Vier Künstler zum Thema "Fußball ist eine mächtige Religion"
Fußball und Kunst – wie geht das zusammen? ZEIT ONLINE hat vier Künstler gebeten, uns je ein Video zu gestalten. Den Anfang macht Goddy Leye aus Kamerun.
ZEIT ONLINE: Welche Rituale zelebrieren Männer während eines Fußballspiels?
Goddy Leye:
Es gibt eine Menge Rituale: offensichtliche und weniger offensichtliche. Zunächst versammelt man sich. Ein echter Fußballfan würde niemals alleine ins Stadion gehen. Es folgen Singen und das Winken mit Symbolen, die die Verbundenheit mit dem Lieblingsverein oder mit der favorisierten Mannschaft ausdrücken. Es gibt Codes, die alle Fans beherrschen. Zum Beispiel wie man sich verhält, wenn ein Tor fällt: winken, schreien, pfeifen ...
Denjenigen, die das Spiel nur am Fernseher verfolgen, ist Bier sehr wichtig. Ebenso wichtig ist, gemeinsam Fußball zu gucken. Darum geht selbst jemand, der einen Großbildschirm zu Hause hat, lieber in die nächste Bar und sieht sich das Match dort auf einem mickrigeren Bildschirm an, weil das ihm ermöglicht, das Spiel mit anderen zu erleben – und die Rituale gemeinsam zu feiern.
ZEIT ONLINE: Die Männer wie in Ihrem Video auf den Knien liegend zu sehen, erinnert tatsächlich an eine seltsame religiöse Zeremonie. Wie religiös ist Fußball?
Leye: Der Fußballgott ist – wie jeder gute Gott – ein schwer zu fassender. Wir wissen kaum, ob er sich etwa in dem Ball manifestiert, der ins Netz fliegt, oder ob er die Form der Trophäe annimmt, die die Spieler vor ihren Fans hochstemmen und die bejubelt wird, oder ob er etwa in dem Fernsehgerät steckt, das das Spiel überträgt und die Rituale medialisiert. Drei wesentliche Merkmale einer Religion zeichnen auch den Fußball aus: der Tempel – das ist das Stadium, selbst wenn das Spiel übers Fernsehen ausgestrahlt wird –, die Rituale, zu denen auch Opfergaben, Gesänge, Tänze und Gebete gehören, und die Anbetung. Das Objekt der Anbetung ist hierbei nicht notwendigerweise selbst eine Manifestation des Gottes, hat aber die gleiche Anziehungskraft und Macht wie sie auch Zeus oder Eshu, die afrikanische Gottheit, hätten. Fußball ist eine große Religion mit vielen Millionen Anhängern weltweit. Politiker haben das verstanden und nutzen manchmal das Spiel um ernsthafte soziale Probleme zu "lösen".
ZEIT ONLINE: Welchen Ritualen hängen im Vergleich dazu Frauen an?

Goddy Leye zählt zu den wenigen Video-Künstlern aus Afrika, die im internationalen Kunstmarkt Anerkennung und Aufmerksamkeit erhalten. Er wurde 1965 in Kamerun geboren, blieb auch später in seinem Heimatland und wird aufgrund seiner kritischen Auseinandersetzung mit der afrikanischen Politik auch in der afrikanischen Kunstszene sehr geschätzt.
Leye:
Es gibt zwar weniger Frauen als Männer, die sich für Fußball begeistern, doch tun sie es, folgen sie mehr oder weniger den gleichen Testosteron gesteuerten Leidenschaften und Ritualen. Der Unterschied zu männlichen Anhängern ist nicht groß. Außer sie nehmen die Rolle des Supermodels ein, dass sich zu dem männlichen Fußballidol hingezogen fühlt. Dann werden sie zu einem Accessoire des ganzen zeremoniellen Wahnsinns.
