ZEIT ONLINE: Fußball wird meist von Männern gespielt. Ist das auch in Ihrer Heimat, der Republik Kongo, so?

Bill Kouélany: Ja, aber nicht nur. In Brazzaville spielen häufig auch Mädchen Fußball, die sich wie Jungen geben. Man nennt sie im Französischen garcons manqués – Mädchen, an denen ein Junge verloren gegangen ist. Sie werden in ihren Familien und von den Nachbarn schräg angeschaut. Immer kursieren wahre oder falsche Gerüchte über sie. Man sagt, sie seien lesbisch. Als ob ein Mädchen nicht gleichzeitig Fußball spielen und seine Weiblichkeit beibehalten könnte! Man kann nur hoffen, dass sich diese Haltung ändern wird.

ZEIT ONLINE: Während ihr Vorgänger in diesem Projekt, der Kameruner Künstler Goddy Leye, die quasi-religiösen Züge des Fußballs aufgedeckt hat, konzentrieren Sie sich auf das Aggressive.

Kouélany: Ich wollte Fußball mit dem Geschlechtlichen verbinden. Und in der Liebe gibt es nun mal viel Aggression. Man sagt doch sogar, Liebe und Hass lägen eng beieinander.

ZEIT ONLINE: Wie kanalisieren denn Spieler und Zuschauer ihre Aggressionen während eines Spiels? Denn üblicherweise kommen während eines Fußballspiels zum Glück keine Menschen um.

Kouélany: Ich weiß es nicht. Wenn ich könnte würde ich diese Frage dem Ball stellen. Der könnte sicherlich einiges sagen über die Tritte, die er abkriegt.

ZEIT ONLINE: Sie verwenden in Ihrem Video die Farbe Rot, die aussieht wie Blut. Warum? Es heißt doch, die Spiele brächten Frieden – auch wenn es hier nicht um Olympia, sondern um Fußball geht.

Kouélany: Es soll Frieden bringen, doch manchmal entfesselt der Fußball Gewalt und Rassismus. Dann fließt sogar Blut. Auch kann der Sport von Politikern instrumentalisiert werden, indem sie für egoistische Ziele die einen Fans gegen die anderen aufwiegeln. Stadien werden so ganz schnell zu Arenen des Hasses.

Doch durch die Farbe Rot wollte ich nicht nur die Gewalt thematisieren, sondern auch die Lebendigkeit des Sports. Fußball ist lebendig! Jeder Sport ist lebendig und kräftigend – wie übrigens auch Sex, den man in diesem Sinne durchaus als Sport verstehen kann.

ZEIT ONLINE: Sie verwenden in Ihrem Video ein Kondom als Ball und auf der Tonspur sind Schreien und Stöhnen zu hören, wie sie auch während eines Geschlechtsakts aufgenommen sein könnten.

Kouélany: Ich finde es sehr interessant, mit welchen Begriffen und Wortbildern man über Fußball einerseits und über Sex andererseits spricht. Es gibt etliche Parallelen: Das Bett ist ein Spielfeld, der Akt ein Kampf, der Orgasmus ein Höhepunkt wie ein Tor. Und sagt man nicht auch, der Bauch einer Schwangeren sehe aus wie ein Ball?

ZEIT ONLINE: Es gibt auch viele Kampf-Metaphern in der Berichterstattung.

Kouélany: Man "schlägt sich", um zu gewinnen. Und wenn man gewonnen hat, hat man den anderen "besiegt" oder "geschlagen". Es war "ein schwerer Kampf". Die Parallelität geht über das Sprachliche sogar hinaus: Häufig geht ein Fußballspiel unter Kindern tatsächlich in einen Kampf über und sie prügeln sich.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie sich die Spiel der WM an?

Kouélany: Ehrlich gesagt ertrage ich die Spannung nicht gut. Lieber kenne ich vorher das Ergebnis. Dann schaue ich mir das Spiel in Ruhe an: die Bewegungen der Körper, die Freude der Spieler, wenn sie ein Tor geschossen haben, ihre Enttäuschung, wenn sie verlieren – im Grunde also die ganze künstlerische Seite des Sports.

Das Gespräch führte Wenke Husmann