Geocoded Art Street View für Kunstfreunde
Mit Monets Augen durch den Hafen von Le Havre: Die Webseite Geocoded Art verortet berühmte Landschaftsgemälde auf realen Karten. Leider noch nicht genau.
© Screenshot: geocodedart.com/ZEIT ONLINE

Hier soll es gewesen sein: Geocoded Art verortet den Standort von Eugène Boudin für sein Gemälde der Klippen bei Dieppe
Sie begegneten sich 1858 in Le Havre, wahrscheinlich am Hafen – und nichts war wie zuvor. Eugène Boudin, Anfang 30, ein Pleinair-Maler aus der Normandie, und Claude Monet, damals gerade einmal halb so alt. Der ältere nahm den jüngeren unter seine Fittiche, sie zogen zusammen los, mit ihren Staffeleien. Boudin malte in Brest, in Rouen, in Dieppe, Monet in Pourville, Antibes, auch in Rouen. Und beide malten den Hafen in Le Havre, immer und immer wieder.
Wie sich die Wege der beiden in der Normandie überschnitten, kann man auf der Seite Geocoded Art sehr deutlich sehen. Die Website, gestartet Anfang 2010, ist im weitesten Sinne ein Portal, das Kunstwerke auf interaktiven Landkarten verortet. Die Idee: Gemälde unterschiedlicher Zeiten von Landschaften aus der ganzen Welt mit jenen Orten zu verknüpfen, die sie abbilden. Bild und digitale Kartenrealität von Bing und Google Maps, so die Logik, sollen nebeneinander stehen, das Damals und das Heute gleichzeitig erscheinen, vergleichbar werden.
Das Konzept ist derartig einleuchtend, dass man sich fragt, weshalb vorher noch niemand darauf gekommen ist – sich in die geographische Position der Maler hineinversetzen, ihre Perspektive einnehmen, das ist verlockend. Gerade anlässlich des Fests zu Ehren des Impressionismus, das in der Normandie derzeit gefeiert wird: Jener Gattung, die die Künstler mit ihren Staffeleien, Pinseln und Farbpaletten tatsächlich an die frische Luft holte.
Allein, es hapert noch. So charmant die Idee, so rudimentär die Elemente, die Geocoded Art bislang zu bieten hat. Nehmen wir also den Gründervater der Impressionisten Monet, reisen mit ihm die Normandie-Küste entlang. Die Klippen bei Varengeville ragen mächtig in die Höhe, unverkennbar obendrauf die kleine Dorfkirche – auf der digitalen Karte erahnt man das Kirchengebäude, doch die Sicht auf die Klippen, man findet sie nicht. Die Stecknadeln daneben zeigen andere Küstenbilder, Boudins Dieppe-Landschaften etwa, doch auch hier muss man der Notiz glauben; die Perspektive, um 3D-Realität und Gemälde zu vergleichen, gibt es nicht.
Selbst wenn man sich auf die Suche nach unverwechselbaren Stadtansichten macht, hat man Pech. Sei es bei Camille Pissarros Abendstimmung der Pariser Avenue de l’Opéra oder einem der bekanntesten Motive: der Kathedrale von Rouen. Immer und immer wieder malte Claude Monet das Gebäude aus der gleichen Perspektive. Zwar ist die Kathedrale auf der Karte markiert, eine der Monet-Kathedralen ist als Bild eingefügt – aber das war es auch. Auf einmal sehnt man sich nach Google Street-View.
Neben diesen Navigations-Mängeln fehlt es auch schlicht an Informationen. Wenn im Seitenmenü zu Monets Kathedrale etwa alle anderen Rouen-Gemälde der Datenbank auftauchen, ist das zwar schön; aber Entstehungsjahre oder Lebensdaten fehlen völlig. Und obwohl nachvollziehbar ist, dass wegen der Bildrechte nicht alle Werke aller relevanten Künstler aufgeführt werden können, wundert man sich doch, dass etwa Paul Cézanne überhaupt nicht auftaucht, nicht einmal mit seinem ikonischen Mont Sainte-Victoire.
