Max Hattler "Ich sehe zu und denke: 'Was zum Teufel, tun die da ...?'"
Max Hattler zeigt einen Mann, der etwas tut, was keiner versteht. So geht es dem Videokünstler selbst mit Fußball: Er sieht Bewegungsabläufe, zu deren Verständnis ihm die Codes fehlen.
ZEIT ONLINE:
Spielen Sie selbst Fußball?
Max Hattler:
Nein, ich mache gar keinen Sport. Ich gehe höchstens mal ins Fitnesstraining oder fahre Rad, aber diese ganze Massendynamik ist mir sehr fremd. Fußball ist wie eine Sprache, die ich nicht verstehe. Ich sehe zu und denke mir: "Was zum Teufel, tun die da ...?"
ZEIT ONLINE: Das denke ich, wenn ich diesen Mann auf der Wiese sehe.
Max Hattler: Er wirkt lächerlich, weil er etwas tut, was wir nicht verstehen. Offensichtlich gibt es zwar Regeln, nach denen er sich bewegt, und er scheint klare Vorstellungen von dem zu haben, was er treibt. Er folgt einer bestimmten Dramaturgie. Aber wir verstehen sie nicht. Auch im Fußball passiert viel, was sehr merkwürdig wirken könnte: Wie sich die Spieler auf den Boden werfen, sich rollen, die Gesichter verziehen ...
Mein Vater hat kein Interesse an Fußball, und somit gab es niemanden, der mir das Verständnis für Fußball beigebracht hätte. Ich kenne die Codes nicht. Dabei ist Fußballgucken und -spielen zwischen Vater und Sohn ja so eine Art Initiationsritual in die männliche Welt. Und das resultierende männliche Bonding in Clubs und Fanblocks ein nicht unbedeutender Beitrag zum Heranzüchten machoartigen Verhaltens in der Gesellschaft. Ich bin eher wie ein Anthropologe, der die Fußballspieler interessiert beobachtet
ZEIT ONLINE: Im Moment hat man den Eindruck, dass so viel Distanz zum Fußball schon beinahe ungewöhnlich ist.

34, studierte Kunst in London und lehrt dort heute am Goldsmiths College und an der University of East London. Der Videokünstler experimentiert mit Animationen und führt audiovisuelle Life-Performances auf, häufig in enger Zusammenarbeit mit Musikern und Tonkünstlern. Sein Interesse gilt dabei Mikrokosmen - sowohl formal wie in seinen preisgekrönten Filmen Drift oder 1925 aka Hell als auch thematisch wie in diesem "Kunst und Fußball"-Beitrag für ZEIT ONLINE
Hattler: Ja, jedes Wochenende geht es wieder los und dann alle paar Jahre das Riesenevent. Ich war auf einer Waldorfschule und dort war Fußballspielen sehr verpönt. Der Ball wurde mit einem Schädel gleichgesetzt, und mit einem Kopf sollte man anderes tun, als ihn zu treten. Überhaupt galt Treten als eine sehr niedere Geste.
ZEIT ONLINE: So betrachtet, hört sich Fußballspielen in der Tat steinzeitlich an. Und dann reißen sich die Kerle auch noch die Trikots vom Leib und zeigen uns ihren nackten Oberkörper! Warum das denn?
Hattler: Noch so ein Männlichkeitsding: Ich zeige meine Stärke.
ZEIT ONLINE: So richtig stark wirkt der Mann im Film aber nicht. Überhaupt wirkt er nicht wirklich wie ein aktiver Sportler.
Hattler: Das ist auch nicht wichtig. Er ist eher wie ein Zuschauer bei einem Fußballspiel. Denn auch das Zuschauen läuft nach strengen Ritualen ab und dient dazu, Männlichkeit zu demonstrieren. Wie damals in der Steinzeit, als sich der Mann einem Clan angeschlossen hat. Selbst wenn er das Tier nicht persönlich gejagt und erlegt hat, konnte er den Erfolg mitfeiern. Er gehörte dazu.
ZEIT ONLINE: Und im Falle einer Niederlage?
- Kunst und Fussball
Was hat Fußball mit Kunst zu tun? Jede Menge, denn Fußball ist möglicherweise eines der globalsten Alltagsthemen. Man nehme nur den Starrummel um einen Fußballer, die Vermarktung der Ware Mensch, die Macht von Institutionen wie der Fifa und die Emotionalisierung der Massen. Mit all dem werden sich die Künstler in den kommenden Wochen während der WM auseinandersetzen - und für ZEIT ONLINE jeweils ein Kunstvideo drehen.
