Museumspersonal Die wahren Kunstkenner
Kaum einer betrachtet Kunst so lange wie sie – also wissen sie, was wirklich interessant ist. Mitarbeiter von Museen erzählen von ihren Lieblingswerken.

Werner Krüger vor: Antoine Pesne und Werkstatt: "König Friedrich II. von Preußen (1712-1786) als Feldherr", Berlin/Potsdam um 1745
Werner Krüger – Deutsches Historisches Museum, Berlin
"Als ich noch bei der Post im Dienst war, habe ich zusammen mit meiner Gattin schon Jahrzehnte vor meiner Pensionierung die Berliner Galerien und Museen besucht. Und jedes Mal, wenn ich Mitarbeiter gesehen habe, die Sicherheitsdienst machten, um die Exponate zu bewachen, hab ich zu meiner Frau gesagt: 'Wenn ich mal in Ruhestand gehe, werde ich so was auch tun.'
In meinem Umfeld interessiert sich ansonsten niemand für die Kunst. Da bin ich alleine. Es herrscht das typisch deutsche Verhalten vor: RTL und SAT 1 sehen, Autofahren und zwei Mal im Jahr nach Mallorca. Das sind alles Dinge, die mich überhaupt nicht ansprechen. Ein Kulturvolk wie wir, das über eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken kann, sollte und muss die Kultur pflegen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Schon damit der Werteverfall, den ich zurzeit in unserem Land sehe, zumindest ein wenig aufgehalten wird.
Eines meiner Lieblingsbilder ist daher das Porträt König Friedrichs des II. von Preußen, auch genannt Friedrich der Große - Der Alte Fritz. Ich stehe eigentlich, ich sag es ganz unumwunden, für die Preußische Ordnung. Das entspricht meiner Wertevorstellung. Friederich hat sich selbst viel mit Kunst beschäftigt, internationale Künstler an seinen Hof geholt, Flötenkonzerte gegeben. Und deshalb dieser Herr hier: Friedrich der Große!"

Jorge Sanguino vor: Ceal Floyer: "Untitled Installation" (Dotted Line), 1993-2009, Plotfolie selbstklebend, 35 mm, Diapositiv, Diabetrachter, Sockel, Maße variabel
Jorge Sanguino (30) – Kunst-Werke, Berlin (KW)
"Da ich Kunstgeschichte und Philosophie studiere, wollte ich nicht irgendeine Arbeit hinter dem Tresen machen. Ich wollte etwas mit Kunst zu tun haben. Mich interessieren die KW, weil sie ein Institut sind, das eine starke politische Auseinandersetzung führt: durch Ausstellungen. Obwohl es die Kunstwerke nicht explizit machen, kann man sagen: Wenn die Ökonomisierung der Kultur auch bedeutet, dass Ausstellungen immer spektakulärer werden, nur um Touristen zu locken, haben diese sehr minimalen Ausstellungen konzeptueller Kunst in den KW auch eine politische Bedeutung.
Im Moment finde ich diese politische Funktion von Kunst sehr interessant, denn sie erlaubt neue Wahrnehmungsmöglichkeiten. Man könnte davon sprechen, dass die Menschen durch Kunst ihre Sinnlichkeit erweitern, ihre Fähigkeit, der Welt einen Sinn zu geben.
Die Arbeit Dotted Line von Ceal Floyer macht die Struktur der Wand sichtbar. Zugleich ist sie sehr ironisch, denn viele Besucher nehmen sie erst gar nicht wahr. Sie spielt sich in dem Bereich zwischen Wahrnehmung und (Un)Sichtbarkeit ab. Einerseits sehr einfach, andererseits superkomplex. Denn wenn ein Punkt fehlt, funktioniert das ganze System nicht mehr."

Simon Roesseler im Museumsshop der Hamburger Deichtorhallen vor einem Swiss-Air-Container. Der wird dort für 1000 Euro verkauft.
Simon Roesseler (*1976) – Deichtorhallen, Hamburg
"Meine Mutter ist freiberufliche Künstlerin, und ich bin schon als Kind zu den Documentas mitgeschleppt worden. Das erste Mal gleich 1977. Als ich dann einen Studentenjob gesucht habe, lagen die Deichtorhallen nahe. Man darf es kaum sagen, ich bin im elften Jahr hier.
Eigentlich bin ich Musiker und spiele so ziemlich alles, was Tasten hat. Ich habe an der Hamburg School of Music im Feldstraßenbunker im aller ersten Jahrgang studiert, habe dann Filmmusik gemacht und unterrichtet. Mittlerweile studiere ich noch einmal: systematische Musikwissenschaft. Ich interessiere mich für Sound, für Programming, aber auch für Audio Branding, was in der Werbung eine Rolle spielt. Dabei geht es zum Beispiel darum, welcher Klang mit welchen Farben assoziiert wird. Man muss nicht fragen: Klingt die Musik nach Hanuta? Es gibt Grundlegenderes.
Von den Besuchern wird man eher selten angesprochen. Es gibt ja so ein populäres Bild moderner Kunst: Das sei irgendein Trash, der zwei Millionen kostet. Schüler sind allerdings oft sehr aufgeschlossen. Mit denen ins Gespräch zu kommen, kann sehr spannend sein: Scheinbar haben die bessere Kunst- als Mathelehrer."

