Ruhr 2010 Hast Du mal 'ne Straße?Seite 2/2
Zum Beispiel Nicole Hohmann. Sie kommt aus Frankfurt, dort arbeitete sie freiberuflich für Buchverlage. Nun ist sie hier. In ihrer Wohnung riecht man die neue Farbe, frisch getrocknet, ein paar Kisten stehen herum, Bücherstapel in den Regalen, Mann, Benjamin, Hemingway, Kafkakafkakafka. Aus dem Küchenfenster blickt man auf ergraute Hinterhäuser, wucherndes Gras, einen Spielplatz und Wäscheleinen, an denen ein paar Hemden schunkeln. "Es ist schon ein Unterschied zu Frankfurt", sagt Hohmann, "aber die Stadt hat mich gereizt und das Projekt. Die Menschen und Eindrücke".
Auf ihrem Schreibtisch steht der Laptop, in den sie diese dann schreiben soll, am besten täglich, aber so genau wird das nicht genommen. Da mischt sich niemand ein. Nur das Computerprogramm ist streng, sein weißes Blatt ungeduldig: Steht der Text acht Minuten lang still, verschwindet er ins Nichts, unwiederbringlich, so sind die Regeln. Schreiben, Verwerfen, Vergessen, Erinnern, noch mal von vorn. Ein Text braucht Zuneigung. Bekommt er sie nicht, nimmt er es übel.
So entsteht in kollektiver Autorschaft ein Buch, das am Jahresende in Druck gegeben wird. Solange ist es unsichtbar. Die Autoren kennen nur ihre eigenen Beiträge. Was aus dem Textkorpus hernach entsteht, ist ihnen ein Rätsel. Auch für Gerz: Es kann ein "uferloses, unfruchtbares Ding werden oder ein Solitär, wer weiß das schon." Bleiben wird es ein Fragment. Das soll es auch. Hier wird die Gesellschaft zum Autor, sagt Gerz. "Es geht natürlich um Kreativität." Um den Menschen als Dimension der Kunst.
Auch die Anwohner können mitschreiben, sollen sie sogar, dazu sind sie eingeladen. Das sei Teil der Veränderung: die Interaktion, die Inspiration, der Dialog – das eigentliche Kunstwerk, es liegt im Prozess. "Kunst muss raus aus den Häusern, raus aus den Institutionen, rein in die Gesellschaft", sagt Gerz. Was, wenn die Gesellschaft gar nicht will? "Natürlich kann es scheitern", dessen ist er sich bewusst. "Aber man braucht Orte für das Risiko." Drei Stadtteile sind so zur Ausstellung geworden, zur künstlerischen Utopie. Ein Jahr lang, Tag und Nacht geöffnet. So könnte man es sehen. Man kann dort auch einfach so spazieren gehen.
- Datum 11.03.2010 - 09:59 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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viereggtext - Das Ruhrgebiet erwacht aus seinem grauen Schleier und zeigt sich überall als agiles buntes Treiben. Das Experiment hat einen internationalen Hintergrund und kann sehr viel Bewegung in die Kulturszene bringen. Weiter so!
Das Ruhrgebiet mit seiner zurückgehenden Einwohnerzahl, hohem Altersdurchschnitt und hoher Arbeitslosigkeit wird gerade einem wirtschaftlichen Verwertungsprozeß unterworfen, der wenige hochpreisige Yuppiesiedlungen und viele Armenviertel produziert.
Gentrifizierung ist hier Alltag. In Siedlungen aus kleinen Zechenhäusern mit Garten, in denen jahrzehntelang pro Haus zwei bis drei Familien bunt gemischt gelebt haben, wird privatisiert und umgebaut, dass es nur so kracht, da wohnt jetzt pro Haus ein kinderloses Yuppiepärchen mit Hund und Mercedes Cabrio vor der Tür. Rund um die mit EU-Mitteln gefördeten Projekte an den Industrieanlagen werden ganze Straßenzüge leergezogen und kernsaniert oder abgerissen und neugebaut, die alten Bewohner gehen dahin, wo es tatsächlich mehr nach altem Ruhrgebiet aussieht als irgendwer möchte. Überall wird der Wohnbestand gezielt "zurückgebaut", um die Mieten hoch zu halten. Die Innenstädte veröden rund um hochpreisige Malls mit "Flagship-Stores".
