Wissenschaft im TheaterWenn Schauspieler und Forscher gemeinsam inszenieren

Das Englische Theater in Berlin nahm sich das komplexe Thema Klonen vor. Und nutzte für die Inszenierung das Fachwissen von Wissenschaftlern. Eine gelungene Koproduktion. von Nadine Querfurth

Was Identität schafft, führt das Englische Theater in Berlin mit seinem Stück "A Number" vor

Was Identität schafft, führt das Englische Theater in Berlin mit seinem Stück "A Number" vor  |  © English Theatre Berlin

Wie wäre das: Man läuft durch die Straßen und begegnet sich selbst. Wenn das da drüben auch ich ist, wer bin dann ich hier? Was macht mich zum Individuum? Und das, das Lebewesen da? Bin ich das noch mal? Solche Gedanken könnten Bernard, genannt B2, durch den Kopf gegangen sein. Sogar der reale Tomas S. Spencer, der B2 spielt, könnte sich über solche Fragen den Kopf zerbrochen haben, denn das neue Theaterstück des Englischen Theaters in Berlin behandelt ein sehr komplexes Thema: A Number von Caryl Churchill beschäftigt sich mit menschlichen Klonen. Damit setzen sich Schauspieler nicht alle Tage auseinander.

Die Welt der Wissenschaft und die Welt des Theaters haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Dass es doch Berührungs- und Verknüpfungspunkte der beiden Welten gibt, veranlasste Regine Hengge, Mikrobiologieprofessorin an der Freien Universität Berlin, und Günther Grosser, künstlerischer Leiter des Englischen Theaters, das Projekt Wissenschaft und Theater ins Leben zu rufen. "Wissenschaft", sagt Regine Hengge, "ist etwas vom Menschen Gemachtes. Sie bringt Techniken und Erkenntnisse hervor, die sich bis in die Gesellschaft hinein auswirken und soziale und ethische Fragen aufwerfen. Damit müsse man sich beschäftigen – besonders auch Nachwuchswissenschaftler." So war die Idee geboren, in das Theaterprojekt auch ihre Biologie-Studenten einzubeziehen. Im Rahmen des Seminars Soziale und ethische Aspekte wissenschaftlicher Forschung haben sie die Hintergründe des menschlichen Klonens in Form von Kurzvorträgen so aufbereitet, dass die Theaterleute als naturwissenschaftliche Laien die komplexen Zusammenhänge verstehen.

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Der künstlerische Leiter des Englischen Theaters und Regisseur des Stücks, Günther Grosser, ist dankbar für diese Zusammenarbeit. Er spielte schon lange mit dem Gedanken, ein Theaterstück mit wissenschaftlichem Hintergrund zu inszenieren, obwohl es solche Science Plays, wie sie im angelsächsischen Sprachraum heißen, nicht häufig auf deutsche Bühnen schaffen. "Möglicherweise haben die Häuser nicht ausreichend Mut, sich mit solchen komplexen Themen auseinanderzusetzen", sagt Grosser. Obwohl auch er an seinem eigenen Haus im Vorfeld gewisse Skepsis gespürt hat, ob man für solche Themen ein Publikum habe, hat er es letztendlich riskiert und sich zugetraut, dafür auch neue Zuschauer ins Theater zu locken.

Gemeinsam mit den Schauspielern Tomas S. Spencer, Patrick Lanagan und der restlichen Theatercrew ist er nach Berlin-Dahlem an die Freie Universität gefahren und hat sich in unmittelbarer Nähe zu wissenschaftlichen Laboren die Welt des Klonierens erklären lassen. Zwar kommt die Wissenschaft auf der Bühne nicht direkt vor, aber um die Hintergründe zu verstehen, den Figuren ihre Geschichte zu geben und Charaktere zu erarbeiten, war es für alle Beteiligten wichtig, wenigsten die Grundlagen zu verstehen. "Die meisten aus dem Team", erzählt Grosser, " konnten sich gar kein Bild machen, wie das Klonen praktisch funktioniert". Als Ersatz verwenden sie Bilder aus der Science-Fiction-Welt. "Sie haben die Vorstellung, dass im Labor etwas manipuliert wird und schwups geht die Tür auf und ein neuer Mensch ist da", sagt der Regisseur. Viele Nicht-Wissenschaftler assoziieren damit Schreckensbilder. "Klonen bedeutet für sie, Menschen in 10.000-facher Kopie herzustellen", resümiert er. Allein dass jeder Klon eine Ersatzmutter braucht, um geboren zu werden und aufzuwachsen, war vielen nicht klar.