Angelika Wodzicki vor: Michele die Michele Ciampanti (vor 1447 bis nachweisbar 1511): "Die Anbetung der Heiligen Drei Könige"
Angelika Wodzicki – Lindenau Museum, Altenburg
"Ich habe in Leipzig an der damaligen Karl-Marx-Universität Kultur- und Literaturwissenschaften studiert. 1988 bin ich als Museumspädagogin an das Lindenau Museum gekommen. Außerdem bin ich zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.
Dieses traumhafte, unscheinbare kleine Bild hier ist die Interpretation eines Altars von Gentile da Fabiano von 1423, der heute in den Uffizien in Florenz hängt. Ein Altar ist wie eine Fotografie. Das Motiv, die Anbetung der Heiligen Drei Könige, ist zwar uralt, aber was hier dargestellt wird, ist die Zeit um 1423. Vor gut 500 Jahren war das eine ganz moderne, aktuelle Wiedergabe. Der Künstler heißt Michele die Michele Ciampanti. Es ist total spannend die Querverweise zwischen Original und Kopie und die Bedeutung der Symbolik zu entdecken sowie die Geschichten hinter den Bildern zu erzählen.
Wir haben für unser Museum auch einen Bildungsauftrag. Eines unserer Projekte heißt 'Schule im Museum'. Schüler der 6. Klasse kommen für ein halbes Jahr einmal die Woche zwei Stunden lang ins Museum. Es endet mit einer Präsentation vor den Eltern. Das bringt unheimlich viel. Es ist zwar nicht, was der Mensch im täglichen Leben als Allgemeinbildung braucht, aber es sind die schönen kleinen Dinge, die das Leben bereichern!"

Hannelore Berg vor: Werner Tübke: "Weihnachtsnacht 1524", 1976, 90 x 70,5, Malerei auf Holz, Sammlung Ludwig, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen
Hannelore Berg – Deutsches Historisches Museum, Berlin
"Da der Betrieb, in dem ich als Sekretärin gearbeitet habe, nicht mehr existiert, habe ich etwas Neues gesucht und bin so zum Museumsdienst gekommen. Das ist nun zwölf Jahre her. Am Anfang glaubte ich, das ist eine Arbeit, die ich nur kurzfristig mache. Aber als man mir sagte, ich sei zu alt, um wieder als Sekretärin anzufangen, dachte ich: Okay, ich mach hier weiter. Es hat mir Spaß gemacht, es hat mit Menschen zu tun, die Ausstellungen sind immer wieder anders, man sieht was Neues, man lernt dadurch.
Mich fasziniert, wie gemalt wird, nicht nur der Inhalt, sondern die Techniken. Ich habe zu Hause schon selbst versucht zu malen und verschiedene Techniken anzuwenden. Die Bilder, die ich male, würde ich als naive Kunst bezeichnen. Es sind Landschaften, Früchte, Blumen ... diese Richtung. Keine Portraits.
Ich mag Bilder, auf denen man nach Stunden und Tagen immer noch was Neues entdecken kann. Das Bild von Tübke fasziniert mich wegen seines Detailreichtums. Die Arbeit hat mein Verhältnis zur Kunst wirklich verändert. Im Urlaub besuche ich jetzt jedes Museum, jede Kirche, ich kaufe mir Kataloge ... das bereichert."

Sophia Domagala vor: Ceal Floyer: "Works on Paper", 2009, Kugelschreiber, Stift, Bleistift auf Papier, Maße variabel
Sophia Domagala (27) – Kunst-Werke, Berlin
ARBEIT:
Ceal Floyer
Works on Paper, 2009
Kugelschreiber, Stift, Bleistift auf Papier
Maße variabel
"Ich studiere freie Kunst an der HBK in Braunschweig und pendle. Ich bin aber in Berlin groß geworden. Es ist meine Heimatstadt. Mir ging es darum, auch mal wegzukommen. Zu den Kunstwerken bin ich über eine Freundin gekommen.
Ich bin ein Spätzünder, ich habe vorher schon ein paar Jahre frei als Künstlerin gearbeitet und erst relativ spät begonnen zu studieren. Jetzt hab ich noch drei Jahre vor mir. Wer weiß, vielleicht mach ich danach ganz was anderes.
An der Arbeit von Ceal Floyer, einer Sammlung von diversen Notizzetteln, die die Künstlerin zusammengesucht hat, mag ich, dass sie leicht ist. Dass sie durch eine ganz einfache Idee funktioniert und dadurch unmittelbar und nicht geschlossen ist. Dass die Leute sich damit identifizieren können, weil sie fast schon etwas Soziales hat. Selbstlos! Nicht ich bin hier die große Künstlerin oder Malerin, sondern jeder.
Man merkt richtig, wie hier die Besucher ruhig werden. Jeder für sich liest wie in einem Buch, wenn er die Arbeit betrachtet. Da werden wenig Fragen gestellt. Manchmal habe ich auch keine Lust, etwas zu sagen, denn es ist nicht immer wichtig über Kunst zu sprechen, sondern erst einmal sie zu betrachten."