Hattler: Konnte er auch das mit der Gruppe besser ertragen, dann jagten die Männer eben ein anderes Mal oder etwas Kleineres. Übrigens: Unter den extremen Fußballanhängern wird auch heute noch in jedem Fall irgendetwas erlegt. Und sei es hinterher auf der Straße.
ZEIT ONLINE: Die Aggression muss raus. Im Film muss irgendwann das Gras dran glauben.
Hattler: Das ergab sich ganz spontan während des Drehs. Aber es passte. Es ist eine ejakulative Geste. Ganz männlich. Wie im Fußballspiel: Da reißen die Spieler zwar kein Gras aus, aber sie spucken viel.
Das Gespräch führte Wenke Husmann
- Datum 29.06.2010 - 13:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 29
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Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg
und ein gutes Interview!
Ich kenne das Gefühl gut, ohne diese Initiation aufgewachsen zu sein. Dann erscheinen Fußballfans in Häufung nur als peinlich und/oder bedrohlich.
Wie gut aber, daß die männliche Energie z.Z. an solche Ausdrucksformen gebunden ist!
... ich muss dem auch zustimmen. Überall Fußball und alle fahren drauf ab. What the F**k?
Wirkt alles sehr lächerlich in meine Augen. Ich verstehe nicht, wie man sich so bei einem Tor freuen kann, dass man laut schreit... da muss ich mir das Kichern verkneifen.
Wenn ich mitmache - hab' ich mal versucht - komme ich mir absolut bescheuert vor. Das geht auch nicht mit 6 Bier - habe ich auch versucht. Fehlt mir was?
Ich denke nicht: Die Anzahl der nicht WM-Gucker ist verblüffend hoch, dass habe ich empirsch herausgefunden (Freundeskreis mit Bias), so bei 1,5% - naja, in meiner Arroganz gehe ich dann von 80% aus, die mitmachen und sich einfach nicht selbst reflektieren (Leser natürlich ausgeschlossen).
Damit sind wir bei 18,5 eingefleischter Fußballfans, die Emotionen bei einem Tor haben.
Mir fehlt also nix wichtiges, puh.
Dass Rituale, Kleidung, Sprachen und semantische Codes von Gruppen auf Außenstehende komisch, unverständlich oder lächerlich wirken können, ist wohl nicht unbedingt die allerneuste Weisheit. Ich bezweifle auch sehr, dass Herr Hattlers Videokunst ein zusätzlich erhellendes Licht auf diesen alten Hut wirft.
Mir selber geht es mit Fussball oder der Katholischen Kirche auch nicht anders; es ist wie ein Witz und man versteht die Pointe nicht, auch wenn er tausendmal erzählt wird. Umgekehrt verkehre ich als schwuler Mann gelegentlich in einer Welt, die (nicht nur) auf Außenstehende recht absurd und auch albern wirken kann. So oder ähnlich geht es hoffentlich den meisten Menschen, und wenn man das aushält, ist man einigermaßen erwachsen.
Für diese Videokunst und so ein Interview hat's wohl tatsächlich die Waldorfschule gebraucht. Deren Ritualen und Codes es übrigens nicht an einer gewissen Lächerlichkleit mangelt...
Es ist ein (Sport-)Spiel; sehr einfach zu verstehen, dazu noch die Moeglichkeit von Freud' und Leid nahe beieinander. Das macht es sehr beliebt.
Andere Gruppen, andere Rituale. Wer mal in einer Vernissage (um mal dem Kuenstler einen Spiegel vor zu halten) gewesen ist und sich ansonsten damit nicht beschaeftigt, denkt auch, dass die Leute dort "ein wenig komisch sind" (und ihre eigene Sprache und Rituale haben).
Schoen, dass der Kuenstler das noch mal fuer sich entdeckt hat, aber es sieht eher wie ein Versuch aus sich ueber Fussball-Fans lustig zu machen, als sich damit ernsthaft auseinander zu setzen.
sehe ich auch so.
das schlagwort "alter hut" könnte meiner feder entstammen. ich bin sehr sicher, dass es noch erheblich mehr zeitgenossen gibt, die die kryptischen videos von herrn hattler nicht verstehen. von diesen würde herr hattler sicher erwarten, dass sie sich mit seiner kunst bitteschön auseinandersetzen müssen.
es kommt eben manchmal vor, dass man etwas nicht versteht. der reife mensch hat dann die wahl: er setzt sich damit auseinander, um abhilfe zu schaffen, oder er akzeptiert sein unverständnis, weil es ihn nicht interessiert. deshalb also die frage: was will uns herr hattler mit seinem video bloss sagen? dass er etwas nicht versteht? das scheint mir zur legitimation eines kunstwerks doch ein bisschen dünn.
