Zum Tod von Sigmar PolkeTrau' deinen Augen nicht!

Mit feiner Ironie setzte Sigmar Polke sich mit dem Lebensgefühl und der Gesellschaft in Deutschland auseinander und erlangte Weltruhm. Ein Nachruf von 

"Höhere Wesen befahlen..." beginnt Sigmar Polke einen Satz über die Kunst, der zu einem seiner meist zitierten werden sollte. Der Künstler als Rezipient göttlicher Inspiration? Wenn Polke die Aussage mit den Worten "...rechte obere Ecke schwarz malen!" beendet, wird jedoch klar, mit welcher Haltung er hier als Künstler gerne brechen würde.

1969 formulierte er diesen Satz. Da hatte er gerade sein Kunststudium beendet und zusammen mit Gerhard Richter und Konrad Lueg den Kapitalistischen Realismus begründet. Er unterwanderte die Kunstdogmen – die des Ostens, wo der sozialistische Realismus herrschte, als auch die des Westens, wo zu der Zeit das Informelle gefeiert wurde. Diese Auseinandersetzung führte Polke spielerisch. Die Ironie war eines seiner wichtigsten Stilmittel.

Anzeige

Damit focht er für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, rückte die Errungenschaften der Französischen Revolution in ein neues Licht und ging später auf die Probleme der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ein. Aufgrund seiner parodierenden Art und der Techniken, mit denen er zu Beginn seiner Karriere in den sechziger Jahren arbeitete, wie den übergroßen Rasterpunkten, wurde er als deutsches Pendant zu amerikanischen Popkünstlern wie Lichtenstein, Rauschenberg oder Warhol angesehen. Wie jene experimentierte er mit neuen Materialien, mit Polyesterdecken und Plastikfolien und thematisierte deren triviales Eigenleben.

Der Stoff, aus dem die Dinge sind, interessierte ihn. In den achtziger Jahren konzentrierte er sich mehr und mehr auf die Oberfläche. Er machte Dekostoffe mit flüssigem Kunststoff transparent, löste die Bildkomposition auf. Die Unschärfe wurde schon fast so etwas wie ein Erkennungszeichen für Polkes Arbeiten – Trau' deinen Augen nicht!

Sigmar Polke wurde für sein Werk mit zahlreichen Preisen geehrt: 1986 erhielt er auf der 42. Biennale di Venezia den Goldenen Löwen, 2000 wurde er mit dem Kaiserring der Stadt Goslar geehrt, 2002 mit dem Cologne Fine Art-Preis und dem Praemium Imperiale Award in Tokio. Zuletzt, erst im vergangenen Monat, kam noch der mit 100.000 Euro dotierte Kunstpreis der Schweizer Roswitha-Haftmann-Stiftung für sein Lebenswerk hinzu. Dreimal, in den Ausstellungsjahren 1972 bis 1982, nahm er als Künstler an der documenta teil.

Seit Jahren rangiert Sigmar Polkes Name ganz vorne auf den internationalen Listen der bedeutendsten Künstler. Seine Bilder erzielen auf dem Kunstmarkt Millionenpreise. Zusammen mit Gerhard Richter führt er seit 1999 den vom Wirtschaftsmagazin Capital ermittelten Kunstkompass an, der den Wert der Arbeit eines Künstlers in Zahlen zu fassen versucht. Berühmter als er und Gerhard Richter ist in Deutschland kein Künstler – Polke sah wohl auch das mit Augenzwinkern.

In der Nacht zum Freitag erlag der Künstler in seinem Haus in Köln einem Krebsleiden. Er wurde 69 Jahre alt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • keox
    • 11. Juni 2010 17:05 Uhr

    "Seine Bilder erzielen auf dem Kunstmarkt Millionenpreise."

    Was für ein Argument.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    keox, Sie haben völlig recht, auch im radi-ohr wird Polkes [künstlerische] bedeutung ohne jede überleitung in verbindung gebracht mit den "preisen", die "seine werke erzielen" - man sieht förmlich, wie da Polkes werke so vor sich hin "erzielen". seit wann hat das, was auf dem sog. "kunstmarkt" abläuft, irgendetwas mit der "bedeutung" irgendeines werkes zu tun? Gafra bringt es auf den punkt: es geht um "verluste" an menschen, kreativität, witz, attacke, ironie, produktivität - dass freilich fast alle privatbesitzer von Polke-werken jetzt jubeln könn(t)en, ist wiederum ein effekt des kunst"marktes". da stirbt einer - prompt knallen die dollar-preise für seine werke durch die decke - wäre mal wieder an der zeit zu recherchieren, inwiefern "der künstler" vom "Markt" auch bloß noch als "produzent" verwertbarer produkte angesehen wird. solange künstlerInnen sich nicht darauf verständigen können, gemeinsam gegen ihre entfremdete vermarktung durch "interessierte kreise" vorzugehen, werden abhängig bleiben von galerien, "gutachtern", zertifikateuren, finanziers, "beziehungen" usw. - wenn der steuerzahler hört, die HH-kunsthalle "der gegenwart" habe kein geld mehr, müsse zumindest einige abteilungen schließen, kann er schon aufschäumen - auf die idee, diese "abteilungen" der/dem "unbekannten (jung-)künstlerIn" [samt "Ewiger Kreativflamme" und direktverkauf/-vermietung "ab museum"] zu widmen, kommt dann niemand aus der "kreativ-abteilung" der museen.

