Blattgold überzieht den Buchstaben, der wie ein meterhohes Initial hoch über der Stadt steht. An dem goldenen "U" hängt die Hoffnung auf einen Neuanfang in Dortmund. Es thront auf dem stillgelegten Kellereihochhaus der Union-Brauerei, einem Industriedenkmal, aus dem nun ein Zentrum für Kunst und Kreativität werden soll. Im gesamten Ruhrgebiet entstehen neun sogenannte Kreativquartiere: von Unna im Osten bis nach Dinslaken im äußersten Westen. Designer, Kulturschaffende, Architekten und Künstler sollen die Brachen schließen, die der anhaltende industrielle Wandel als Narben in der Städtelandschaft hinterlassen hat. Mehr als 80.000 Menschen haben alleine in dieser Stadt während dieses Wandels ihren Industriearbeitsplatz verloren. Davor war immer vom Dortmunder Dreiklang die Rede: Kohle, Stahl und Bier. Das ist Geschichte.

Die Gegenwart sieht trist aus. Im Wettbewerb der Städteregionen belegt der Pott stets die hintersten Plätze. Neulich erst hat das Manager-Magazin in seinem Ranking der deutschen Wirtschaftsstandorte Dortmund auf Platz 289 gesetzt. Die zweitgrößte Stadt Nordrhein-Westfalens steht dort neben Delmenhorst. Essen kam auf Platz 166 – als beste Ruhrgebietsstadt. Nach dem Niedergang der Schwerindustrie hatte man schon den Anschluss an die digitale Revolution verpasst; die Mobilfunkanbieter Vodafone und E-Plus siedelten sich im nahen Düsseldorf an. Und dann ist da noch der demografische Faktor: "Alterungs- und Schrumpfungsprozesse schreiten hier schneller voran als in anderen Regionen", heißt es in einer aktuellen Studie der Bochumer Ruhr-Universität, deren Absolventen die Gegend auch scharenweise verlassen. "Überdurchschnittlich viele Familien und qualifizierte junge Menschen wandern ab."

Diesen Trend soll nun die Kreativwirtschaft aufhalten. Deutschlandweit stünde sie schon an dritter Stelle, wenn es um den Wert für das Bruttosozialprodukt geht. Diese Botschaft verkünden die Organisatoren der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010, die sich als Initialzündung versteht.

Alleine über das "U"-Projekt sollen 40 Millionen Euro nach Dortmund fließen. Das meiste Geld wird aus Brüssel erwartet. Zu den ersten Mietern des Kreativquartiers am "U" wird Dieter Gorny gehören. Der Gründer des Musiksenders Viva, der nach einer wechselvollen Karriere im Kulturmanagement nun als künstlerischer Leiter die Kulturhauptstadt Ruhr betreut. Er soll dieser Brache Leben einhauchen. Im Gegenzug erlässt die Stadt seinem Center for Creative Economy (ECCE) die Miete, in einem Bau neben dem ehemaligen Kellereihochhaus.

Gorny soll junge Leute aus Musik und Medien für den Standort Ruhrgebiet gewinnen. Die ersten 20 bringt er selbst mit. Und schon existiert die Idee einer Messe für die Kreativwirtschafts-Branche. Schließlich hatte Gorny einst die Musikmesse Popkomm in Köln gegründet, von der die Medienstadt lange profitiert hat. "An solchen Orten kann der massenhafte Verlust von Industriearbeitsplätzen etwas abgefedert werden – nicht völlig ersetzt", sagt Gorny im Gespräch über die regionale Mission Kreativwirtschaft. "Dafür braucht man allerdings einen leistungsfähigen Kern, um den herum etwas wächst."

Der Dortmunder Nukleus ist das "U", um das sich der renommierte Medienkünstler Andreas Broeckmann kümmert. Ihn hatte die Stadt aus Berlin geholt, wo er als Künstlerischer Leiter sieben Jahre lang für die Transmediale gewirkt hat, dem internationalen Festival für Kunst und digitale Kultur. Nun soll er hier etwas von internationalem Rang schaffen. Ob man denn nicht ein bisschen spät das Herz für die Kreativen entdeckt habe? "Mich interessiert nicht, was bislang versäumt wurde, mich interessiert nur, wie wir jetzt das "U" zu einem internationalen Erfolg machen können", sagt Broeckmann, dessen Arbeit von der Subvention lebt. Wenn der Umbau des "U" im Mai fertig wird, soll es dort großflächige Videoinstallationen geben, ein Kunstmuseum, eine Kunstwerkstatt, ein Off-Kino. Leute wie Broeckmann und Gorny sollen zunächst für das Renommee sorgen, das andere Kreative anlockt, und Sponsoren überzeugt: Von Brüssel bis in die Vorstandsbüros der Energiewirtschaft.

Marc Röbbecke ist wohl auch als "Kreativer" zu bezeichnen. Mit seinem Geschäft "Heimatdesign" ist er ein Dortmunder Pionier. Und steht schon unmittelbar im Existenzkampf. Eine Straßenecke hinter dem "U" verkauft er in dem ehemaligen Fundbüro des Ordnungsamtes allerlei ausgefallene Accessoires junger regionaler Designer – auch Umhängetaschen mit einem großen gelben "U". Im leer stehenden Obergeschoss plant Röbbecke, "einen Raum für 50 Arbeitsplätze, die wir einzeln an Freiberufler vermieten werden". An Designer, Grafiker, Journalisten, Fotografen - das Proletariat der kreativen Industrie, auf die man nun im Ruhrgebiet setzt.