Medienkunst auf der Transmediale Böse Insektenaugen
Paparazzi-Roboter und wolkenförmige W-Lan-Netze: Eine Ausstellung im Rahmen der Berliner Transmediale macht digitale Phänomene sichtbar.
© Ryuichi Maruo

Welche Utopien hält die Zukunft noch für uns bereit? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung Future Obscura, die im Rahmen der Transmediale im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt wird.
Technik kann mitleidlos sein. Ihre präzise Effizienz macht sie sogar manchmal schauderhaft. Die fleischfressenden Haushaltsgeräte von James Auger, Jimmy Loizeau and Aleksandar Zivanovic sind ein gutes Beispiel dafür: Ihre Todeslampe gewinnt Energie durch das Verbruzeln von Stubenfliegen. Und wehe der Maus, deren Füße über den gestylten Plastik-Tisch aus der Reihe Domestic Entertainment Robots tapsen: In der Mitte des Tisches öffnet sich dann eine Stahlluke, die das Tier verschluckt und zur Energiegewinnung weiterverwurstet.
Dieser Winkel im Haus der Kulturen der Welt sieht ein bisschen aus, als hätte sich ein James-Bond-Bösewicht sein Wohnzimmer eingerichtet. Und zwar vor etwa 20 Jahren – eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit sozusagen.
Ob früher alles besser war, sogar die Zukunft, untersucht die diesjährige Transmediale unter dem Motto Futury Now! Welche Utopien hält die Zukunft noch für uns bereit? Und wie sehr sind die Science-Fiction-Visionen einer allmächtigen und unkontrollierbaren Technik schon Realität geworden? Diese Frage wollen die zehn Installationen der begleitenden Ausstellung Future Obscura beantworten.
Der Referenzpunkt der Ausstellung, die Camera Obscura, zeigt im Grunde eine recht simple Technik: Ein Gegenstand wird durch einen kleinen Lichtpunkt in der Wand umgekehrt auf eine dahinterliegende Leinwand projiziert – es ist nichts anderes als der Grundmechanismus der Fotografie. Die ausgewählten Arbeiten orientieren sich technisch weniger am state of the Art, auf das also, was Technik derzeit zu leisten vermag. Vielmehr thematisieren die Künstler das bereits Vorhandene, eher Alltägliche der digitalen Medien. Sie übersetzen es in andere Sinne, brechen es aufs Konkrete herunter, Zeitzusammenhänge werden auseinandergedröselt und Wirkungen neu kombiniert.
Viele Arbeiten sind unmittelbare Übersetzungen eines digitalen Phänomens ins Visuelle: Die Panoramic Wifi Camera von Adam Somlai-Fischer, Usman Haque, Bengt Sjölénvon etwa zeigt W-Lan-Netze im Raum als bunte Wolken. Auf das eigene Schlafzimmer in einem Mehrfamilienhaus übertragen hat man sich das in etwa so vorzustellen: eine Wolke Fritzbox Wlan 9133 dringt grün von außen durchs Fenster, der Nachbar von unten lässt mit Alice-Lan seinen gelben Nebel aus dem Fußboden quillen, in der Raummitte machen sich die Strahlen von drei weiteren Netzwerken den Luftraum streitig: Könnte man die Netze wirklich sehen, gäbe es sicherlich mehr Diskussionen um ihre vermeintliche Schädlichkeit.
Auch die Installation Buscando al Sr. Goodbar der Kanadierin Michelle Teran macht Dateninformationen sichtbar: Auf zwei Bildschirmen ist die Tour einer Busreise durch die spanische Stadt Murcia zu sehen – links in Gestalt einer Google Map, auf der die Reiseroute und YouTube-Videos zu sehen sind, die mit den Geodaten verknüpft sind. Rechts sieht man einen Film von der Busreise, der die realen Orte und zum Teil auch die realen Menschen aus den Videos abbildet: Einen Klavierspieler zum Beispiel, oder einen Menschen, der Stille Nacht auf der E-Gitarre spielt. "Durch das Aufsuchen der Räume aus den Videos entsteht eine vertrauliche Begegnung zwischen Videomachern und Publikum", heißt es im begleitenden Text. Ein bisschen naiv ist das schon. Man stelle sich vor, man besuchte den Autor eines Buches oder einer Fernsehsendung im "echten Leben", und bezeichnete das als Medienkunst.
"Wir sind, nach all den Träumen des 20. Jahrhunderts, in einer Hybridform der Zukunft angekommen", sagt Stephen Kovats, der künstlerische Leiter des Hauses der Kulturen der Welt. Und schiebt die kritische Frage hinterher: "Was müssen wir tun, um die digitalen Strukturen wieder zu beherrschen?"
Die Akteure des Web 2.0 greifbar machen und verborgene Mechanismen vorführen, das versucht Ken Rinaldo mit seinen Papparazzi Bots: Fahrbare Kameraroboter auf Augenhöhe, die den Besucher verfolgen, um ihn dann abzulichten. Das wirkt ziemlich unheimlich, denn die Blitzvorrichtungen erinnern an bösartige Insektenaugen. Um von ihnen "abgeschossen" zu werden, muss man sich allerdings erst in einen mit rotem Teppich ausgelegten Bannkreis begeben. Das Spiel funktioniert also nur, wenn beide Seiten es auch zulassen. Wie bei sozialen Netzwerken, in denen die Mitglieder ihre eigenen Fotos freiwillig hochladen, wohl wissend, dass sie damit die Kontrolle über ihre eigene Privatsphäre verlieren könnten.
Die zehn Installationen sind zum Glück nicht so ausgelegt, dass man mehr Zeit mit ihren Beschreibungen als mit der eigentlichen Wahrnehmung verbringen müsste. Einige kann man sogar richtig genießen.
Arbeiten wie White Noise von Žilvinas Kempinas beispielsweise geben dem Gehirn Zucker. In einem dunklen Raum werden 100 waagerecht aufgespannte Videobänder von Ventilatoren bewegt. Daraus entsteht ein völlig neues, eigenständiges Kunstwerk: ein Raum, ein Geräusch, und ein Zustand, der sich fast schon als meditativ bezeichnen lässt.
Einen besonderen Augenreiz im Dunkeln bietet auch Yvette Mattern mit ihrem vielfarbigen Lichtstreifen Global Rainbow – From One to Many, nur ist ihre Installation noch um ein paar Dimensionen größer: Sichtbar wird sie erst, wenn der Abendhimmel über Berlin sich verdunkelt. Dann schickt ihr künstlicher Regenbogen seine Strahlen quer durch die Stadt vom Haus der Kulturen bis zum Alexanderplatz.
Die Ausstellung "Future Obscura" ist noch bis zum 7. Februar im Haus der Kulturen der Welt zu sehen
- Datum 05.02.2010 - 11:10 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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