FotokunstMach dir dein eigenes Bild

Die Künstlerin Susanna Kraus hat die größte Selbstbildkamera der Welt nach Jahren in der Vergessenheit wieder aktiviert. Nun lässt sie die Menschen sich selbst ablichten – in Lebensgröße von 

Kamera zum Betreten: die Imago 1:1 ist die einzige Sofortbildkamera der Welt die lebensgroße Porträts macht

Kamera zum Betreten: die Imago 1:1 ist die einzige Sofortbildkamera der Welt die lebensgroße Porträts macht  |  © Annegret Kohlmayer

Die Liebe von Susanna Kraus ist groß. Sie braucht einen Raum für sich. Ihr schwarzer Körper misst sieben mal vier mal drei Meter. Sie ist ein Unikat, die Imago 1:1, die größte begehbare Kamera der Welt. Nach 35 Jahren in Vergessenheit hat Susanna Kraus die Imago reanimiert, gegen alle Widerstände und mit allem Risiko des Scheiterns. Es ist die Geschichte einer einzigartigen Erfindung, und es ist die Geschichte einer Kunst und eines Handwerks, die auch die digitale Fotografie nicht totkriegt. Die Imago 1:1 funktioniert nicht mit Film, sondern mit speziellem Fotopapier: Das Porträt wird direkt auf sogenanntes Umkehr- oder Positivpapier belichtet. Es existiert kein Negativ. Die Aufnahme ist zugleich der einzige Abzug. "Man hat nirgendwo die Chance, sich selbst in die Augen zu schauen, sich selbst seitenrichtig zu sehen, den Moment des Auslösens selbst zu bestimmen, ein Porträt im eins-zu-eins-Format zu haben", sagt Susanna Kraus. Außer in der Imago.

Susanna Kraus trägt schwarze Stiefel, schwarze Jeans, schwarze Jacke und ein rotes Shirt. Sie passt farblich zur Kamera: Das Gerüst der Imago ist rot, der Rest schwarz. Erfunden haben die Imago ihr Vater, der Physiker Werner Kraus, und Erhard Hößle, Professor für Goldschmiedekunst. 1972 konstruierten Kraus und Hößle die Imago, "als Spielerei". Kraus war damals bei Daimler Benz für Hochgeschwindigkeitsfotografie zuständig: Er fotografierte die Verbrennung im Wankelmotor. Für die Fachwelt war die Imago 1976 ein Höhepunkt der Photokina in Köln. Für Susanna Kraus, geboren 1957, war die Imago zu dieser Zeit "ein Riesen-Spielzeug", in dem sie und ihre Freunde ihre "pubertäre Selbstfindungsphase" auslebten: "Wer bin ich? Bin ich, wer ich denke?"

Anzeige
Susanna Kraus
Susanna Kraus

Susanna Kraus wurde 1957 in München geboren. Ihr Vater war Physiker. Er erfand zusammen mit Erhard Hößle die Imago 1:1, später entwickelte er ein Heilverfahren mit elektromagnetischer Induktion. Ihre Mutter war Modefotografin. Kraus studierte Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München und trat bundesweit in Theatern auf. Sie spielte in TV-Serien und in Filmen, auch in einer kleinen Rolle in Das Leben der anderen. 2004 entdeckte sie die Imago 1:1 wieder, 2006 nahm sie sie in Betrieb. Das erste Foto zeigte die Erfinder der Imago: Werner Kraus und Erhard Hößle, Professor für Goldschmiedekunst. "Es ist Zufall, dass das erste Bild nach 25 Jahren die beiden zeigt", sagt Kraus. Das Porträt reist nun als Talisman mit der Imago 1:1. Einen Fototermin in Kraus’ Berliner Atelier(Straßburgerstr. 6 - 8) kann jeder vereinbaren, ein Porträt kostet 290 Euro.

Der Tod der Imago kam mit dem Tod des Umkehrpapiers, Anfang der 1980er. Susanna Kraus studierte an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspiel. Sie trat auf an den Münchener Kammerspielen, den Schauspielhäusern Köln und Frankfurt, der Schaubühne, den Hamburger Kammerspielen, im Fernsehen und im Film. Ihre Zwillingssöhne, heute 20, zog sie alleine groß. Auch sie hatte die Imago vergessen. Bis sie im Sommer 2004 auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk Original-Abzüge von sich und Freunden aus der Imago fand. Die Optik der Imago hatte ihr Vater privat eingemottet, der Körper lagerte bei der Münchener Pinakothek. "Die Imago war ein Schrotthaufen, sie hatte kein Innenleben mehr, keinen Blitz, kein Licht, keine Entwicklungsmaschine", und doch wollte Kraus das Unmögliche. Sie wollte die Imago wiederbeleben. "Ich hatte keine Ahnung von Fotografie. Ich konnte mir nicht vorstellen, was es bedeutet, eine Technologie wieder hochzuholen, die seit 30 Jahren verschwunden ist."

Das größte Problem war, Umkehrpapier zu beschaffen. Tag für Tag, Woche für Woche folgte sie Fährten, von denen mehr als eine falsch waren. Sie telefonierte in die USA, nach Russland und China, in die Schweiz und nach Kroatien. Die Fotofirma Ilford stellte schließlich extra für Kraus Schwarz-Weiß-Umkehrpapier her, die Emulsion musste quasi neu erfunden werden.