Es ist ein (Sport-)Spiel; sehr einfach zu verstehen, dazu noch die Moeglichkeit von Freud' und Leid nahe beieinander. Das macht es sehr beliebt.
Andere Gruppen, andere Rituale. Wer mal in einer Vernissage (um mal dem Kuenstler einen Spiegel vor zu halten) gewesen ist und sich ansonsten damit nicht beschaeftigt, denkt auch, dass die Leute dort "ein wenig komisch sind" (und ihre eigene Sprache und Rituale haben).
Schoen, dass der Kuenstler das noch mal fuer sich entdeckt hat, aber es sieht eher wie ein Versuch aus sich ueber Fussball-Fans lustig zu machen, als sich damit ernsthaft auseinander zu setzen.
sehe ich auch so.
das schlagwort "alter hut" könnte meiner feder entstammen. ich bin sehr sicher, dass es noch erheblich mehr zeitgenossen gibt, die die kryptischen videos von herrn hattler nicht verstehen. von diesen würde herr hattler sicher erwarten, dass sie sich mit seiner kunst bitteschön auseinandersetzen müssen.
es kommt eben manchmal vor, dass man etwas nicht versteht. der reife mensch hat dann die wahl: er setzt sich damit auseinander, um abhilfe zu schaffen, oder er akzeptiert sein unverständnis, weil es ihn nicht interessiert. deshalb also die frage: was will uns herr hattler mit seinem video bloss sagen? dass er etwas nicht versteht? das scheint mir zur legitimation eines kunstwerks doch ein bisschen dünn.
Das ist ja ein unglaubliches Video.
Auch wenn seine Bewegungen einem choreografischen Gedanken folgen, könnte man meinem er hätte Drogen genommen.
So frei wie der ist, spackig auf der Wiese tanzen ohne sich um die Zuschauer zu scheren...
Manche Kommentare sind wirklich lustig: da beschweren sich allerlei Schöngeister über die Stupidität des Fußballs, dabei neiden sie alle den Fans in ihrem farbenfrohen Rausch nur den Spaß. Denn wenn ich eins über Waldorf-geschädigte Performancekünstler gelernt habe ist es die Tatsache, dass ihnen nichts so sehr fehlt wie einfacher, ehrlicher, ungebildeter und niveauloser Spaß am Leben.
In diesem Sinne:
Locker bleiben.
Es ist ein (Sport-)Spiel; sehr einfach zu verstehen, dazu noch die Moeglichkeit von Freud' und Leid nahe beieinander. Das macht es sehr beliebt.
Andere Gruppen, andere Rituale. Wer mal in einer Vernissage (um mal dem Kuenstler einen Spiegel vor zu halten) gewesen ist und sich ansonsten damit nicht beschaeftigt, denkt auch, dass die Leute dort "ein wenig komisch sind" (und ihre eigene Sprache und Rituale haben).
Schoen, dass der Kuenstler das noch mal fuer sich entdeckt hat, aber es sieht eher wie ein Versuch aus sich ueber Fussball-Fans lustig zu machen, als sich damit ernsthaft auseinander zu setzen.
Immer wieder sehe ich, wie sich vermeintliche Großgeister über den Fußball als Idiotensport lustig machen. Es ist so schön einfach, Leute in diverse Schubladen stopfen zu können, nach dem Motto: Intellektuelle machen sich nichts aus Sport, Fußball ist eher etwas für die "Schlichten".
Dabei ist diese populäre Sportart lediglich eine Freizeitbeschäftigung, ein Hobby, dem nachgegangen wird, wenn man Gefallen an ihm findet. Man sollte sich nicht intellektuell überlegen fühlen, nur weil man lieber Opern als Fußballspiele im Fernseher anschaut. Eine falsche Vorstellung, die tatsächlich doch eher vom Gegenteil zeugt: Von Beschränktheit, Engstirnigkeit oder schlichtweg von dem Wunsch, sich besonders zu fühlen, wenn man gegen den Strom schwimmt.
