Kultur-Festival Movimentos Tanz statt Krise
Die achten Festspielwochen Movimentos in Wolfsburg belegen, dass moralisches Wirtschaften kulturellen Mehrwert schaffen kann. Dazu passt auch das Motto "Mut und Demut".
Dem Mutigen gehört die Welt. So lautete der Selbstermunterungsruf der aufgeklärten Gesellschaft, als Mut noch eine reine Tugend und die Inbesitznahme der Welt ein Ideal war. Doch seit die Kardinaltugend des Managementzeitalters, der viel gepriesene Mut zum Risiko, durch das Scheitern seiner habgierigen Propagandisten diskreditiert ist, seit die vermeintlich harten Jungs vom Kapitalmarkt weinerlich um Rettung bettelten, haben wir gelernt, wieder zwischen Mut und Übermut zu unterscheiden. Leichtsinn allein macht keinen tapferen Mann und Kühnheit braucht, um etwas Großes zu bewirken, praktische Moral. Wie aber sieht sie aus?
Die echte Beherztheit, wie sie von den Tänzern der Kibbutz Contemporary Dance Company verkörpert wird, hat offene Arme, biegsame Beine, starkes Rückgrat und ein stolzes Gesicht. Sie wagt weitausgreifende Schritte und komplizierte Sprünge. Sie zeigt sich als überraschende Wendung und eleganter Höhenflug – aber niemals würden die Gäste, die das Movimentos-Festival in diesem Jahr eröffneten, ihrem Publikum vorgaukeln, dass Risikobereitschaft allein schon genüge, und dass der Mensch in luftiger Höhe länger als einen schönen Moment lang verweilen kann. Denn die Körperkühnheit, wie sie zur Eröffnung von Deutschlands bedeutendstem privat finanzierten Festival zelebriert wurde, hat nichts mit jener eingebildeten Macht und riskanten Skrupellosigkeit zu tun, die alles auf eine Karte setzt. Im Gegenteil. Moralisch integrer Mut entspringt einem starken Verantwortungsgefühl: Daran erinnert uns das diesjährige Festivalmotto "Mut und Demut", vor allem aber ein Festivalauftakt, der perfekt in unsere krisengefährdete Zeit passt.
Die israelische Kibbutz Contemporary Dance Company, gegründet von der Holocaust-Überlebenden Yehudit Arnon und bis heute in einem Kibbutz an der Grenze zum Libanon beheimatet, steht als modernes Ensemble für die entschlossene Erforschung der conditio humana – der hellen ebenso wie der dunklen Aspekte der Menschennatur. Was der Mensch vermag, das ist in den Tänzen der Israelis untrennbar mit dem verknüpft, was er eben nicht kann. Sein Fliegen ist immer auch Fallen, seine staunenswerte Leichtigkeit entsteht aus seiner unüberwindlichen Erdenschwere.
In the Black Garden lautete der Titel der Weltpremiere, die der Leiter der Kibbutzim, Rami Be’er, einer der größten Choreografen der Gegenwart, für Wolfsburg inszeniert hat. Sein kraftvolles, vor Energie vibrierendes Stück mischte die widerstreitenden Möglichkeiten menschlicher Existenz – Gewalt und Mitleid, Freude und Furcht, Liebe und Zorn – zu einem ergreifenden Porträt unserer Gattung. In einem schwarzen Garten zu tanzen, das heißt: sich der Gefährdung des Menschen durch den Menschen bewusst sein.
Auf der riesigen Bühne des stillgelegten Kraftwerks, im alten Herzen der modernen Autostadt, in diesem Raum der Zeitlosigkeit, konnte sich Rami Be’ers Botschaft klar und leicht entfalten. Zum Dasein gehört das Scheitern. Es gibt keine Lebensfeier ohne den Hintergrund von Tod und Trauer, kein Glück ohne das Bewusstsein unserer Endlichkeit, keinen sinnvollen Mut ohne Demut. Im schwarzen Garten ist eine Symphonie ergreifender Bilder, die auf einem gleichnamigen Gedicht des Choreografen beruht – es handelt vom ewigen Krieg, den die Krieger erst nach und nach als Irrtum erkennen. Sein Ende ist nur durch jene klassische Friedensformel Homers zu bewirken, der in der Ilias über die wahren, friedensbereiten Helden des trojanischen Krieges sagt: "Erduldenden Mut verlieh den Menschen das Schicksal."
Anmutiger und würdevoller jedenfalls hätte eine Premiere in diesen Zeiten nicht sein können. Die weltweite Wirtschaftskrise kaum überstanden, der nächste Staatsbankrott gerade so verhindert: Dass die Autostadt und der Volkswagen-Konzern sich in dieser Situation weiterhin ein gediegenes, kostspieliges Festival leisten, ist ein Wunder. Zum achten Mal findet nun schon Movimentos statt, ein internationales Tanzfestival, das sich mittlerweile zum Kulturfest der verschiedensten Sparten ausgeweitet hat. Sechs Wochen Tanz, Konzert, Lesung, Schauspiel, Gespräch zu niedrigen Eintrittspreisen. Wieder einmal hat die künstlerische Leiterin Maria Schneider zusammen mit dem Kurator Bernd Kaufmann ein feines Gespür für zeitgenössische Ästhetik und politische Brisanz bewiesen. Wieder einmal sehen wir die großen Tanzensembles der Welt in der deutschen Provinz, wo sich angeblich nur Mainstream verkauft und dennoch die Hochkultur jedes Frühjahr mehrere Zehntausend Besucher anzieht. Wieder einmal waren achtzig Prozent der Tickets noch vor dem Eröffnungstag verkauft. Wieder erbrachte das Publikum den Beweis, dass es mehr als eine tumbe Masse von Kunden ist und gerade von den Künstlern noch Antworten erwartet auf die drängenden Fragen der Gegenwart.
"Mut und Demut" ist als programmatischer Titel der Festwochen natürlich auch Selbstverpflichtung, denn VW macht hier keinen Gewinn und keine platte Eigenwerbung, wie misstrauische Kulturkritiker argwöhnen könnten (tatsächlich sucht man das Logo des Autoherstellers im Programmheft vergeblich), sondern verantwortungsvolle Unternehmenspolitik in die Gesellschaft hinein. Möglich wird das durch eine zugleich moderne und konservative Art des Wirtschaftens, bei der nicht nur Profit, sondern ein kultureller Mehrwert erzeugt wird. In der Wolfsburger Autostadt, die sich zu 70 Prozent selbst finanziert, funktioniert ein Model privater Kulturförderung, das weit über die Wahrung von Geschäftsinteressen hinauszielt. Die Botschaft: Es ist eben doch nicht nur Geld, was die Welt im Innersten zusammenhält.
- Datum 10.05.2010 - 11:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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