Kunst und Kommerz Die geglückte Einheit ist bedroht

Das Berliner Kunst- und Kult-Haus Tacheles soll abgerissen werden. Dabei ist es einer der wenigen Orte, wo Künstler, Kneipenbesitzer und Souvenirshop-Betreiber zu einer ebenso kreativen wie lukrativen Einheit zusammengefunden haben

Berlin-Touristen besichtigen Subkultur. Das Tolle am Tacheles ist: Was aussieht, als wäre es zu einer kommerziellen Attraktion verkommen, ist tatsächlich noch ein kreativer Ort

Berlin-Touristen besichtigen Subkultur. Das Tolle am Tacheles ist: Was aussieht, als wäre es zu einer kommerziellen Attraktion verkommen, ist tatsächlich noch ein kreativer Ort

Martin Reiter kommt etwas genervt aus dem Büro des Tacheles e.V.. Ein Filmanbieter fordert mehrere Tausend Euro Entschädigung, erzählt der Vereinsvorsitzende. Ein Künstler soll sich über das Wireless-Lan des Hauses illegal einen Film aus dem Netz gezogen haben. Ausgerechnet Antichrist von Lars von Trier. Dieser Tage scheint es im Kunsthaus Tacheles wirklich mit dem Teufel zu zugehen.

Als nach der Wende in Berlin der äußerst seltene Fall eingetreten war, dass (Überlebens-)Künstler, Musiker und angehende Clubbetreiber aus der ganzen Welt für ein paar Jahre einen beinahe verwaisten zentralen Stadtteil frei bespielen konnten, konzentrierte sich die Szene zunächst auf das Quartier um die Oranienburger Straße. Besonders ein leer stehendes ehemaliges Geschäftsgebäude hatte es den Hausbesetzern angetan: Das heutige Tacheles.

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Beinahe auf den Tag genau vor 20 Jahren zogen hier die Bands Freygang und Tacheles (die dem Haus seinen Namen gab) auf der Suche nach Probe- und Produktionsräumen ein. In der Folge entwickelte sich ein leicht verruchter, vibrierender Ort für Kunst und Musik. Heute kommen 300.000 Besucher im Jahr. Künstler und Musiker teilen sich 30 Ateliers. Es gibt ein Kino und verschiedene Bars – eine davon im obersten Stockwerk mit einem großartigen Blick über Berlin Mitte und den Alexanderplatz.

Zwar war dieses Provisorium immer prekär. Nun aber scheint es ernst zu sein mit der Räumung. Der Besitzer, die Fundus Gruppe, hat den Tacheles-Verein auf Mietrückstände im 6-stelligen Bereich verklagt. Der Verein meldete daraufhin Insolvenz an. Nachdem man sich zehn Jahre lang auf einen symbolischen Mietpreis von 50 Cent im Monat geeinigt hatte, macht ein schwer zu überschauender Investoren- und Gläubiger-Verbund nun Druck. Kreditgeber der Fundus Gruppe ist die HSH Nordbank, die Landesband von Hamburg und Schleswig-Holstein. Was Martin Reiter und Pressesprecherin Linda Cerna vom Tacheles e.V. am meisten reizt: Eine öffentlich subventionierte Bank ist daran beteiligt ein gemeinnütziges Projekt zu schließen. Ein Quartier mit Luxusbebauung soll hier einmal entstehen – sicher ist das noch nicht.

Nun werden bei den hiesigen Politikern Klinken geputzt, um eine einvernehmliche Lösung zu finden. Berlins regierender Bürgermeister Wowereit hat sich zum Tacheles bekannt. Immerhin ist das Tacheles integraler Teil der Berliner Geschichte. 1909 wurde das Gebäude im Auftrag verschiedener Einzelhändler als kollektive Passagenarchitektur zwischen Friedrich- und Oranienstraße fertig gestellt. Bemerkenswert war, dass die neo-klassizistische Fassade und das tragende Eisenskelett des Gebäudes unabhängig voneinander waren. Eine Innovation, die sich spätere Modernisten, allen voran Mies van der Rohe, zu Eigen machten, um ihre schwebenden Glaspaläste zu bauen.

Von Mitte der Dreißigerjahre an übernahm die AEG das Gebäude. Das ehemalige Kaufhaus wurde zum "Haus der Technik“. Die Ladenfläche verwandelte sich in Showrooms für die Neuerungen des elektrifizierten Alltags. Zum Ende des Jahrzehnts wurde hier die erste Fernsehübertragung weltweit produziert und gesendet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten unterhielt die SS im Gebäude das "Zentralbodenamt“. Im Dachgeschoss wurden französische Kriegsgefangene fest gehalten. Nach dem Krieg blieb das Gebäude lange ungenutzt. Im heutigen Goldenen Saal befand sich "das einzige Programmkino der DDR", erzählt Martin Reiter, das Kino Camera – darunter gab es einen Hundesalon. Das Tacheles, heute in Berlins neuer Mitte, befand sich damals an der äußersten Peripherie von Ost-Berlin. Erst spät wurde von Seiten der Stadt planerisch interveniert.

Leser-Kommentare
  1. Wie kann man nur Sesselpfurzer in solche Positionen besetzen und ihnen die Vollmacht geben, Entscheidungen zu fällen, die solch ein Prestige-Verlust für Berlin bedeuten ?
    Traurig, daß diese von uns gewählten Entscheidungsträger so gut wie nie das Bedürfnis und die Einstellung der breiten Masse reflektieren.

    Raffgier und Blödheit gehört ein Riegel vorgeschoben-asap!!

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