Kunst und iPhoneMuseum 2.0

Das Düsseldorfer NRW-Forum bemüht sich ums digitale Publikum. Es twittert und ist auf Facebook. Nun hat es als erstes deutsches Museum eine iPhone-App. Lohnt sich das? von 

Das erste App einer deutschen Kunsthalle kommt vom NRW-Forum aus Düsseldorf

Das erste App einer deutschen Kunsthalle kommt vom NRW-Forum aus Düsseldorf  |  © Pressefoto - NRW-Forum iPhone App

Wann Twitter, Facebook und die sogenannten Apps des iPhone auch deutsche Museen erreichen, war nur eine Frage der Zeit. Dabei ist hier nicht gemeint, dass sie in Form von Kunst thematisiert oder problematisiert werden. Vielmehr haben die Institutionen selbst gemerkt, dass sie sich den neuen Medien und Kommunikationsmitteln nicht verschließen können. Sie twittern, sammeln Follower und Fans – schon entsteht ein Stellungskampf um die besten Plätze. Den neuesten Coup hat das NRW-Forum in Düsseldorf gelandet. Seit dort die jüngste Ausstellung über den Fotografen Robert Mapplethorpe eröffnet wurde, gibt es auch eine App fürs iPhone.

Auf Facebook hat das NRW-Forum mit etwa 2500 sowieso schon die meisten Fans unter den rund 6500 deutschen Museen und Ausstellungshallen. Was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass das Museum erst seit zwei Monaten überhaupt dabei ist. "Wir hinken da hinter Amerika her", sagt Ausstellungsleiter Werner Lippert. Tatsächlich, denn das Museum of Modern Art in New York beispielsweise hat 275.000 Fans auf Facebook. In der deutschen Landschaft hingegen gehört das NRW-Forum zu dem sehr kleinen Kreis von nur sieben Institutionen, die überhaupt mehr als 1000 Fans aufweisen können.

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Beim Gezwitscher scheinen in Deutschland eher die kleinen Museen die Nase vorn zu haben: Laut einer Ranking-Liste der meistgefolgten twitternden Museen – das heißt jener musealen Häuser, die Kurznachrichten via Internet in die Welt, genauer: an ihre Follower, versenden – liegt das Müritzeum in Waren auf Platz eins. Es hat 6565 Verfolger. Nie gehört? Das Müritzeum ist ein erst drei Jahre altes Naturerlebniszentrum in Mecklenburg-Vorpommern am Rand der Mecklenburgischen Seenplatte. Im Web 2.0 aber mittendrin. Die Plätze zwei bis vier werden von bekannteren Museen belegt: vom Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, dem Städel Museum in Frankfurt und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, dem ZKM, in Karlsruhe.

Dann kommt schon das NRW-Forum mit 1191 Followern. Sie seien eben ein extrem junges Museum, sagt Lippert. Der Altersdurchschnitt der Besucher liegt bei 35 Jahren. Auf Facebook werden den Anhängern spezielle Führungen angeboten oder es wird ein Blogger-Treffen organisiert. Und jetzt eben noch dies: Als erstes Museum Deutschlands bietet das NRW-Forum ein iPhone-App mit allen möglichen Zusatzinformationen rund um das Museum und dessen Standort an. Es gibt Hinweise wie Öffnungszeiten, Anfahrt, Parkplätze, Tipps für die Umgebung sowie die Möglichkeit, aus Flickr, dem Online-Portal für Fotos und Videos, Fotos aus dem NRW-Forum herunterzuladen. Das Ganze ist kostenlos.