Unikat-Fotografie

Außer Susanna Kraus’ Imago 1:1 gibt es zwei weitere Strömungen der Unikat-Fotografie, die boomen: das Polaroid-Verfahren und die Fotoautomaten. Gemeinsam ist ihnen, dass es in der Regel kein Negativ gibt (eine Ausnahme war ein Produkt von Polaroid: Außer dem Positiv erhielt man ein Negativ, das klassische Schwarz-Weiß-Abzüge im Labor ermöglichte). Bei Sofortbildern ist im weißen Rand Chemie enthalten, die beim Herausziehen des Bildes aus der Kamera über die Fotooberfläche geschmiert wird und zugleich als Entwickler und Fixierer wirkt. Das Umkehrpapier der Imago ist mit einer speziellen Emulsion beschichtet, die Entwicklung findet in einer klassischen Entwicklungsmaschine statt. "Es ist kein Zufall, dass diese drei Unikat-Techniken zeitgleich wieder entstanden sind", sagt Susanna Kraus. Jetzt sei die richtige Zeit für Unikat-Fotografie. "In den 1990ern wäre man gescheitert. Die Digitalfotografie war aufregend und neu, und die großen Firmen hätten ein Projekt wie meines nicht unterstützt."

2006 fotografierte Susanna Kraus für ihre erste Ausstellung Wiener Psychoanalytiker. Später porträtierten sich der Philosoph Peter Sloterdijk, der Künstler Peter Weibel, die Schauspielerin Suzanne von Borsody, der Schauspieler Otto Schenk und andere Prominente in der Imago selbst. Aber auch Familien und Individualisten kommen zu Kraus. Mathias Köstler, 39, zum Beispiel ist aus Frankfurt am Main nach Berlin gefahren, um "mein kleines Passbild" zu machen. Das kleine Passbild wird eine Größe von 60 mal 200 Zentimetern haben. Es wird Köstler von Kopf bis Fuß zeigen, im Maßstab eins zu eins. Er schlüpft in einen dunkelblauen Anzug mit Nadelstreifen und in weiß-schwarze handgenähte Schuhe. Die Imago hat zwei Kammern: eine Dunkelkammer, auf deren Außentür ganz klassisch "Bitte nicht betreten!" steht, und die nur durch eine Lichtschleuse zu erreichen ist. Und eine Kammer, in der sich die Porträtierten positionieren. So wie Mathias Köstler. Sein Spiegelbild ist seitenrichtig: Er sieht sich selbst, wie ihn sonst nur sein Gegenüber sehen kann. Kraus reicht ihm den Handauslöser: "Du bist der Fotograf! Du entscheidest, wann du dein Bild machst."

Jeder kann sich in der Imago selbst inszenieren. Doch passt der laute Begriff der Selbst-Inszenierung nicht zu den Fotografien. Nicht nur, weil sie schwarz-weiß und alles andere als schrill sind, sondern weil der Mensch im Moment der Aufnahme ganz auf sich zurückgeworfen ist. Susanna Kraus meint: "Der Mensch ist viel unbeholfener sich selbst gegenüber, scheuer, schüchterner, zarter – von einer Naivität sich selbst gegenüber." Kraus bittet die Menschen, ihre Adresse in ein großes Buch zu schreiben. "Hier bleibt nichts", sagt sie. "Anders als die Daten einer digitalen Fotografie oder eines analogen Negativs." Das Unikat besitzt der Käufer, der Fotograf. Die Adressen sammelt Kraus, weil sie von einer Weltausstellung träumt. Eines Tages will sie eine mobile Reise-Kopie der Imago 1:1 haben, um in anderen Kulturkreisen den Menschen sich selbst abbilden zu lassen: Wer bin ich? Bin ich, wer ich denke? Was ist der Mensch? Es sind die Grundfragen der Philosophie.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. (winnermobil) Es ist eine Originalität, sich lebensgroß ablichten zu können. Fragt sich nur, was der Abzug kostet. Und ob es Kunst ist, die Bilder so zu machen. Fotograf könnte ja auch vergrößern?

  2. Habe ich was verpasst oder gibt es keine Bildergalerie zu dem Beitrag? Wäre doch mal interessant, wie zB Sloterdijk sich selbst sieht ...

    Hier geht's zur Homepage der Imago 1:1
    http://www.camera-imago.com/

    Ronald
    ------
    Portrait-Fotografie: http://www.daedalus-v.de

  3. Ich frage mich ob für den Effekt des "sich selbst begegnens" vor einer Kamera wirklich dieser Aufwand nötig ist. Dies liegt wohl eher darin begründet, dass das Bild derartig groß sein soll. Man könnte ja auch z.B. eine analoge Mittelformat nehmen, in einen dunklen Raum stellen - und den Selbstauslöser nutzen. Philosophisch und Psychologisch hätte dies den selben Effekt. Auch das Bild könnte man entsprechend groß Ausbelichten, das Negativ zerstören oder dem Fotografierten mitgeben. Hier hakt es meiner Meinung nach an der Theorie. Ich sehe die Imago als ein Jahrmarktattraktion, die sich sicher gut vermarkten lässt - mehr nicht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kammerspiel | Peter Sloterdijk | Peter Weibel | Photokina | China | Kroatien
Service