Kunstprojekte in Wittenberge "Wir mussten uns der Stadt langsam annähern"

Der Regisseur Andreas Kebelmann und die Videokünstlerin Anja Mayer haben mit dem "Archiv des Umbruchs" in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern Kunstprojekte in Wittenberge organisiert. Im Interview spricht Kebelmann darüber, wie sie Geschichten in einer traditionsreichen Stadt wiederbelebt haben.

Nicht alle Kunstprojekte stießen auf fruchtbaren Boden in Wittenberge, erzählt  der Projektleiter Andreas Kebelmann

Nicht alle Kunstprojekte stießen auf fruchtbaren Boden in Wittenberge, erzählt der Projektleiter Andreas Kebelmann

ZEIT ONLINE: Herr Kebelmann, Sie sind mit einer Gruppe von Großstadt-Künstlern nach Wittenberge gefahren. Wie haben Sie sich den Leuten dort vorgestellt?

Andreas Kebelmann: Nach einer Weile wurde uns klar, dass der Begriff „Künstler“ nicht so gut funktioniert, da gab es Vorurteile. Wir stellten uns deshalb als Dokumentarfilmer vor. Unsere erste Aktion war eine Sound-Installation in einem stillgelegten Restaurant im Bahnhof. Es waren eher Radiogeschichten, in denen Wittenberger über andere Wittenberger sprechen. Das traf den Kern der Sache.

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ZEIT ONLINE: Und die Leute kamen?

Kebelmann: Ja, das Projekt kam gut an. Das Mitropa-Restaurant im Bahnhof ist seit 15 Jahren geschlossen. Doch für die Einwohner ist es noch ein besonderer Ort, man traf sich damals dort, um sonntags schön auszugehen. Wir haben den Saal zum ersten Mal wieder zugänglich gemacht. Wir traten als Kellner auf und brachten den Besuchern Kaffee, jeder Gast bekam für die Dauer der Aufführung einen MP3-Player, um der Installation folgen zu können.

Andreas Kebelmann

Andreas Kebelmann war zunächst Regieassistent an der Berliner Volksbühne und verfolgte dann seine eigene Projekte. Seit zwei Jahren arbeitet er mit Kindern und Jugendlichen an Berliner Schulen, seit 2009 lehrt er als Dozent an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Mit der Agentur Kriwomasow entwickelt er seit über vier Jahren Projekte, Installationen undRadioarbeiten an der Schnittstelle von Theater, Kunst und dokumentarischer Recherche.

ZEIT ONLINE:Wie war die Kulturszene, die Sie in Wittenberge vorfanden?

Kebelmann: Es gibt ein Festspielhaus aus DDR-Zeiten, in dem größere Gastspiele und Musicals stattfinden. Dann gibt es noch örtliche Musikgruppen und Vereine, zum Beispiel einen Shanty-Chor. Das ist natürlich nicht viel. Uns war klar, dass wir uns der Stadt langsam annähren und uns das Vertrauen der Bevölkerung erst einmal erarbeiten musste.

ZEIT ONLINE: Wie nähert man sich einer fremden Stadt an?

Kebelmann: Wir wollten Projekte auf die Beine stellen, bei denen Wittenberger etwas für andere Wittenberger machen. Eine unserer ersten Ideen war, sich mit der Fertigkeit des Nähens in der Stadt zu beschäftigen, die in Wittenberge eine große Tradition hat. Hier stand immerhin einmal das modernste Nähmaschinenwerk der Welt. Wir haben also Kinder gefragt, was die Erwachsenen ihnen nähen sollten. Sie wünschten sich ein Zelt. Die Erwachsenen sagten sofort zu.

ZEIT ONLINE: Sie haben aus diesem Projekt einen Dokumentarfilm gemacht, der in Berlin gezeigt wurde. Was bringt das der Stadt Wittenberge?

Kebelmann: Die Filme werden natürlich auch in Wittenberge gezeigt. Wir werden vor Ort demnächst einen Spaziergang organisieren, bei dem die Filme an den jeweiligen Schauplätzen gezeigt werden. Und ich glaube daran, dass das Projekt auch für die Wittenberger wichtig ist. Immerhin ist das ihre Geschichte, ihr Können.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Wittenberger auf die bisherigen Kunstaktionen in ihrer Stadt reagiert?

Kebelmann: Es gab eine Vielzahl an Aufführungen und Projekten. Der Theaterregisseur Armin Petras führte ein Theaterstück auf, das zum Teil auf Unverständnis stieß. Das lag sicher auch an der Inszenierung, die sehr zugespitzt die Situation einer ostdeutschen Stadt schildert, aus der große Teile der Bevölkerung wegziehen. Positive Reaktionen gab es dagegen auf eine Installation, bei der Hochsitze in der Stadt aufgestellt wurden. Oben war jeweils ein touristisch anmutendes Panoramabild der Stadt angebracht, in dem verschiedene, persönliche Geschichten geschrieben standen, die von den Bürgern kamen. Viele Einwohner kletterten dort hoch. Auf eine Art lieferte dieser Hochsitz den Bewohnern einen ganz neuen Blick auf die Stadt.

Die Fragen stellte Sascha Chaimowicz

 
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