"Verbotene Kunst" In Russland kommt die Kirche vor der Kunstfreiheit

Im Prozess um die Ausstellung "Verbotene Kunst" triumphieren die radikalen Orthodoxen. Putin schweigt. Und sagt damit sehr viel. Ein Kommentar von J. Voswinkel

Opfer einer Hexenjagd: Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow im Gerichtssaal

Opfer einer Hexenjagd: Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow im Gerichtssaal

Zeitweise wirkte der Prozess vor dem Tangansker Gericht in Moskau eher amüsant als bedrohlich. Die Anklage gegen den früheren Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie, Andrej Jerofejew, und den ehemaligen Direktor des Sacharow-Zentrums, Jurij Samodurow, schleppte sich über Monate als Farce hin. Mehr als 100 Ankläger, darunter Priester, Betschwestern und wehrhafte Kosaken im Geiste, fühlten sich durch die von den Angeklagten organisierte Ausstellung Verbotene Kunst in ihren religiösen Gefühlen verletzt.

Dabei hatten die meisten von ihnen die Kunstwerke erst gar nicht gesehen. Denn um die Bilder der Ausstellung im März 2007 im Sacharow-Zentrum zu betrachten, mussten die Besucher auf Leitern steigen und durch Gucklöcher schauen. Diese Mühe machte sich die Mehrheit der Ankläger erst gar nicht. Sie marschierten direkt zum Staatsanwalt, wie es ihnen ihre Glaubensbrüder oder nationalistische Webseiten nahegelegt hatten. Der Staatsanwalt hielt ihnen seine Beweismappe, eine Art Ausstellungskatalog, vor die Augen. Da endlich erblickten sie die "satanischen" Kunstwerke und erhoben Anklage.

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Der Prozess endete gestern als bitterernster Justizskandal. Das Gericht sprach die Angeklagten der "Erregung von Hass und religiösem Zwist" schuldig. Zwar sah es von den seitens der Staatsanwaltschaft geforderten drei Jahren Lagerhaft ab, verurteilte sie aber wegen der " Kränkung der Gefühle der Gläubigen " zu Geldstrafen zwischen 4000 und 5000 Euro.

Hass war während des gesamten Prozesses nur bei den Anklägern zu spüren, die eifrig beteten, auf dass die Angeklagten wenn nicht in der Hölle, so wenigstens hinter Stacheldraht schmoren sollten. Zusammengefunden hatte sich vor Gericht eine Gruppe von orthodoxen Gläubigen, von ewig unzufriedenen Feindbildsuchern und ganz in Schwarz gekleideten Großrussen. Jerofejew und Samodurow verkörpern für sie gleich alle Übel des heutigen Russlands: Gotteslästerung, Pornos im Fernsehen und die Gay-Parade in Moskau. Der orthodoxe Glaube gilt ihnen als Kern des russischen Wesens.

Entsprechend gebärdet sich die orthodoxe Kirche oft wie eine Staatskirche, obwohl die Verfassung die Trennung von Staat und Kirche vorsieht. In gestärktem Selbstvertrauen versuchen orthodoxe Glaubensträger seit einiger Zeit, die moralische Oberhoheit in der Gesellschaft zu gewinnen. Den Andersdenkenden verfolgen sie oft ohne jede Friedfertigkeit. Den demokratisch verfassten Staat akzeptieren viele nicht.

Einer der Ankläger sagte vor Gericht: "Ich bedauere sehr, dass wir einen weltlichen Staat haben." Das Urteil begrüßten manche der Schwarzhemden mit "Heil Russland!"-Rufen.

Über die Qualität der Kunstwerke, die Verbotene Kunst ausstellte, lässt sich trefflich diskutieren: eine Blondine unter der Öldusche, ein grinsender Polizist mit Dollarnoten in der Hand, eine Selbstmordattentäterin in Marilyn-Monroe-Pose mit hoch wehendem Rock.

Leser-Kommentare
    • CM
    • 13.07.2010 um 12:47 Uhr

    Auch wir haben ein ganz ähnliches Gesetz:

    § 166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen - dafür gibt es bis zu drei Jahre Haft.

    Allerdings ist die Auslegung dieses Gesetzes bei uns eine ganz andere Sache - oder doch nicht?

