Reportage-Fotografie "Armut beherrscht nicht den Alltag"
Der norwegische Magnum-Fotograf Jonas Bendiksen wohnte für sein Projekt "Die Slums des 21. Jahrhunderts" selbst wochenlang in Elendsvierteln und erkannte: Wie wir in Oslo oder Berlin leben, ist die Ausnahme.
ZEIT ONLINE: Sie haben für Ihr Projekt The Places We Live in Slums auf vier Erdteilen gelebt und die Menschen in ihren Hütten porträtiert. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Jonas Bendiksen: Mein Sohn wurde 2002 geboren. Ich wohnte damals in New York, mitten in Manhattan. Ich fragte mich: Wie würde die Welt aussehen, wenn mein Kind so alt ist wie ich es jetzt bin, also in 25 oder 30 Jahren? 2004 las ich in einer Statistik der Vereinten Nationen: 2008 würden zum ersten Mal mehr Menschen in Städten wohnen als auf dem Land. Schon jetzt lebt eine Milliarde Menschen in städtischen Slums. Eine Milliarde! Und diese Zahl wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Slums sind also die am schnellsten wachsenden Stadtteile.
- Der Fotograf
Jonas Bendiksen wurde 1977 in Tønsberg, Norwegen, geboren. Nach einem Praktikum im Londoner Büro der Fotoagentur Magnum widmete er sich mehrere Jahre vergessenen Regionen der ehemaligen Sowjetunion, wie Abchasien, Bergkarabach, Transnistrien und der kasachischen Steppe. Das Buch Satellites erschien 2006. Bendiksen wurde 2004 ein Nominee bei Magnum; 2008 wurde er als erster norwegischer Fotograf als Vollmitglied bei Magnum aufgenommen. Für seine Arbeiten erhielt er vielfache Auszeichnungen, unter anderem den Infinity Award des International Center of Photography in New York (2003), einen zweiten Preis in der Kategorie "Daily Life Stories" des World Press Photo Award (2005) und den National Geographic Photography Grant (2008). Für das Projekt The Places We Live: The Slums of the 21st Century erhielt Bendiksen ein Stipendium der Alicia Patterson Foundation (2006). Er lebt mit seiner Familie in Oslo.
- Die Ausstellung
The Places We Live wird bis zum 28. Februar 2010 im C/O Berlin gezeigt. Die Fotos werden wie in einer Panorama-Diashow präsentiert: Etwa vier Quadratmeter kleine Räume sind je einem Slum gewidmet. So entsteht der Eindruck einer beengten Behausung, wie sie oft auch die Slumbewohner kennen. Zugleich ist der Besucher den Porträtierten sehr nah. An jede der vier Wände wird eine Wand des Wohnhauses projiziert. Auf Schnittbildern zwischen den Porträts sieht man Aufnahmen aus dem jeweiligen Slum, etwa eine Eisenbahnstrecke, eine Müllkippe, einen Friedhof, Männer beim Billardspiel oder während des Besuchs eines Gottesdienstes. Jedes Foto ist mit Ton unterlegt: Die Porträtierten erzählen aus ihrem eigenen Leben. Zu den anderen Bildern hört man Stimmengewirr und Alltagsgeräusche, aber auch Musik. So rappt eine Jungenstimme: "My family live in the ghetto, in Kibera slum." Die Online-Version von The Places We Live findet man unter www.theplaceswelive.com.
ZEIT ONLINE: Ihre Porträts sind intim. Sie zeigen jede der vier Wände einer Behausung, sei es ein dekoriertes stabiles Haus, sei es ein Unterschlupf aus Karton. Die Menschen blicken Sie – den Fotografen – und uns – die Betrachter – an. Wie haben Sie die Menschen in den Slums für Ihr Projekt gewonnen?
