Wohl mindestens seit den 1930er Jahren schlummerte das Gemälde unbeachtet im Städel-Depot. Ein Werk ohne Papiere. Eine Kirchner-Fälschung, wie man meinte. Erst als Kurator Felix Krämer beim Vorbereiten der Kirchner-Retrospektive durchs Depot lief und diese Leinwand unter die Lupe nahm, kamen bei ihm Zweifel auf. Die Kirchner-Expertenschar, die sich zur aktuellen Schau in Frankfurt tummelte, wurde zurate gezogen. Und schrieb das Werk eindeutig dem großen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880- 1938) zu.

Für Krämer und andere Experten wie Wolfgang Henze vom Kirchner- Archiv in Bern ein "kunsthistorischer Glücksfall". Die aus Kirchners Dresdner Brücke-Zeit (1905-1911) stammende Leinwand zeigt auf der Vorderseite eine Szene im Wald (Moritzburger Teiche) . auf der Rückseite einen Akt im Atelier . Beide Bilder datieren vermutlich aus dem Jahr 1910.

 
Das Bemalen der Rückseite ist für Kirchner nicht untypisch. Das machte er mit rund zehn Prozent seiner Gemälde. Aber gerade dieses Rückseitenwerk Akt im Atelier – einer von den typischen Frauen-Akten Kirchners – macht den Fund kunsthistorisch kostbar: Weil hier eines der seltenen Werke Kirchners aus der frühen Zeit vorliegt. Eine große Anzahl seiner Bilder hat der Künstler später überarbeitet.


So auch die Vorderseite Szene im Wald (Moritzburger Teiche) : Die Experten gehen davon aus, dass Kirchner es Anfang der 1920er Jahre großflächig übermalt hat. Darauf lassen etwa Infrarotaufnahmen schließen. Auch die auf der Überarbeitung liegende Signatur stamme demnach aus den zwanziger Jahren.


Der künstlerische Wert der überarbeiteten Szene im Wald wird von den Experten als eher gering eingeschätzt. Interessant ist das Bild aus einem anderen Grund: Bekannt war die dargestellte Szene bisher bereits durch Werke von Erich Heckel und Max Pechstein, und bekannt war auch, dass Kirchner seine zwei Brücke-Kollegen an diesem Sommertag 1910 begleitete. Nur ein Werk von ihm dazu fehlte bislang.

Städel-Leiter Max Hollein will die beiden Bilder nun konservieren und das Rückseitenwerk restaurieren lassen. Pünktlich zur Eröffnung des umgebauten Städel im Herbst 2011 soll es dann – wohl zunächst mit dem Akt im Atelier zum Betrachter gedreht – die Sammlung schmücken. Allerdings hat das Städel ein Problem: Mangels Unterlagen ist völlig unklar, ob es dem Haus überhaupt gehört. Der rechtmäßige Besitzer des Werkes mit einem Versicherungswert von rund vier Millionen Euro (für Kirchner-Gemälde ein mittlerer Wert) möge sich beim Städel melden.