ZEIT ONLINE: Sie haben für Ihr Projekt The Places We Live in Slums auf vier Erdteilen gelebt und die Menschen in ihren Hütten porträtiert. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Jonas Bendiksen: Mein Sohn wurde 2002 geboren. Ich wohnte damals in New York, mitten in Manhattan. Ich fragte mich: Wie würde die Welt aussehen, wenn mein Kind so alt ist wie ich es jetzt bin, also in 25 oder 30 Jahren? 2004 las ich in einer Statistik der Vereinten Nationen: 2008 würden zum ersten Mal mehr Menschen in Städten wohnen als auf dem Land. Schon jetzt lebt eine Milliarde Menschen in städtischen Slums. Eine Milliarde! Und diese Zahl wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Slums sind also die am schnellsten wachsenden Stadtteile.

ZEIT ONLINE: Ihre Porträts sind intim. Sie zeigen jede der vier Wände einer Behausung, sei es ein dekoriertes stabiles Haus, sei es ein Unterschlupf aus Karton. Die Menschen blicken Sie – den Fotografen – und uns – die Betrachter – an. Wie haben Sie die Menschen in den Slums für Ihr Projekt gewonnen?

Bendiksen: 2005 zog ich nach Nairobi, in den Slum Kibera. Ich war zuvor einmal kurz dort gewesen. Ein Bekannter vor Ort half mir, ein Zimmer zu finden, und er dolmetschte für mich. Bald kannte mich die Nachbarschaft. Die Menschen waren sehr offen, ich fühlte mich sehr willkommen. Normalerweise wollen Besucher das Extremste und das Schlimmste sehen. Doch ich fragte: Was bedeutet Normalität? Was haben sich Menschen hier aufgebaut, welche Chancen ergreifen sie? Slums sind kreative und dynamische Orte. Diese Perspektive hat mir viele Türen geöffnet. Mein Projekt war interaktiv, die Porträtierten partizipierten. Ich blieb einen Tag in den Familien und wartete, bis alle da waren. Wir saßen zusammen, redeten. Es war nicht so, dass ich kurz vorbeikam, meine Fotos machte und wieder ging.

ZEIT ONLINE: Sie haben in Kibera in Kenia, in Dharavi in Indien, in Jakarta in Indonesien und in Caracas in Venezuela fotografiert. Warum sind Sie ausgerechnet in diese Slums gegangen?