Kunst-Video: Fußball bindet einen Mann an seine Gruppe Wer bringt uns eigentlich das Verständnis für Fußball bei? Der deutsche Videkünstler Max Hattler zeigt, wie ohne gelernte Codes die Abläufe der Lächerlichkeit anheim fallen

ZEIT ONLINE: Spielen Sie selbst Fußball?

Max Hattler: Nein, ich mache gar keinen Sport. Ich gehe höchstens mal ins Fitnesstraining oder fahre Rad, aber diese ganze Massendynamik ist mir sehr fremd. Fußball ist wie eine Sprache, die ich nicht verstehe. Ich sehe zu und denke mir: "Was zum Teufel, tun die da ...?"

ZEIT ONLINE: Das denke ich, wenn ich diesen Mann auf der Wiese sehe.

Max Hattler: Er wirkt lächerlich, weil er etwas tut, was wir nicht verstehen. Offensichtlich gibt es zwar Regeln, nach denen er sich bewegt, und er scheint klare Vorstellungen von dem zu haben, was er treibt. Er folgt einer bestimmten Dramaturgie. Aber wir verstehen sie nicht. Auch im Fußball passiert viel, was sehr merkwürdig wirken könnte: Wie sich die Spieler auf den Boden werfen, sich rollen, die Gesichter verziehen ...

Mein Vater hat kein Interesse an Fußball, und somit gab es niemanden, der mir das Verständnis für Fußball beigebracht hätte. Ich kenne die Codes nicht. Dabei ist Fußballgucken und -spielen zwischen Vater und Sohn ja so eine Art Initiationsritual in die männliche Welt. Und das resultierende männliche Bonding in Clubs und Fanblocks ein nicht unbedeutender Beitrag zum Heranzüchten machoartigen Verhaltens in der Gesellschaft. Ich bin eher wie ein Anthropologe, der die Fußballspieler interessiert beobachtet

ZEIT ONLINE: Im Moment hat man den Eindruck, dass so viel Distanz zum Fußball schon beinahe ungewöhnlich ist.

Hattler: Ja, jedes Wochenende geht es wieder los und dann alle paar Jahre das Riesenevent. Ich war auf einer Waldorfschule und dort war Fußballspielen sehr verpönt. Der Ball wurde mit einem Schädel gleichgesetzt, und mit einem Kopf sollte man anderes tun, als ihn zu treten. Überhaupt galt Treten als eine sehr niedere Geste.

ZEIT ONLINE: So betrachtet, hört sich Fußballspielen in der Tat steinzeitlich an. Und dann reißen sich die Kerle auch noch die Trikots vom Leib und zeigen uns ihren nackten Oberkörper! Warum das denn?

Hattler: Noch so ein Männlichkeitsding: Ich zeige meine Stärke.

ZEIT ONLINE: So richtig stark wirkt der Mann im Film aber nicht. Überhaupt wirkt er nicht wirklich wie ein aktiver Sportler.

Hattler: Das ist auch nicht wichtig. Er ist eher wie ein Zuschauer bei einem Fußballspiel. Denn auch das Zuschauen läuft nach strengen Ritualen ab und dient dazu, Männlichkeit zu demonstrieren. Wie damals in der Steinzeit, als sich der Mann einem Clan angeschlossen hat. Selbst wenn er das Tier nicht persönlich gejagt und erlegt hat, konnte er den Erfolg mitfeiern. Er gehörte dazu.

ZEIT ONLINE: Und im Falle einer Niederlage?

Hattler: Konnte er auch das mit der Gruppe besser ertragen, dann jagten die Männer eben ein anderes Mal oder etwas Kleineres. Übrigens: Unter den extremen Fußballanhängern wird auch heute noch in jedem Fall irgendetwas erlegt. Und sei es hinterher auf der Straße.

ZEIT ONLINE: Die Aggression muss raus. Im Film muss irgendwann das Gras dran glauben.

Hattler: Das ergab sich ganz spontan während des Drehs. Aber es passte. Es ist eine ejakulative Geste. Ganz männlich. Wie im Fußballspiel: Da reißen die Spieler zwar kein Gras aus, aber sie spucken viel.

Das Gespräch führte Wenke Husmann