer Künstlergruppe - und nicht von einem kommerziellen Spieleproduzenten - entwickelt. Es ist also eine ziemliche Promenadenmischung. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates sagte einmal in einem Interview: “Computerspiele-Entwickler sind Künstler“. Nun entwickeln Künstler wie Gold Extra, die sich bisher hauptsächlich mit Installationen und Performances hervorgetan haben, Computerspiele. Ihr Werk wirkt wie ein Katalysator zwischen Kunst- und Gamerszene. Kulturinteressierte, die dem neuen Medium oft mit Berührungsängsten und Skepsis entgegen treten, wissen das Konzept dahinter zu schätzen, während die Spieler aktiv gebildet werden. Frontiers wird daher sowohl von Magazinen wie „Gee“ gelobt, als auch in zahlreichen Galerien präsentiert. Zuletzt wurde es in die Sammlung des ZKM in Karlsruhe aufgenommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich denke, hier wächst eine neue Generation von Spielern heran, die mit Mario Bros. und Tetris wenig anfangen können. Ich glaube, für meine und frühere Generationen sind Computerspiele etwas anderes und daher so schwer verständlich.

    Mir schickte vor kurzem jemand dieses: [entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken wollen. Danke, die Redaktion/vv]
    Es ist der Introfilm eines Spiels, das sich sehr, sehr gut verkauft hat, wahrscheinlich gerade wegen der Nähe zur politischen Berichterstattung. An diesem Introfilm erkennt man gut, welches Potenzial in diesem Medium mittlerweile, durch die optische Verbesserung, steckt. Leider wüsste ich nicht, wie man solche Spiele herstellt, noch gehöre ich zu denjenigen, die sie spielen. Aber ich würde mich freuen, wenn dieses Medium endlich erwachsen werden würde.

    Wie am kurzen Film ebenfalls ablesbar, könnte man sich fragen, ob mit der Verbreitung ernster oder politischer Spiele auch die Stereotypisierung oder Polarisierung von Ethnien und Politik zunehmen wird. Das Erleben einer ethischen Geschichte vor Ort, aus der Sicht des Opfers, des Gequälten, des Jägers, lädt nicht zu der abstrakten Perspektive eines Zeitungsartikels oder Buches ein, scheint mir. Aber ich mag mich irren.

  2. dass es seiten gibt,auf die die zeit nicht verlinken will...geschenkt
    aber "diese seite" hätte mich dann schon interessiert,
    da ich diese sperr-formulierung hier noch nicht hatte!
    (captcha)?
    aber in einem spielebericht keinen link auf die künstlerseite
    zu setzen...?!?

    • Talor
    • 07.01.2010 um 1:00 Uhr
    3.

    Link zur Seite: http://www.frontiers-game...
    Dass das Ganze ein Freeware Multiplayerspiel ist und auf der Half-Life²-Engine basiert hättet ihr ja wenigstens erwähnen können.

    nichtdasbild: Kannst du bitte den Namen des Spiels nennen, wenn hier schon Links verboten sind (wtf)? Ich würde fast mal schätzen, es geht um Modern Warfare 1 oder 2.
    Ansonsten kann ich deine Vermutung nur bestätigen, es gibt durchaus einige Spiele, die politische und soziale Sachverhalte sehr gut vermitteln können. Oder zumindest könnten, wenn darauf mehr Wert gelegt würde.

    • _iae
    • 07.01.2010 um 3:08 Uhr

    Prinzipiell freue ich mich immer, wenn die Zeit auch mal etwas über Computerspiele schreibt. Frontiers habe ich mir leider bis jetzt noch nicht angeschaut, werde ich die Tage aber nachholen.

    Allerdings muss ich hier Kritik am Artikel üben: Frontiers ist KEIN Computerspiel! Computerspiele kauft man im Laden installiert sie und kann sie danach nach belieben spielen. Frontiers ist ein MOD! Also, eine Modifikation eines anderen Spieles. In diesem Fall von "Half-Life2" oder die Multiplayer-Variante "Half-Life2:Deathmatch". Eines der beiden Spiele und die Spiele-Platform "Steam" werden benötigt um Frontiers spielen zu können.

    Ich denke durchaus das Frontiers ein interessantes Konzept ist. Leider wird es als MOD kaum bei der Zielgruppe ankommen, die Zielgruppe wird wohl kaum einen "Steam"-Account haben, oder "Half-Life2" besitzen. Ich hoffe, dass das Entwickler-Team auf eine Open-Source Engine umsteigt, vielleicht sogar das Unreal Developer Kit. Dann könnte man mehr Menschen erreichen.
    P.S. Ein Link zum Spiel hätte dem Artikel nun wirklich nicht geschadet!

  3. @iae
    ein sehr guter punkt mit dem mod, allerdings ändert das nichts an der tatsache, dass es sich um ein computerspiel handelt. es ist schliesslich immer noch ein spiel auf einem computer...
    das mit der wahl der plattform ist auch ein guter punkt, aber muss man bei aller liebe zu open source hinzufügen, dass es ungleich schwieriger ist spiele auf engines wie ogre zu entwickeln, ohne mehrere mitarbeitende programmierer geht da gar nix.
    bei hl2dm mods ist die community sehr engagiert, hilfsbereit und entwickelt gerne mit. auf den ersten blick ist es natürlich besser ein spiel zu haben, dass "alle" spielen können, aber bei source/steam hat man sofort ein interessiertes publikum (20 mio aktive user). genau die sind die zielgruppe und ich denke, dass das spiel so mehr leute erreicht hat, als wenn als "echtes" indie game entwickelt worden wäre.

    p.s.: das mit dem gelöschten link ist schockierend, wovor fürchtet sich die redaktion bitte?

  4. Ein appetitanregender Artikel, eine professionell gemachte Website und dann... keine ergreifende oder gut recherchierte oder wenigstens irgendwie spannende Handlung sondern ein simples Fangerl-spiel. Super Mario Bros. bilden eher das Leben italienischer Klempner ab denn diese Mod die EU-Flüchtlingsproblematik.

    Es ist keine Schande, wenn die Arbeit an solch einem Spiel langsamer vorangeht als erwartet, oder mehr Lebenszeit in Anspruch nimmt als man zu investieren bereit war. Aber die Grenzen dieses Spielkonzepts sind zu fundamental, als dass daraus noch was interessantes werden könnte. Und der Zeit-Artikel ist entweder zu freundlich mit einer vermeintlich guten Sache oder zu oberflächlich recherchiert.

  5. 7. .

    Erstmal vorauswerfend: ich habe dieses Spiel nicht gespielt, schade, dass Macusern eine Vielzahl von Spielen einfach nicht zugänglich ist. Trotzdem möchte ich angesichts der Debatte hier kurz die Frage einwerfen, wie denn nun ein Computerspiel einer Künstlergruppe zu rezipieren ist. Ist es nun Spiel oder Kunst? Und wo sind seine Grenzen? Ist die Kommmunikation um das Spiel herum auch als Teil des Werks zu verstehen oder handelt sich dabei nur um eine Art Programmheft?
    Angesichts der negativen Beschreibung der Spielerealität scheint eine Chance vertan, die Teilnehmer am Medium Computerspiel aus ihren inhaltlich eng gesetzten Grenzen herauszuholen. Trotzdem finde ich den Ansatz nicht uninteressant, da es als Werk mit all seinen Fehlern zumindest ein grosses Mass an Kommmunikation zu erzeugen vermag.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service