An der Freien Universität Berlin trafen die Theaterleute unter anderem auf die Master-Studentin Anja Richter. Sie stand dem Projekt zu Beginn eher kritisch gegenüber, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie die Interaktion zwischen ihr als Wissenschaftlerin und den Schauspielern aussehen würde. Doch sie war positiv überrascht, als nach den Kurzvorträgen sehr fruchtbare und kontroverse Diskussionen entstanden und wie die Schauspieler ihre Rollen durch Emotionen interpretierten. An den ersten Proben am Theater nahm Regine Hengge teil und schlüpfte in die Rolle der Dramaturgin. Sie erklärte den Schauspielern vor allem, was sich hinter den Kulissen des Stücks abspielen könnte und lieferte immer wieder wissenschaftliche Details. Wie Inszenierungen am Theater entstehen, war auch für sie neu. "Der Ansatz, den die Schauspieler verfolgen, ist interessant: Nämlich alles sofort auf Geschichten und Personen zu beziehen. Sie reduzieren oder generalisieren nichts, das machen eher wir in der Wissenschaft, indem wir versuchen das Generelle aus den Einzelfällen zu extrahieren. Dort geht man den umgekehrten Weg: man illustriert anhand von einzelnen Geschichten bestimmte Prinzipien."

Auf einem sechs mal sechs Meter großen Podest mit Teppich steht mittig ein großer, kantiger, lilafarbener Plüschsessel. Die Beleuchtung wechselt, erinnert aber durch große Metallstrahler an künstliche Laborbeleuchtung. Sohn Bernhard, genannt B2, besucht seinen Vater, weil er von einem Krankenhaus informiert wurde, dass er ein Klon ist. Dann erfährt er, dass sowohl der Original-Bernhard als auch weitere 19 Klone, also 19 weitere genetisch identische Kopien, existieren.

Der britische Schauspieler Tomas S. Spencer spielt drei der Klone, die in unterschiedlichen familiären und sozialen Situationen aufgewachsen sind. Für ihn haben die wissenschaftlichen Seminare eine ganz wichtige Erkenntnis gebracht, die ihm bei der Interpretation der Figuren geholfen hat. "Ich hatte immer geglaubt, dass Klone eine genaue Kopie vom Original sind und sich auch genau gleich verhalten. Jetzt habe ich gelernt, dass sowohl die familiäre Situation als auch die Umweltbedingungen die Klone prägen. Man bleibt ein Individuum, egal ob man ein Klon ist", sagt Spencer.

Er spielt auch einen Klon, der im Stück von sich selbst sagt, ein sehr glückliches Leben zu führen und nicht darunter zu leiden, ein Klon zu sein. Die Autorin des Stücks Caryl Churchill macht mit dieser Figur eine wichtige Aussage, sagt Grosser, "nämlich, dass es nicht heißen muss, ein geklonter Mensch führe von vorneherein ein unglückliches Leben. Das kann dem Thema ein bisschen die Schwere nehmen".

Grosser wünscht sich durch seine Inszenierung und die Zusammenarbeit mit der Universität, junge Bühnenautoren zu inspirieren, sich mit wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Er jedenfalls setzt die Reihe am Englischen Theater im Februar 2011 mit dem Stück An Experiment with an Air Pump von Shelagh Stephenson fort, in dem es um Pränataldiagnostik geht. Schon heute zählt er auf die Unterstützung von Regine Hengge und ihren Studenten, die dann erneut komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge für ein Laienpublikum aufbereiten und sich im Gegenzug in Wissenschaftskommunikation üben.

Leserkommentare
  1. Bitte verwenden Sie nicht "klonieren" als Synonym für "klonen". Klonieren ist eine Technik, bei der Gene in Bakterien eingeschleust werden, sie wird in allen molekularbiologischen Laboren praktiziert. Das hat absolut nichts mit dem Klonen von Menschen zu tun. Und die Berliner (wie auch alle anderen deutschen) Naturwissenschaftler würden sich strafbar machen, wenn sie jeden Tag in ihrem Labor mal nebenher ein paar Klone herstellen würden (was zudem technisch "noch" gar nicht möglich ist).

    • mator
    • 04. Juni 2010 21:04 Uhr

    Habe das sehr interessante Stück gestern Abend gesehen. Die aufgeworfenen Fragen werden an manchen Terminen nach der Aufführung mit den Schauspielern und den beteiligten Forschern diskutiert. Mehr dazu: http://www.berlin-ist.de/...

    • Sikumu
    • 05. Juni 2010 9:57 Uhr

    Spezialistentum

    Rettet Leben
    Macht uns reich
    Vertreibt Unwissenheit
    Ist unverzichtbar

    Spezialistentum

    Tötet lautlos
    Kennt keine Verwandten
    Kann alles erklären
    Und nichts vestehen.

    Spezialistentum

    Erweitert die Möglichkeiten
    Sprengt die Welt
    Baut aus den Trümmern
    Ein Haus ohne Grundriss
    Mit beschränkter Haftung
    Im Treibsand der Zeit.

  2. Dans l'ombre
    de la nuit il
    y a le regard
    qui brille
    tendrement
    comme le chant
    du matin
    quand la neige
    disparaît.....

    Francesco Sinibaldi

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