    Eine Liste von Urteilen:

    - 2006 Verurteilung eines Frührentners (1 Jahr auf Bewährung, 300 Stunden Sozialarbeit) für den Verkauf von Toilettenpapier mit dem Stempel „Koran, der heilige Qur'an“

    - 1994 Verbot der Darstellung gekreuzigter Schweine und der Aufführung des Musicals "Das Maria-Syndrom" (jungfräuliche Geburt durch verunreinigte Klobrille)

    - 1985 Verurteilung einer Frau wegen Verbreitung zweier Aufkleber mit den Texten „Lieber eine befleckte Verhütung als eine unbefleckte Empfängnis“ und „Masochismus ist heilbar“ in Verbindung mit einem durchgestrichenen Kruzifix

    - 1993 Ärger um ein Kruzifix mit der Inschrift „Tünnes“ anstatt „INRI“ in der Kölner Stunksitzung. Das Schild wurde beschlagnahmt. Der Regisseur wurde zu 6000 DM verurteilt, dann jedoch freigesprochen.

    - 2006 vorauseilende Zensur des WDR gegen einen Sketch der Stunksitzung über Papst Benedikt XVI. und Kardinal Meisner der die beiden als schwule „Ratze und Meise“ im Bett zeigte

    Nunja, Urteile sind selten geworden, seitdem gilt, daß der "öffentliche Friede" durch die Tat gestört sein muß. In Russland war das offenbar der Fall, wenn auch, wie üblich, durch Fanatiker angestachelt.

    Also, sind wir toleranter als die Russen?

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    • TDU
    • 13.07.2010 um 14:13 Uhr

    Wie Sie sagen: Ein konketes Gesetz und seine Auslegung. Generalklauseln wie das Erzeugen von Hass oder Verletzung von Gefühlen gibt es bei uns nicht. Und persönliche Verunglimpfung kann ich bei der Ausstellung auch nicht feststellen. Falls Sie mit den Unterschieden was anfangen können.

    Aber gut: Die Initiatoren von Happening und Fluxus, Klaus Staeck, Die Macher der Zeitschrift Titanic und Pardon, Rosa von Praunheim mit seinen Filmen, die Initiatoren der CSD Tage, Ha Schult, Immendorf, Thomas Münzer nackt am Kreuz, etliche Theatermacher, die Macher etlicher dritter Programme, Arte, 3 sat, und natürlich auch die Initiatoren der gleich geschlechtlichen Partnerschaft und natürlich auch mancher Redakteur der Zeit - nur ein paar Beispiele. Alle deren Vertreter sind mit Gefängnis bedroht oder sassen schon mal drin.

    Und die letzen 60 Jahre waren voll von Bücherverboten, Zeitungsverboten und Urteilen gegen den Geist des Kapitalismus.

    Sie sollten aufpassen: Wenn Sie alles gleich setzen, nehmen sie den Verteidigern der dortigen Verhältnisse das Argument der Dekadenz des Westens. Und die Verurteilten werden wohl etwas befremdet sein, wenn Sie ihnen sagen, dass sie in Deutschland auch nicht mehr Möglichkeiten haben.

    Wenn man die Unterschiede nicht sieht und die Möglichkeiten nicht nutzt, heisst das nicht, dass sie nicht da sind.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 14:13 Uhr

    Wie Sie sagen: Ein konketes Gesetz und seine Auslegung. Generalklauseln wie das Erzeugen von Hass oder Verletzung von Gefühlen gibt es bei uns nicht. Und persönliche Verunglimpfung kann ich bei der Ausstellung auch nicht feststellen. Falls Sie mit den Unterschieden was anfangen können.

    Aber gut: Die Initiatoren von Happening und Fluxus, Klaus Staeck, Die Macher der Zeitschrift Titanic und Pardon, Rosa von Praunheim mit seinen Filmen, die Initiatoren der CSD Tage, Ha Schult, Immendorf, Thomas Münzer nackt am Kreuz, etliche Theatermacher, die Macher etlicher dritter Programme, Arte, 3 sat, und natürlich auch die Initiatoren der gleich geschlechtlichen Partnerschaft und natürlich auch mancher Redakteur der Zeit - nur ein paar Beispiele. Alle deren Vertreter sind mit Gefängnis bedroht oder sassen schon mal drin.

    Und die letzen 60 Jahre waren voll von Bücherverboten, Zeitungsverboten und Urteilen gegen den Geist des Kapitalismus.