Aber offensichtlich wissen die Macher – die sich in einer namenlosen Anonymität verstecken – selbst, dass das zu wenig ist. So gibt es als zusätzliche Angebote mit Google Maps erstellte
Gemälderouten
entlang der Themse, auf YouTube präsentiert Geocoded Art
3D-Fahrten via Bing
mit eingebetteten Gemälden vom Hudson River, man zischt durch Rom, vorbei an
Giovanni Panninis
Santa Maria Maggiore
. Selbst Boudin und Monet,
Le Havre und Rouen
sind auf einer Tour zu besichtigen, aber wieder zeigt sich: Es ist mehr Schein als Sein. Die bei Bing lediglich simulierte Realität hat in den seltensten Fällen eine – zufällige – Ähnlichkeit mit den abgebildeten Bergkuppen, Horizontlinien oder Gebäuden.
Eigentlich funktioniert dieses Konzept nur in einer einzigen Situation: in der eigentlichen Realität, vor Ort. Mit dem Blackberry in der Hand hat man so einen direkten Vergleich zwischen dem Greenwich Hospital in Connecticut vor der Nase und dem Gemälde von George Chambers . Und die Macher gehen noch einen Schritt weiter: Sie entwickelten sogar eine Augmented-Reality-Variante fürs Smartphone, die Geocoded-Art-Applikation ist derzeit allerdings nur für niederländische Kunst verfügbar.
Nur konsequent: Hier fing schließlich alles an, wie die Erfinder hinter Geocoded Art verraten. Mit dem Blick auf eine Amsterdamer Straßenkarte in der Hand, und daneben dem Bild des Dam-Plaza, wie ihn Jacob Ruisdael im 17. Jahrhundert in Öl auf Leinwand bannte. Man möchte mehr davon, aber bitte richtig.
- Datum 30.07.2010 - 11:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Lang ist es her, dass sich einpaar Kunstbanausen über ein Buch aufregten, in dem Gemälde französischer Künstler des 19. und frühen 20.Jahrhunderts mit Fotografien verglichen worden sind, die an der Stelle aufgenommen worden waren, an der die Staffelei der Maler gestanden haben muss. Es war der inzwischen legendäre Berliner Museumsdirektor Leopold Reidemeister, der damit 1963 für einen Sturm im deutschen kunsthistorischen Wasserglas gesorgt hat. Doch bereits 1960 hatte Ernst H.Gombrich solches in seinem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Buch Art and Illusion nahegelegt. Es dauerte eben schon damals so seine Zeit, bis eine Einsicht sich verbreitete. Inzwischen werden in unzähligen kunsthistorischen Büchern solche Vergleiche mit großem Erkenntnisgewinn gezogen. Eines der schönsten und schmalsten ist dies: Albert Boime: Vincent van Gogh, Die Sternennacht.Die Geschichte des Stoffes und der Stoff der Geschichte. Frankfurt am Main, Fischer, 1990.
(Reidemeisters Buch findet sich in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek unter der Signatur H Art 536-22/1. Dann braucht man als ZEIT-Mitarbeiter in Hamburg nur noch einen Leseausweis und das in die Tat umzusetzen, was vor zwei Wochen in der ZEIT stand: Hurra wir lesen wieder!)
Mit besten Grüßen aus Halle, Heinrich Dilly
Schon von Anfang an gab die digitale Wirklichkeit viel Anstoss zu diskussion und theoretisieren. Ich freue mich immer wieder zu sehen wie sich aehnelnde Ideenkeime andernorts weiterverarbeitet werden. Nun sind wir also in der Kunst angekommen mit dem Hyperlocal trend den Foursquare losgetreten hat. Am Montag wurde der launch eines neuen Wagnisses bekanntgegeben. Im Januar wird weltweit nur eine Woche lang eine virtuelle Kunstmesse stattfinden – mit hohem Anspruch. David Zwirner, Larry Gagosian und andere Groessen stellen im Internet aus. Duerfte spannend werden. VIP ART FAIR.
Landschaftsgemälde on Google Earth @:
http://bbs.keyhole.com/ub...
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