Martina Ring vor: Lilian Bassman: "Barbara Mullen, aboard Le Bateau Mouche, Paris 1960", Reinterpreted 2008
Martina Ring (38) – Deichtorhallen, Hamburg
"Ich habe relativ früh begonnen, in München Performances zu machen und bin über diverse Umwege nach Hamburg gekommen. Ich wollte mich weiterentwickeln und dafür hier angefangen Kunst zu studieren.
Wenn du in einer Ausstellung stehst, musst du dich mit der jeweiligen Arbeit auseinandersetzen. Ob sie dir gefällt oder nicht. Das verändert oft wahnsinnig den Blick. Einen Einfluss auf die eigene Arbeit kann man nicht leugnen, auch wenn man ihn vielleicht nicht sehen will.
Klar, wenn ich selber Ausstellungen mache, überlege ich mir immer: Wie kann man diesen Raum bewachen oder wie kann man ihn für die Leute, die Aufsicht machen, angenehm gestalten? Ernsthaft! Wenn man hier das eine oder andere durch gestanden hat, fällt einem eine solche Konzeption ein: Die Kunst zurückstellen und es angenehm machen für die Aufsicht. Eine Easy-Listening-Ausstellung!
Dieses Bild ist eine alte Arbeit von 1960, die Lillian Bassman 2008 selbst noch einmal interpretiert hat. An dem Foto mag ich die Schwarz-Weiß-Kontraste. Die Ästhetik ist absolut zeitlos. Die Art, wie sie Frauen darstellt, finde ich faszinierend – gerade für jene Epoche."

Andreas Mathews vor: Blinky Palermo, 2 Lithographien von 1970 im Kunstverein Bremerhaven
Andreas Mathews – Kunstverein, Bremerhaven
"Ich war das komplette letzte Jahr als 1-Euro-Kraft im Museum tätig. Ursprünglich sollte ich hauptsächlich Tickets verkaufen und ein bisschen Aufsicht machen. Später habe ich geholfen, die Kunst auszupacken und Ausstellungen mit vorzubereiten. Mittlerweile bin ich freier Mitarbeiter und mache Kunst-Transporte, helfe beim Ein- und Auspacken und gegebenenfalls beim Hängen der Arbeiten.
Mein Interesse gilt vor allem der Outsider Art: Art Brut, Rohe Kunst und solche Dinge. Kunst, die mit diesem schulischen Element eines Museums überhaupt nichts zu tun hat. Hier habe ich auf jeden Fall eine andere Seite der Kunst kennengelernt. Blinky Palermo zum Beispiel. Den kannte ich vom Namen, aber erst durch das Museum habe ich mich weiter mit ihm beschäftigt. Das ist früher Minimalismus und war zu seiner Zeit Avantgarde.
Ursprünglich komme ich aus dem Bereich der elektronischen Musik der siebziger Jahre. In den Achtzigern waren wir sehr infiziert von der Independent Bewegung: unabhängige Labels, Bauhaus, Joy Division, Pere Ubu. Damit sind wir groß geworden. Vor allem aber mit den Residents. Ich verfolge und sammle das Band-Kollektiv nun seit 30 Jahren. Die Sammlung hat sich zu einem eigenen kleinen Museum entwickelt und ist mittlerweile eine der größten Sammlungen der Welt. Die durfte ich in Teilen auch schon einmal während der Langen Nacht der Kultur bei uns im Foyer zeigen."
- Datum 21.03.2010 - 18:41 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wir besuchten ein Museum, das Bild zeigte eine Frau mit abgeschlagenem Kopf auf einem Tablett. Nach kurzer Zeit kam der Aufseher und zeigte uns, daß man mit etwas anderem Blickwinkel im Bild ein anderes Bild sah. "Das war den Malschülern verboten", sagte er. Die Kunst war beindruckend, ein Bild war schon eine gute Leistung, darin noch ein zweites und selbst der "Meister" sah es nicht.
Ich besuchte vor einem halben Jahr eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Das Personal wirkte extrem aggressiv und näherte ich mich einer Skulptur nur etwas wurde ich aufs schärfste zurechtgewiesen.
Um 18.00 Uhr sollte die Ausstellung schließen.. ich und meine Begleiter wurden aber schon 20 Minuten vor Ende angeblafft, dass wir jetzt zu gehen hätten und der Weg zum Ausgang war der reinste Spießrutenlauf. Kommentare wie "Sie würden sich hier auch nicht hinstellen" und "Sie müssen sich das hier nicht anschauen" auf meine Bitte nach etwas mehr Respekt mir als Besucher gegenüber gaben mir den Rest.
So kann es leider auch laufen.
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