Da schilden Sie aber die letzten Phasen der Gentrification. Gentrification ist in seiner Ideen-Form nur zu wünschen, leider treibt der Prozess einen langen Schwanz hinter sich her. Ich sehe es als Fehler an, die Gentrifizierung völlig negativ zu betrachten, da diese Prozess die Möglichkeit erhellt, dass vorhandene Gebäudepotentiale genutzt werden. Der Prozess der Gentrification beinhaltet auch den Raum für alternative und kreative Wohn- und Lebensformen. Leider sind die späten Prozessphasen nicht so angenehm, nämlich dann, wenn nicht der Gedanke der Selbstverwirklichung zählt, sondern das Geld und die Menschen, die sich in der Kreativität anderer aalen wollen und so die Grundlagen zerstören und auch den Raum ihrer Fantasie bis ein so lebhafter Raum im Mief der Nicht-Verstehenden verlangweilt und stirbt. Etwas Totes, was aber unendlich teuer geworden ist.
Da schilden Sie aber die letzten Phasen der Gentrification. Gentrification ist in seiner Ideen-Form nur zu wünschen, leider treibt der Prozess einen langen Schwanz hinter sich her. Ich sehe es als Fehler an, die Gentrifizierung völlig negativ zu betrachten, da diese Prozess die Möglichkeit erhellt, dass vorhandene Gebäudepotentiale genutzt werden. Der Prozess der Gentrification beinhaltet auch den Raum für alternative und kreative Wohn- und Lebensformen. Leider sind die späten Prozessphasen nicht so angenehm, nämlich dann, wenn nicht der Gedanke der Selbstverwirklichung zählt, sondern das Geld und die Menschen, die sich in der Kreativität anderer aalen wollen und so die Grundlagen zerstören und auch den Raum ihrer Fantasie bis ein so lebhafter Raum im Mief der Nicht-Verstehenden verlangweilt und stirbt. Etwas Totes, was aber unendlich teuer geworden ist.
Da schilden Sie aber die letzten Phasen der Gentrification. Gentrification ist in seiner Ideen-Form nur zu wünschen, leider treibt der Prozess einen langen Schwanz hinter sich her. Ich sehe es als Fehler an, die Gentrifizierung völlig negativ zu betrachten, da diese Prozess die Möglichkeit erhellt, dass vorhandene Gebäudepotentiale genutzt werden. Der Prozess der Gentrification beinhaltet auch den Raum für alternative und kreative Wohn- und Lebensformen. Leider sind die späten Prozessphasen nicht so angenehm, nämlich dann, wenn nicht der Gedanke der Selbstverwirklichung zählt, sondern das Geld und die Menschen, die sich in der Kreativität anderer aalen wollen und so die Grundlagen zerstören und auch den Raum ihrer Fantasie bis ein so lebhafter Raum im Mief der Nicht-Verstehenden verlangweilt und stirbt. Etwas Totes, was aber unendlich teuer geworden ist.
Die Vereinnahmung von Kunst und Literatur als Werkzeuge für eine unbestimmte Sozialarbeit ist das wohl hilfloseste und dümmste Unterfangen im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010. Eine solche Neuauflage des „Bitterfelder Weges“ ist überflüssig und zum Scheitern verurteilt.
zum Artikel: Meines Wissens ist die Gerz-Arbeit in Bochum mangels Geld aufgegeben worden. "Land for free", auf der entry2006 noch beworben, ist gleichfalls eingestampft worden, auch dies wäre eine versuchte Vrbindung von Kunst und Sozialem geworden.
zu TimmyS:
Sie schreiben: "Der Prozess der Gentrification beinhaltet auch den Raum für alternative und kreative Wohn- und Lebensformen. Leider sind die späten Prozessphasen nicht so angenehm, nämlich dann, wenn nicht der Gedanke der Selbstverwirklichung zählt, sondern das Geld und die Menschen, die sich in der Kreativität anderer aalen wollen und so die Grundlagen zerstören und auch den Raum ihrer Fantasie bis ein so lebhafter Raum im Mief der Nicht-Verstehenden verlangweilt und stirbt. Etwas Totes, was aber unendlich teuer geworden ist."
Als mit dem Thema befasster Stadtsoziologe kann ich Ihnen nur zur Lektüre von Fachbüchern raten, denn Tenor der vielen Definitionen (eine einzige, "gültige" gibt es nicht) ist und bleibt der Charakter der Gentrifizierung als baulicher Aufwertung (die man begrüßen mag) einhergehend mit dem Austausch bzw. Veränderung (dann sind auch die sog. Shift-Typen mit einbezogen) der ursprünglichen Bewohnerschaft.