Bendiksen: 2005 zog ich nach Nairobi, in den Slum Kibera. Ich war zuvor einmal kurz dort gewesen. Ein Bekannter vor Ort half mir, ein Zimmer zu finden, und er dolmetschte für mich. Bald kannte mich die Nachbarschaft. Die Menschen waren sehr offen, ich fühlte mich sehr willkommen. Normalerweise wollen Besucher das Extremste und das Schlimmste sehen. Doch ich fragte: Was bedeutet Normalität? Was haben sich Menschen hier aufgebaut, welche Chancen ergreifen sie? Slums sind kreative und dynamische Orte. Diese Perspektive hat mir viele Türen geöffnet. Mein Projekt war interaktiv, die Porträtierten partizipierten. Ich blieb einen Tag in den Familien und wartete, bis alle da waren. Wir saßen zusammen, redeten. Es war nicht so, dass ich kurz vorbeikam, meine Fotos machte und wieder ging.
ZEIT ONLINE: Sie haben in Kibera in Kenia, in Dharavi in Indien, in Jakarta in Indonesien und in Caracas in Venezuela fotografiert. Warum sind Sie ausgerechnet in diese Slums gegangen?
Bendiksen: Ich hätte diese Aufnahmen an Tausenden von Plätzen machen können. Ich wollte zeigen, dass Slum nicht gleich Slum ist. Selbst die Definition der Vereinten Nationen ist ein Amalgam. Die vier Slums, die ich ausgewählt habe, sind sehr verschieden. Die Wohnungen in Caracas sind viel massiver in ihrer Baumasse, sie sind aus Beton und haben mehrere Etagen. In Jakarta leben die Menschen in Karton- und Plastikhütten. In Dharavi in Mumbai gibt es viele kleine Geschäfte: Nähereien, Bäckereien, Recyclingfirmen. Kibera in Nairobi ist mit 600.000 bis 800.000 Einwohnern ungefähr genauso groß wie Dharavi, aber es gibt kaum Geschäfte.
ZEIT ONLINE: Die Stereotypen über Slums klingen in der Regel sehr negativ.
Bendiksen: Ein Slum ist keine monolithische Einheit, wo die Armut die Agenda bestimmt. Es gibt wirklich verzweifelte Menschen, die keine Unterstützung haben. Es gibt aber auch sehr erfolgreiche Menschen. Eine Milliarde Menschen zeigen eine nahezu unbegrenzte Vielfalt, größer als in Berlin, London oder New York. Es ist eine Multitude von Erfahrungen. Slums zeigen, wie die modernen Städte begannen, zu existieren. Die Menschen denken nicht daran, die Slums zu verlassen. Sie sagen: Wir arbeiten hart, um unsere Nachbarschaft zu verbessern, um unsere Orte zur Normalität zu transformieren. Oft müssen sie gegen die Kommunalbehörden kämpfen. Gerade in Wahlkämpfen wollen Kandidaten sich als stark gegen Kriminalität und Armut erweisen. Dann bulldozern sie ein paar Slums nieder. Das ist eine Tragödie für die Menschen dort.
ZEIT ONLINE: Über Fotoreportagen sagt man oft, der Fotograf habe den Porträtierten eine Stimme gegeben. Sie lassen die Menschen tatsächlich sprechen: Ihre Fotoausstellung kombiniert Tonaufnahmen, auf denen die Porträtierten ihre eigene Geschichte erzählen.
Bendiksen: Für diese Gespräche gab es für mich nur eine einzige Frage: "Erzähl mir von deinem Leben." Wir haben die Menschen nicht unterbrochen. Ich spreche kein Spanisch, kein Indonesisch, kein Suaheli. Manchmal bat ich den Übersetzer um eine Zusammenfassung. Ich wusste also nicht wirklich, was mir die Menschen erzählt hatten, bis ich die Übersetzungen der Transkriptionen bekam. Ich denke, wir Journalisten fokussieren zu oft auf die Probleme.
ZEIT ONLINE: Sie sind Fotograf der berühmten Agentur Magnum. Die Gründer Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David Seymour haben Ende der 1940er den Begriff der "human concerned photography" zum Motto gemacht. Spielt das für Ihre Arbeit heute noch eine Rolle?
