Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter. Die Nacht wird zum Tag, man sieht die Zeit vergehen. So auch beim Blick auf die Digitaluhr, wenn sich die Ziffern verändern, die 8 zur 9 wird, die 12 zur 13. Das eine ist der Rhythmus der Natur. Die andere Zeit ist handgemacht.

Zumindest beim Projekt "Standard Time“ des Münsteraner Künstlers Mark Formanek. Zusammen mit Jakob Hüfner und Jörn Hintzer von der Berliner Medienagentur Datenstrudel hat er einen Tag lang eine Digitaluhr aus Holz gebaut, eine Uhr, die läuft, und läuft, und immer die aktuelle Zeit anzeigt. Und das recht genau. Es brauchte 70 Arbeiter mit gelben Bauhelmen, 28 riesige Holzlatten, viele Leitern und über 1600 Umbauten, um 24 Stunden Zeit überlebensgroß und minutenweise zu bauen. Ein Team von sechs Leuten pro Ziffer, im Schichtbetrieb. Nur der Kameramann blieb wach, er filmte den Verlauf der Zeit. Es sei ihnen darum gegangen, "die Zeit zu zeigen“, sagt Jakob Hüfner.

Das war im August 2007, damals entstand der 24-Stunden-Film. Davor gab es kürzere Versionen während des Designmais und der Transmediale in Berlin und der ars electronica in Linz . Im vergangenen Herbst ließ Formanek die Digitaluhr aus Holz am Rotterdamer Hauptbahnhof bauen, als offizielle Zeitanzeige. Jetzt folgte konsequenterweise der Schritt vom Kunstwerk zum Gebrauchsprodukt: Die Jungs von Datenstrudel haben nun die 24-Stunden-Aufnahme auch als DVD herausgebracht. Kurz: als Uhr. Eine, die sich mit der Computeruhr synchronisiert und somit "richtig“ geht. Denn ganz normal in einen DVD-Player eingelegt, stände der Performance-Charakter wieder im Vordergrund, nicht der tatsächliche Nutzwert. Das ununterbrochene Auf- und Abbauen hätte höchstens einen beruhigenden Effekt, ähnlich wie Kaminfeuer in Endlosschleife. Eine Digitaluhr, die von Hand betrieben wird, wandert so zurück in den Computer: Dieser Dreischritt gefällt den Machern.

Die handgemachte Digitaluhr, zwei Meter hoch, läuft unter freiem Himmel. Als idealer Ort für dieses logistische Mammutprojekt fand sich eine Brache im Grenzgebiet zwischen Mitte und Kreuzberg. "Die Assoziation mit einer Baustelle war uns wichtig“, sagt Hüfner. Der Fernsehturm als Fluchtpunkt in der Mitte des Bildes zwischen Häuserzeilen - eine klassische Zentralperspektive - bildet den stabilen, klaren Rahmen. Der Blick geht auf die unruhige, permanente Handarbeit im Vordergrund: Mal eilt einer, mal laufen zwölf Männer mit gelben Helmen von rechts - oder links - ins Bild, Leitern oder Akkuschrauber tragend. Sie machen die Zeit: Diese selbsreferentielle Arbeit entpuppt sich als ebenso schweißtreibend wie endlos. Als sie in den Morgenstunden an der "9“ schraubten, erzählt Hüfner, sei eine Joggerin vorbeigekommen. Interessiert habe sie beobachtet, was da gebaut wurde. Als sie nachmittags wieder auftauchte, fragte sie: "Seid ihr immer noch nicht fertig?“ Der erwartbare Lauf der Zeit, er wird hier ad absurdum geführt.

Denn eigentlich ist die Uhr ein Ordnungsinstrument. Wir richten unser Leben nach ihr aus. Ihre Exaktheit, Verlässlichkeit und vor allem Allgemeingültigkeit sind ihre sinnstiftenden Merkmale. Das galt schon immer zwingend, egal ob bei Sonnenuhr oder Atomuhr. Wir vertrauen auf den präzisen Rhythmus der Natur. Eine von Menschenhand gemachte Uhr folgt der gefühlten Zeit des Ungefähren. Das Fleisch ist zu schwach für genormten Takt. Süffisanter kann man das Konzept der international vereinbarten Standard Time nicht auf den Kopf stellen.

Der Effekt dürfte dem Lebensgefühl vor 1893 ähnlich sein, als es in Deutschland eben noch keine einheitliche Uhrzeit gab. Damals folgte der Alltag der jeweiligen Ortszeit, in München und Berlin war es zum selben Zeitpunkt unterschiedlich spät. Bis Kaiser Wilhelm das "Gesetz betreffend der Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ erließ, also GMT+1. Damit machte er offiziell, was die Eisenbahner schon seit zwei Jahren praktizierten: ohne einheitliche Uhrzeit kein funktionierender Fahrplan.

Wie die Bauarbeiter zwischen der überlebensgroßen Konstruktion hin- und herschwirren, die schweren Latten wuchten, wird ihre Arbeit zum Ritual im Minutentakt, immerwährend. Das Ende nicht in Sicht, mit dem Wissen, schon wieder in Verzug zu sein mit dem Pensum, reflektiert die Schufterei der heinzelmanngleichen Bauarbeiter unsere postmoderne Zivilisationshektik. Der nächste Termin im Kalender ist immer schon wieder fast vorbei. "Das vergebliche Unterfangen des menschlichen Daseins“, nennen es Hüfner und Hintzer. Sisyphos kommt einem in den Sinn. Scheiß-Stress.

"Das ist der Charme des Projekts", sagt Jakob Hüfner. Man stehe davor und frage sich, ob die Männer es schaffen oder nicht. "Die Uhrzeit stand immer auf der Kippe.“