Außerhalb des Spielfelds üben Frauen auch mal mit einem zusammengebundenen Salatkopf. Wie man in dem Video sehen kann, proben selbst junge Mädchen, die sich ausgehschick gemacht haben, auf ihrem Weg in die Kneipe noch ein paar fußballerische Rituale. Während die jungen Mädchen von ganzem Herzen versuchen, die überlieferten Tricks, die zu Ritualen wurden, zu beherrschen, kann man sich gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorgeht und wie sie zu Eto'o oder Beckham werden.
ZEIT ONLINE: Sie scheinen einen recht ironischen Blick auf Fußball zu haben. Spielen Sie selbst?
Leye: Ich war ein großer Fußballfan und begeisterter Spieler, als ich jünger war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur einen Tag gab, an dem ich nicht gekickt hätte. Mehrmals am Tag trainierten wir: auf dem Weg zur Schule, auf dem Weg zurück, auf dem Spielplatz, auf der Straße, während des Tages und manchmal sogar nachts. Aber heute spiele ich kaum noch. Ich werde alt und vernünftig.
- Kunst und Fussball
Was hat Fußball mit Kunst zu tun? Jede Menge, denn Fußball ist möglicherweise eines der globalsten Alltagsthemen. Man nehme nur den Starrummel um einen Fußballer, die Vermarktung der Ware Mensch, die Macht von Institutionen wie der Fifa und die Emotionalisierung der Massen. Mit all dem werden sich die Künstler in den kommenden Wochen während der WM auseinandersetzen - und für ZEIT ONLINE jeweils ein Kunstvideo drehen.
ZEIT ONLINE: Ihr Video ist selbst für eine westeuropäische Frau leicht zugänglich. Sind Fußball und die Leidenschaft, die es weckt, so universell?
Leye: Fußball ist heute wirklich global. Ich lebe außerhalb von Douala in einem Dorf. Wenn Sie hier ein neun Jahre altes Kind beispielsweise nach der deutschen Nationalmannschaft fragen, wären Sie erstaunt, wie gut es Bescheid weiß über die Spieler, den Trainer, die Farben und alle wichtigen Kultgegenstände. Die Menschen würden es ertragen, einen Tag lang nichts zu essen zu bekommen, wenn sie nur ausreichend mit Fußball im Fernsehen versorgt würden. Das funktioniert, weil die Gefühle, die Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen in uns weckt, von nahezu allen Menschen geteilt werden. Fußball bringt die Menschen zusammen und ermöglicht es uns, Augenblicke größter Freude und größten Glücks zu teilen.
ZEIT ONLINE: So weit ich weiß, haben Sie im vergangenen Jahr zwei Monate in Berlin gelebt und gearbeitet. Haben Sie hier Fußball gespielt? Feiern wir das Spiel anders als in Kamerun?
Leye:
Die Unterschiede liegen im Detail. Wir haben andere Gesänge, andere Geräusche, andere Farben ... . Aber bedenken Sie, dass Kamerun eine Bierbrautradition hat – genau wie Deutschland. Also wird hier wie dort nach dem Spiel der allgemeinen Glückseligkeit literweise Bier geopfert.
Selbst Fußball zu spielen hatte ich in Berlin keine Zeit, weil ich zu beschäftigt war mit neuen Arbeiten, meiner Ausstellung, mit Galerie- und Museumsbesuchen. Aber das nächste Mal werde ich daran denken, dass ich im Land Beckenbauers bin. Versprochen!
Das Gespräch führte Wenke Husmann
- Datum 06.07.2010 - 14:23 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Schließlich, so sagt Marx, ist Religion doch Opium fürs Volk.
Und ein weitgehend benebeltes Volk, dass ist gerade genau das, was die schwarzgelbe Klientel-Politik in Berlin jetzt braucht, um von ihrem, ebenso dilettantisch praktizierten, wie hündisch vor der Finanzwirtschaft kriechenden, Politik-Kurs abzulenken!
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