    Sie sollten aufpassen: Wenn Sie alles gleich setzen, nehmen sie den Verteidigern der dortigen Verhältnisse das Argument der Dekadenz des Westens. Und die Verurteilten werden wohl etwas befremdet sein, wenn Sie ihnen sagen, dass sie in Deutschland auch nicht mehr Möglichkeiten haben.

    Wenn man die Unterschiede nicht sieht und die Möglichkeiten nicht nutzt, heisst das nicht, dass sie nicht da sind.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 12:48 Uhr

    Nicht schon wieder die Kirche als Hauptschuldigen ausmachen, obwohl sie natürlich reaktionär genug ist. Aber unter dem kommunistischen Herrschaftssystem konnte sie sich auch nicht verändern, wie sich der ganze Staat nicht zur künstlerischen Freiheit verändern konnte. Das hätte doch den Sozialismus als alleingültiges Herrschaftsystem bedroht.

    Die Kultur in der DDR hat sich auch nicht so entwickelt, wie die im Westen.

    Und so tut sich auch das staatliche Russland schwer mit Veränderungen, die nach der Revolution ja wohl nur duch Terror und Stalinismus eingeführt werden konnten.

    In Russland musste immer alles von oben kommen. Hätte Deutschland den Krieg gewonnen und das System wäre geblieben, wie sähe es hierzulande wohl aus mit der Kunstfreiheit. Auch hierzulande musste sie erlernt werden.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 12:53 Uhr
    3. Zensur

    "Die Zensur in Russland ist wieder da". Gemessen an unseren Möglichkeiten durch Bild, Ton und Schrift etwas zu publizieren darf man fragen: War sie jemals weg?

  1. angestammten Platz in der russichen Gesellschaft ein.Dass es da zu Denk- und Redeverboten kommt liegt in der Ntur der Sache.Aber mal ehrlich,dass werden die Russen nachdem sie fast am westlichen Raubtierkapitalismus in den 90er Jahren zugrundegegangen sind überleben.

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    • TDU
    • 13.07.2010 um 15:04 Uhr

    Dann wird sich vermutlich in ein paar Jahren auch hierzulande keiner mehr über den Abbau der staatlichen Kunstförderung aufregen. Da brauchen die Kunstfeinde in den hiesigen Kirchen nur abzuwarten.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 15:04 Uhr

    Dann wird sich vermutlich in ein paar Jahren auch hierzulande keiner mehr über den Abbau der staatlichen Kunstförderung aufregen. Da brauchen die Kunstfeinde in den hiesigen Kirchen nur abzuwarten.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 14:13 Uhr

    Wie Sie sagen: Ein konketes Gesetz und seine Auslegung. Generalklauseln wie das Erzeugen von Hass oder Verletzung von Gefühlen gibt es bei uns nicht. Und persönliche Verunglimpfung kann ich bei der Ausstellung auch nicht feststellen. Falls Sie mit den Unterschieden was anfangen können.

    Aber gut: Die Initiatoren von Happening und Fluxus, Klaus Staeck, Die Macher der Zeitschrift Titanic und Pardon, Rosa von Praunheim mit seinen Filmen, die Initiatoren der CSD Tage, Ha Schult, Immendorf, Thomas Münzer nackt am Kreuz, etliche Theatermacher, die Macher etlicher dritter Programme, Arte, 3 sat, und natürlich auch die Initiatoren der gleich geschlechtlichen Partnerschaft und natürlich auch mancher Redakteur der Zeit - nur ein paar Beispiele. Alle deren Vertreter sind mit Gefängnis bedroht oder sassen schon mal drin.

    Und die letzen 60 Jahre waren voll von Bücherverboten, Zeitungsverboten und Urteilen gegen den Geist des Kapitalismus.

    Sie sollten aufpassen: Wenn Sie alles gleich setzen, nehmen sie den Verteidigern der dortigen Verhältnisse das Argument der Dekadenz des Westens. Und die Verurteilten werden wohl etwas befremdet sein, wenn Sie ihnen sagen, dass sie in Deutschland auch nicht mehr Möglichkeiten haben.

    Wenn man die Unterschiede nicht sieht und die Möglichkeiten nicht nutzt, heisst das nicht, dass sie nicht da sind.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 14:58 Uhr

    Freiheit heisst nicht, keine Grenzen einhalten zu müssen. Und je weiter die gesteckt sind, um so besser.