    • Gafra
    • 11. Juni 2010 17:25 Uhr

    und nun Polke. Das ist ein Verlust.

  1. keox, Sie haben völlig recht, auch im radi-ohr wird Polkes [künstlerische] bedeutung ohne jede überleitung in verbindung gebracht mit den "preisen", die "seine werke erzielen" - man sieht förmlich, wie da Polkes werke so vor sich hin "erzielen". seit wann hat das, was auf dem sog. "kunstmarkt" abläuft, irgendetwas mit der "bedeutung" irgendeines werkes zu tun? Gafra bringt es auf den punkt: es geht um "verluste" an menschen, kreativität, witz, attacke, ironie, produktivität - dass freilich fast alle privatbesitzer von Polke-werken jetzt jubeln könn(t)en, ist wiederum ein effekt des kunst"marktes". da stirbt einer - prompt knallen die dollar-preise für seine werke durch die decke - wäre mal wieder an der zeit zu recherchieren, inwiefern "der künstler" vom "Markt" auch bloß noch als "produzent" verwertbarer produkte angesehen wird. solange künstlerInnen sich nicht darauf verständigen können, gemeinsam gegen ihre entfremdete vermarktung durch "interessierte kreise" vorzugehen, werden abhängig bleiben von galerien, "gutachtern", zertifikateuren, finanziers, "beziehungen" usw. - wenn der steuerzahler hört, die HH-kunsthalle "der gegenwart" habe kein geld mehr, müsse zumindest einige abteilungen schließen, kann er schon aufschäumen - auf die idee, diese "abteilungen" der/dem "unbekannten (jung-)künstlerIn" [samt "Ewiger Kreativflamme" und direktverkauf/-vermietung "ab museum"] zu widmen, kommt dann niemand aus der "kreativ-abteilung" der museen.

  2. Polke war Teilnehmer von documenta 5 (1972), d6 (1977) und d7 (1982). Nicht nur die Rolle des Künstlers und das Betriebs-System Kunst hat P. seinen ironischen Betrachtungen unterzogen. Der „Kunstmarkt“ war Thema seiner spottenden Kritik. Dort im Markt, in dem Kunstbetrieb, Kapitalismus und Konsum auf exemplarische Weise zusammenfliessen, wurde dem Künstler nicht unwesentlich durch institutionelle Kuratoren samt Galerien/Händler-Sammler-System zu internationalem Ruhm verholfen. Merkwürdig: Seit der HOETiade (d9) waren Künstler oft nur noch der Illustrator einer Idee des Kurators: ENWEZORiade, DAVIDiade und BUERGELiade hatten sozialpädogischen Charakter. Kunst wurde als Aufklärungs-Instrument missbraucht. Gegen Kunstfreiheitsgarantie und Willkürverbot (Gleichbehandlungsgebot) wurden verstoßen. Polke war NICHT mehr Teilnehmer der documentas ab d8. P. hätte die documenta-Instituition demokratisieren helfen sollen: Ironie aller Art, Schmäh & Ulk, Sarkasmus & Zynismus – Polkes Stilmttel – hätten Erwartungen an die documenta-Kunst und "Kapitalistischer Realismus" gut getan! P. wurde mit „Höhere Wesen befahlen“ berühmt - mit „Möglichkeitsformen einer Palme“ wie „Handschuhpalme“, „Wattepalme“ und „Polke als Palme“. Von „Kunst“-Heiligkeit hielt der Kunst-Markt-Star nicht viel. Mit S.P.s Satz wurde der K. als Rezipient göttlicher Inspiration verächtlich gemacht: „...rechte obere Ecke schwarz malen!". Ein weitere „KUNST“-Entheiliger-Karriere konnte evoluieren – in der DUCHAMP-Nachfolge.

  3. Liste der zehn teuersten Lose auf Auktionen in Deutschland:
    Hammerpreis von 740.000 Euro. Doch auch unterhalb dieser Grenze - im vergangenen Jahr lag sie übrigens etwas niedriger, bei 540.000 Euro für ein typisches Dekostoff-Werk von Sigmar POLKE - Dies "löste so manches Los Begeisterung in den Sälen aus" (...).

    Siehe FAZ:

    Was es 2011 auch noch gab So eine Überraschung

    24.12.2011 · Die zehn teuersten Kunstwerke des Auktionsjahrs sind das eine, doch unterhalb der Grenze von 740.000 Euro tummeln sich bemerkenswerte Werke mit erstaunlichen Zuschlägen. (Sophie von Maltzahn)

    IN:
    http://www.faz.net/aktuel...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Sigmar Polke | Tod | Gerhard Richter | Award | Biennale | Documenta
Service