Aber ist es nicht auch irgendwie umsonst, überflüssig? Wer zum Beispiel schon konventionelle Audioguides für sinnlos hält, dürfte auch diesen Neuerungen skeptisch gegenübertreten. Noch mehr Medien, die von der eigentlichen Kunst ablenken! Doch so einfach ist es nicht. Die Apps wollen ja gerade Begleitprogramm vor und nach dem Museumsbesuch sein: Ausgehtipps und Übernachtungsmöglichkeiten als Google-Maps-Anwendung, sodass man sich gleich auf der Stadtkarte von Google anzeigen lassen kann, wohin und wie weit man es denn hat bis zum Hotel. Man kann sich Buchhandlungen anzeigen lassen, das nächste Restaurant und so fort.

Wer ein iPhone hat oder Leute kennt, die eins haben, weiß, dass man sich in solchen Fragen schon längst nicht mehr auf den Zufall oder den Riecher verlässt. Für Auswärtige sicherlich keine schlechte Idee. Viel wichtiger ist jedoch, dass die deutschen Museen jetzt überhaupt versuchen, den Anforderungen des digitalen Zeitalters zu genügen. Lippert zum Beispiel ist Herausgeber eines Jahrbuchs für digitales Marketing, Annual Multimedia, da liegt es nahe, sich auch fürs Museum professionell ins Netz einzuloggen. Ziel ist es, die Besucherzahlen zu verbessern und neue Zielgruppen zu erreichen. Bereits vor zwei Jahren hatte das NRW-Forum zu diesem Zweck ein Blog gestartet. Mangels Erfolg wurde es jedoch wieder eingestellt. Nun versucht es das Museum eben mit Twitter und Facebook.

Leserkommentare
  1. Nur eine kleine Korrektur: Das NRW-Forum hat inzwischen 3450 Fans auf Facebook (http://www.facebook.com/n...)und über 1400 Follower auf Twitter (http://twitter.com/nrw_forum). Das neue Web 2.0-Museumsranking erscheint am Mittwoch - mit leichten Verschiebungen.

  2. Kommunikative Apps, die Multimedia-Guides mit Share-Funktionen und Geolocation-Services kombinieren, bieten viele, individualisierbare Möglichkeiten für Museen und das museale Umfeld. Das NRW-Forum macht da einen sehr schönen Anfang in Deutschland. Interessante weitere Apps gibt es z.B. vom Museum of Modern Art in San Francisco (SFMOMA) dem Louvre (leider ohne social tools) oder der Tate. In Frankreich gibt es mit CultureClic eine App, die Informationen von derzeit 1300 französische Museen umfasst.
    Weiter Informationen und Links unter http://www.text-raum.de/z...

  3. Es freut uns sehr, daß unsere Kommunkationsstrategie wahrgenommen wird. Da wir unsere Lage nicht zum Potsdamer Platz in Berlin verlegen können und keine millionenschwere Kampagne starten können, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, um potentielle Besucher zu erreichen. Die Möglichkeiten des Web 2.0 erleichtern uns die Arbeit und vor allem: es ist (fast) kostenlos.

  4. Ich finde, einen Vorwurf kann man dem NRW-Forum nicht machen: bei den Apps einfach nur dabei sein zu wollen. Die App ist in Gestaltung und Aufbau im besten Sinne originell und anspruchsvoll, dabei übersichtlich und funktional. Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein First Mover auf diesem Niveau startet. Man darf gespannt sein, wie die Kollegen auf diesen Aufschlag reagieren.

  5. ( kurzer Tip am Sonntag, mit einem Schwenk ins eigene Thema)
    Dieses Museum hin, jenes Museum her. Gut, wenn gesellschaftliche Entwicklungen aufgenommen werden. Was soll daran schlecht sein? Ein Experiment ist es wert. Was ebenfalls ein "Experiment" ist, ist die Einsicht, dass zeitgenössische deutsche Kunst, die man schön im Ausland und im weltweiten Netz präsentieren kann, nicht nur von bio-deutschen erschaffen wird. Da es aber immer pathologisch wird für die deutschen bei der Bestimmung des "Selbst" in diesem weltweiten Geflecht - sollten kluge Querdenker mit viel Geld und Geduld wappnen und sich nicht aufhalten lassen.

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