    Aber die persönliche Verunglimpfung im gebührenfinanzierten Fernsehen ist eine solche. Und ich denke, die Freiheit der Kunst kann damit leben, wenn es verboten ist, darzustellen, der Koran sei für den A... Das ist ja nicht mal inhaltlich begründet.

    Eine Karikatur hat da mehr Hintergrund, denn sie will sich auf konkretes beziehen. Meissner und den Papst als schwule im Bett zu nehmen hat auch keinerlei Realitätsbezug und ist auch kein Entwurf für irgendetwas. Für mich nur ein schlechter Witz. Ist halt Geschmackssache.

    Der Unterschied ist gemacht bei der persönlichen Verunglimpfung. Deswegen gibt es bei uns kein Deutschtum, Geist des.. Die Grenze ist das Gefühl eines konkreten andern, im Grunde die gesetzliche Pflicht zu Wahrung des Anstands gegenüber einem Einzelnen oder einer bestimmten Gruppe.

    Gegen Unanständigkeit ist eben kein Kraut gewachsen und da kann auch das Gesetz nur bedingt Einhalt gebieten.

    Da ist Persönlichkeit gefragt. Z. B. der Kopf gegen die Brust eines Gegenspielers oder die Faust ins Gesicht dessen, der die eigene Mutter als Hure bezeichnet. In beiden Fällen ist die Konsequenz mit eingerechnet.

    Das muss man vemehrt nur in Deutschland diskutieren. In einem Land, in dem viele sich nicht mehr bewusst sind, was sie an Möglichkeiten haben und die Lücken der Anständigkeit gegenüber Gefühlen anderer zum Geld verdienen genutzt werden. Oft ö/r finanziert.

    • TDU
    • 13.07.2010 um 15:04 Uhr

    Dann wird sich vermutlich in ein paar Jahren auch hierzulande keiner mehr über den Abbau der staatlichen Kunstförderung aufregen. Da brauchen die Kunstfeinde in den hiesigen Kirchen nur abzuwarten.

  2. Manchmal hat man bei unseren Medien den Eindruck, als ob ein Staat desto demokratischer ist, je mehr er Verachtung gegenüber religiösen Gemeinschaften ("Kunst") toleriert.

    Ich sehe das anders. Es muss nicht nur die Kunstfreiheit geschützt werden (und das ist wichtig!), es muss auch nicht nur der öffentliche Friede geschützt werden, sondern auch die Würde des Einzelnen. Wenn in Marburg gekreuzigte Schweine auf Plakaten herumgetragen werden, außerdem Transparente mit Aufschriften wie "Wir sind hier, um eure religiösen Gefühle zu verletzen", geht es für meine Begriffe nicht mehr um einen Ausdruck von Meinungs- oder gar Kunstfreiheit.

    Es ist nichts anderes als ein Angriff auf die Würde des Menschen. Und das gilt für beide Seiten. Auch wenn der beschriebene Fall in Russland nicht so eindeutig ist - in einem Land, das sich Toleranz auf die Fahnen schreibt, gehört die Achtung religiöser Gefühle dazu!

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    • CM
    • 13.07.2010 um 16:22 Uhr

    Mal ein Beispiel: in Deutschland werden Scherze über religiöse Gemeinschaften im allgemeinen geduldet. Denken Sie dabei ruhig auch an die teils sehr rustikalen Witze über das Thema 'Priester und Kinder'. Auch in England hat die Komikertruppe Monty Python manch harten Scherz über religiöse Themen gemacht. Kein Problem. Heikel wird es bei Mohammed-Karikaturen, und das liegt gewiß nicht an einer anderen Gesetzeslage oder besonders schlimmen Karikaturen, sondern an religiösen Eiferern (liegt es nicht immer an solchen Typen?)...

    Selbst in 'God's own country' ist die Verächtlichmachung von Religion durchaus möglich ohne eingelocht zu werden. Der legendäre George Carlin postulierte kompromissloser als jeder zahme deutsche 'Comedian': "Religion is Bullshit":

    http://www.youtube.com/wa...

    Also, wo zieht man die Grenze? Ist es für einen Buddhisten unerträglich, daß Buddhafiguren als Wohnzimmerdekoration bei IKEA verkauft werden?