Also: Wer sich selbst nur als besonders künstlerisch und erhaben darstellen kann, indem er andere (die Durchschnittsbürger, die Fußballfans) als primitiv bezeichnet, der ist selbst der Urmensch. Denn eine solche Profilierung ist letztendlich auch nicht viel weiter von "nackten Oberkörpern" und "Männlichkeitsdingern" entfernt.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht:
Wer ernsthaft Sätze wie diesen rausfeuert: "Es ist eine ejakulative Geste." sollte sich vielleicht nicht über den Geisteszustand von Fußballfans beömmeln, sondern lieber mal selbst den Psycho-Doktor aufsuchen.
Immer wieder oberpeinlich finde ich, dass Gestalten wie Herr Hattler zwar Fußball ganz, ganz schlimm und prolo finden, sich seiner gewaltigen Popularität aber zu gerne bedienen auf dass ein bisschen seines Glanzes auf ihre Randgruppenkunst fallen möge.
Naja, etwas mehr als "Hobby" scheint Fußball schon zu sein. Jedenfalls hab' ich noch keine Opernbesucher nach "Ausübung" ihres Hobbys "Wagner, Wagner" gröhlend oder auch nur Arien trällernd, ihren Mitmenschen von ihren Vorlieben Mitteilung machen hören. Auch ist die mediale Durchdringung von anderen "Hobby-Veranstaltungen" mit der des Fußballs kaum zu vergleichen.
Ich denke schon, daß Sport in seiner überschaubaren, einfachen Regeln gehorchenden und Emotionen kanalisierenden Erscheinungsform eine wichtige Ventil-Funktion erfüllt. Gerade Fußball (oder in anderen Kulturkreise Baseball, Eishockey o.ä) als sehr körper- und konkurrenzbetontes Spiel ist in seiner Kriegsmethaphorik (Angriff, Verteidigung, Strategie, ...) sicher bestens geeignet, aufgestaute Aggressionen "herauszulassen". Die einen müssen "es" jedes Wochenende tun, andere vorrangig nach dem Spiel, einige müssen zumindest alle 2..4 Jahre mal "die Sau rauslassen", wieder andere stauen gar nicht erst soviel an...
Eine weitere wichtige Funktion scheint mir in der "panem et circensem" - Funktion zu liegen. Wenn die Masse mit Fußball-Feiern beschäftigt ist, kann man viel ungestörteer bspw. ein "Sparpaket" durchwinken...
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht:
Wer ernsthaft Sätze wie diesen rausfeuert: "Es ist eine ejakulative Geste." sollte sich vielleicht nicht über den Geisteszustand von Fußballfans beömmeln, sondern lieber mal selbst den Psycho-Doktor aufsuchen.
Immer wieder oberpeinlich finde ich, dass Gestalten wie Herr Hattler zwar Fußball ganz, ganz schlimm und prolo finden, sich seiner gewaltigen Popularität aber zu gerne bedienen auf dass ein bisschen seines Glanzes auf ihre Randgruppenkunst fallen möge.
Naja, etwas mehr als "Hobby" scheint Fußball schon zu sein. Jedenfalls hab' ich noch keine Opernbesucher nach "Ausübung" ihres Hobbys "Wagner, Wagner" gröhlend oder auch nur Arien trällernd, ihren Mitmenschen von ihren Vorlieben Mitteilung machen hören. Auch ist die mediale Durchdringung von anderen "Hobby-Veranstaltungen" mit der des Fußballs kaum zu vergleichen.
Ich denke schon, daß Sport in seiner überschaubaren, einfachen Regeln gehorchenden und Emotionen kanalisierenden Erscheinungsform eine wichtige Ventil-Funktion erfüllt. Gerade Fußball (oder in anderen Kulturkreise Baseball, Eishockey o.ä) als sehr körper- und konkurrenzbetontes Spiel ist in seiner Kriegsmethaphorik (Angriff, Verteidigung, Strategie, ...) sicher bestens geeignet, aufgestaute Aggressionen "herauszulassen". Die einen müssen "es" jedes Wochenende tun, andere vorrangig nach dem Spiel, einige müssen zumindest alle 2..4 Jahre mal "die Sau rauslassen", wieder andere stauen gar nicht erst soviel an...
Eine weitere wichtige Funktion scheint mir in der "panem et circensem" - Funktion zu liegen. Wenn die Masse mit Fußball-Feiern beschäftigt ist, kann man viel ungestörteer bspw. ein "Sparpaket" durchwinken...
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