Kunst und Kommerz Die geglückte Einheit ist bedrohtSeite 2/2
Nach der Wende und im Zuge der Neuplanung der Friedrichstraße wurden nach und nach Teile des Gebäudekomplexes abgerissen. 1990 sollte der letzte Teil an der Oranienburgerstraße verschwinden. Dagegen wehrte sich schon damals der im Februar 1990 gegründete Verein. Bislang erfolgreich, denn der verbliebene Gebäudeteil steht bis heute. "Es ging darum, als juristische Person am Runden Tisch aufzutauchen, um die Sprengung zu verhindern und die kulturelle Nutzung des Gebäudes festzuschreiben“ sagt Reiter. So konnten sich hier erste Clubs und Künstler niederlassen. In den Neunzigern war das Tacheles einer jener Orte, die dazu beigetragen haben, den Ruf Berlins als Nabel der weltweiten Sub- und Partykultur zu begründen.
Danach wurde es zunehmend ruhiger um das Haus. Das Tacheles ist im Lonely PlanetBerlin, dem Bestseller-Reiseführer für Rucksacktouristen, zu finden – in der Regel ein sicheres Zeichen dafür, dass die eigentliche Szene längst weiter gezogen ist. Doch obwohl sich im Hof Backpacker-Touristen im Sommer zur Beachparty an der Caipirinha-Bar treffen, haben sich die ansässigen Künstler eine erstaunliche Widerständigkeit erhalten können.
Im sogenannten Goldenen Saal wird zurzeit die halbjährliche Werkschau der ansässigen Künstler gezeigt. "Das Tacheles ist ein Symbol", sagt die Haus-Kuratorin Barbara Fragogna, "wenn es verschwindet, dann verschwindet mit Ihm eine Idee“. Frogogna ist selbst einmal aus Italien als Künstlerin ans Tacheles gekommen. "In Italien hätte ich nie die Möglichkeit gehabt, so schnell und einfach zu arbeiten“, sagt sie bestimmt. "Das Tacheles ist ein Dschungel, es ist wild“, sagt die zierliche Italienerin. Aber eben längst nicht nur ein Party-Haus: "Es ist ein Kunsthaus. Hier wird hart gearbeitet“.
Nach und nach werden die letzten (sub-)kulturellen Inseln der Innenstädte nach der Kern-Sanierung, umhüllt von Glas und Stahl, für einen Tourismus des Authentischen herausgeputzt, wie es Ted Gaier, Mitglied der Band Goldene Zitronen und Teil der "Recht auf Stadt Bewegung“ im Taz Salon in Hamburg gesagt hat.
"Für eine aktive Subkultur braucht es das Gefühl von Urbanität“, sagt Gaier. Man kann auch den Umkehrschluss ziehen: Ebenso braucht es für ein Gefühl von Urbanität eine aktive Subkultur.
Die zunehmende Privatisierung und damit Reglementierung des öffentlichen Raums lässt die Städte auswechselbar werden. Was die Touristen auf ihren Städtereisen erfahren, ist zunehmend nur noch die Simulierung von Tradition. Ohne Häuser wie das Tacheles verschwindet der letzte Rest authentischer Erfahrung von Stadtgeschichte. Es wäre das Ende des Urbanismus wie wir ihn kennen. Es wäre eine neue Tristesse wie sie sich selbst Lars von Trier in seinen Filmen kaum ausmalen könnte.
- Datum 04.03.2010 - 09:35 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wie kann man nur Sesselpfurzer in solche Positionen besetzen und ihnen die Vollmacht geben, Entscheidungen zu fällen, die solch ein Prestige-Verlust für Berlin bedeuten ?
Traurig, daß diese von uns gewählten Entscheidungsträger so gut wie nie das Bedürfnis und die Einstellung der breiten Masse reflektieren.
Raffgier und Blödheit gehört ein Riegel vorgeschoben-asap!!
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