    "Harte Scherze" sind auch nicht das Problem. Die Frage ist, ob Meinungsfreiheit und Satire Grenzen haben. Und das haben sie meiner Meinung nach ganz eindeutig. Ich finde, dass Grenzen zum Beispiel da überschritten werden, wenn es nicht mehr darum geht, eine Sache zu kritisieren oder zu parodieren, sondern einzig und allein darum, eine Gruppe aufgrund ihrer Hautfarbe, religiöser Überzeugungen oder Geschlechtes zu beleidigen.

    "Wir sind hier, um eure religiösen Gefühle zu verletzen", finde ich da recht eindeutig.

    Wenn man jemandem im Straßenverkehr den Mittelfinger zeigt, ist das eben (zurecht!) auch eine Straftat.

    Trotzdem ist nicht alles so eindeutig. Vielleicht sind das sogar eher Fragen der Ethik und nicht der Rechtsprechung.

    Übrigens ist es einem Buddhisten völlig egal, ob Buddhafiguren verkauft werden. Buddha ist kein Gott, sondern der "Erwachte" - ein ganz normaler Mensch eben, der eine Methodik zum "Erwachen" vorgelebt hat. Das kann man nicht mit Mohammed vergleichen.

    Wahrscheinlich mag diese Angelegenheit so seltsam schmecken, weil es neu ist, dass in Deutschland plötzlich Christen geschützt werden müssen. Wenn ähnliche Demonstrationen gegen andere Gruppen durchgeführt worden wären - Ausländer, Muslime, Homosexuelle - würden wir dann ernsthaft darüber diskutieren?

    • CM
    • 13.07.2010 um 16:22 Uhr

    Mal ein Beispiel: in Deutschland werden Scherze über religiöse Gemeinschaften im allgemeinen geduldet. Denken Sie dabei ruhig auch an die teils sehr rustikalen Witze über das Thema 'Priester und Kinder'. Auch in England hat die Komikertruppe Monty Python manch harten Scherz über religiöse Themen gemacht. Kein Problem. Heikel wird es bei Mohammed-Karikaturen, und das liegt gewiß nicht an einer anderen Gesetzeslage oder besonders schlimmen Karikaturen, sondern an religiösen Eiferern (liegt es nicht immer an solchen Typen?)...

    Selbst in 'God's own country' ist die Verächtlichmachung von Religion durchaus möglich ohne eingelocht zu werden. Der legendäre George Carlin postulierte kompromissloser als jeder zahme deutsche 'Comedian': "Religion is Bullshit":

    http://www.youtube.com/wa...

    Also, wo zieht man die Grenze? Ist es für einen Buddhisten unerträglich, daß Buddhafiguren als Wohnzimmerdekoration bei IKEA verkauft werden?

    "Harte Scherze" sind auch nicht das Problem. Die Frage ist, ob Meinungsfreiheit und Satire Grenzen haben. Und das haben sie meiner Meinung nach ganz eindeutig. Ich finde, dass Grenzen zum Beispiel da überschritten werden, wenn es nicht mehr darum geht, eine Sache zu kritisieren oder zu parodieren, sondern einzig und allein darum, eine Gruppe aufgrund ihrer Hautfarbe, religiöser Überzeugungen oder Geschlechtes zu beleidigen.

    "Wir sind hier, um eure religiösen Gefühle zu verletzen", finde ich da recht eindeutig.

    Wenn man jemandem im Straßenverkehr den Mittelfinger zeigt, ist das eben (zurecht!) auch eine Straftat.

    Trotzdem ist nicht alles so eindeutig. Vielleicht sind das sogar eher Fragen der Ethik und nicht der Rechtsprechung.

    Übrigens ist es einem Buddhisten völlig egal, ob Buddhafiguren verkauft werden. Buddha ist kein Gott, sondern der "Erwachte" - ein ganz normaler Mensch eben, der eine Methodik zum "Erwachen" vorgelebt hat. Das kann man nicht mit Mohammed vergleichen.

    Wahrscheinlich mag diese Angelegenheit so seltsam schmecken, weil es neu ist, dass in Deutschland plötzlich Christen geschützt werden müssen. Wenn ähnliche Demonstrationen gegen andere Gruppen durchgeführt worden wären - Ausländer, Muslime, Homosexuelle - würden wir dann ernsthaft darüber diskutieren?

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