Gentrifizierung läßt sich nicht auf das Phasenmodell(!) des Innovations-Sukzessions-Zyklus reduzieren, dem zur Seite stehen noch andere Facetten (rent-gap/value-gap als Stichworte).
Sicher scheint bei RUHR2010 indes der Befund zu sein, daß es um Standortmarketing geht, das unter Zuhilfenahme kultureller Äußerungen/Events unterschiedliche Lebensstile und hiernach sortierte Kundensegmente ansprechen, also quasi von Gerz bis Love-Parade, Hochkultur bis Pöbelbeglückung.
Um Kunst als Sozialarbeit geht es dabei wohl eher nur vordergründig, erfordert das Angehen der sozialen Probleme Nachhaltigkeit der Maßnahmen sowie Langfristigkeit, die bei einem Kulturhaupstadtsjahr und angesichts der Streicherkonzerte in den Kulturetats der beteiligten Städte in keinster Weise gewährleistet, ja letztlich: unerwünscht ist.
So bleibt Rughr2010 in der Tradition der Kulturhaupstädte eben eine weitere Marketingveranstaltung, die mit möglichst klangvollen, international renommierten Namen/Marken dem Standort Ruhrgebiet für solvente Zuzügler (seien es Privatpersonen oder Unternehmen) attraktivieren sollen.
Die autochthone Klientel ist dabei ein Problem, was sich indes sehr gut über den kulturellen Weg (verwiesen sei hier z.B. auf Dangschats Aufsätze zur neuen Rolle der Lebensstile in der Stadt, Verwiesen sei auch auch die Berichterstattung zum Prenzlauer Berg/ Essay "Bionade Biedermeier") neben dem Umbau der Städte zu Shopping-Malls mit ihren
Verhaktensrestriktionen vergraulen oder umerziehen läßt: Das arbeiterkulturelle Bier-to-go und grölende Fußballhorden haben in dieser familientauglichen, an der urbanen Mittelschicht wenig Sympathien zu erwarten.
Das indes für Künstler das Label "sozial" ebenso begehrt wie einträglich ist, ist auch nichts Neues, als daß es hier nicht nochmal aufgewärmt würde bzw. ist es eben manchmal der Markenkern - auch dies sattsam beschrieben und bekannt.
Insofern ist RUHR2010 eher sowas wie nachgeholte Modernisierung des Marketings, das hysterische Hypen langsam peinlich. Die Wirkung wird man messen müssen, will es auch in Mark und Pfennig sowie Besucher- und Übernachtunsgzahlen, nicht in glücklichen Proletariern.
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sorry wegen der Unterteilung, aber ich habe die Reglementierung mal wieder nicht gepackt, bin kein Freund von Kurzfassungen - das ist mehr Sache für Schriftsteller.
;-)
Jochen Gerz' Idee ist überzeugend. Hier, wo keine Kohle mehr mit der Kohle verdient wird, braucht es andere Konzepte, weitere Ideen und neue Wege. Schriftsteller, von Haus aus hoffentlich fantasiebegabt, könnten mittels neuer Sichtweisen und Überlegungen in die Bresche springen. Mit etwas Glück könnte man so den sog. Ruhrpott in einer riesige Denk- und Innovationszentrale verwandeln. Aus den Fördertürmen werden High-Tech-Herstellungshallen, Ladenpassagen, ausgelagerte Uni-Räume für Forschung und Wissenschaft. Kitas, Wohnungen und Ärztezentren ranken sich um Freizeitparks mit Wander- und Radfahrwegen.
Ist das Unsinn? Der Vorteil eines Künstlers ist es, dass er quasi zu "spinnen" beginnt. Dass sein Denken eben nicht ausschliesslich zweckgebunden ist. Er kann auch das bedenken, was städtische Angestellte - warum auch immer - sofort wieder verwerfen würden. Das Argument, "das funktioniere sowieso nicht", darf es nicht geben, wenn es um kreative Zukunftslösungen geht.
Wer hätte denn gedacht, dass es möglich sein könnte, 78 Menschen für ein Jahr kostenlos in Dortmund, Duisburg und Mülheim wohnen zu lassen? Gerz hat genau daran geglaubt!
Machen wir uns auf den Weg, den bisher noch nicht jeder beschritten hat. Bitten wir die Fantasie zu Tisch! Es wird kein langweiliger Abend werden.
Auf das Gerz'sche Konzeptbuch, Ende des Jahres soll es gedruckt werden, freue ich mich. Auch oder gerade weil dort andere Möglichkeiten aufgezeigt werden als von mir beschrieben!
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