Bendiksen: Ich bin Fotograf, weil ich die Fotografie nutze, um über bestimmte Themen zu sprechen. Ich will Fragen stellen. Eine Person macht ein Projekt, und vielleicht gibt es Menschen, die daraufhin ein Buch zu diesem Thema lesen. Diese Projekte können ihre Denkweise verändern. Ich will ganz sicher ein Teil dieser Konversation sein. Aber ich weiß, dass die Welt nicht durch ein Projekt geändert wird. Mein Leben hat sich nie durch ein Buch oder einen Film geändert. Ich bin, was ich bin – wegen aller Bücher, die ich gelesen habe. Nicht wegen einem.
ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich die Fotojournalisten Ihrer Generation von älteren Kollegen?
Bendiksen: Die Welt, in der wir leben, ist anders. Don McCullins Fotos zum Beispiel wurden in der Sunday Times und im Magazin Life gedruckt – sie zeigten etwas, über das die Leser zum ersten Mal erfuhren. Es waren Neuheiten. Wir aber dienen nicht mehr diesem Gesetz – nicht einmal CNN tut das, sondern die Onlinemedien. Unsere Rolle ist mehr die eines Kommentatoren. Wir geben Hintergrundinformationen.
ZEIT ONLINE: The Places We Live ist eine sehr moderne Ausstellung: Bild und Ton funktionieren wie eine Dia-Show, oder eine Audio-Slideshow. Früher gab es oft nur eine Form und eine Bildsprache: die klassische Reportage in Schwarz-Weiß.
Bendiksen: Ich fotografiere nicht für das Life-Magazin von 1965. Ich suche praktische Lösungen für die Themen, über die ich sprechen will. Im Journalismus geht es darum, dass die Arbeit ehrlich ist, und nicht um die Form. Ich denke, es ist ein großer Nachteil, alles in ein und demselben Format zeigen zu wollen. Auch das erzeugt Stereotypen.
ZEIT ONLINE: Warum heißt Ihr Projekt The Places We Live – die Orte, an denen "wir" leben?
Bendiksen: Ich versuche, nicht zu sagen: Slums sind Inseln. Denn wir sollten nicht vergessen, dass in nur einer Generation doppelt so viele Menschen in Slums leben werden wie jetzt. So, wie wir in Oslo oder Berlin leben, ist es die Ausnahme. Wenn wir auf Slums schauen, sehen wir etwas Normales.
Das Gespräch führte Evelyn Runge
- Datum 14.01.2010 - 12:07 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Danke. :)
Wir sehen, wie viele Mitmenschen auf unserer Erde wohnen, bzw. leben. Diese Ausstellung, das dazugehörige Buch, die Magnum Fotos Seite im Internet sind hervorragend gemacht, auch weil sie zum Denken und vielleicht Handeln anregen. "Wie wir in Ostlo oder Berlin leben ist die Ausnahme". Wie begründen oder verteidigen wir unsere etwas oder sehr viel luxeriöseren Wohngelegenheiten und Lebensstile? Gegenüber jenen, die wie auf den Bildern zu sehen ist, ganz beschränkt im Platz und ohne Infrastruktur, mit knappsten Mitteln auskommen müssen?
für diesen Artikel.
Der letzte Satz regt an, über die eigene Sichtweisen nachzudenken.
Auf der Suche nach Exotik ist kein Weg zu weit und auch nicht zu schmutzig. Schon Leonardo da Vinci empfahl uns verwitterte Mauerflecken als Imspiration.
Aber ist eine Slum-Reportage Foto-Kunst?
Die Aufmerksamkeit auf andere Realitäten zu lenken, ist immer als positiv zu werten, da so unsere Horizonte elastischer werden. Doch auch der Spießbürger, in seinem Häuschen und Vorgarten der Ersten Welt, hat für echte Naturmenschen etwas exotisches. Das sollte nicht vergessen werden.
Der gesamte Planet ist ein großes, mehrdimensionales Bild, das es zu gestalten gilt. Da müssen ALLE kreativ sein ... und nur so kann auch jeder verantwortlich werden.
Berichte über Kreativität und deren Dynamik sollten und müssen sich sogar mit ästhetischen Kriterien anfreunden. Der erweiterte Kunstbegriff ("Jeder Mensch ist ein Künstler) kann hier keinesfalls in Abrede gestellt sein. Eine Reportage bleibt aber eine Reportage, auch wenn sie sehr gut gelungen ist.
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