Castingshow "Work of Art" Das Fernsehen rächt sich an der Kunst
Expressionisten, Zwangsneurotiker und untalentierte Zicken: Eine amerikanische Casting-Show hat den "nächsten großen Künstler" gesucht – und natürlich nicht gefunden.
"Seid dreist, seid verblüffend, seid glanzvoll!" So feuerte der New Yorker Kunsthändler Simon de Pury seine Schützlinge täglich an. Im Rahmen der Reality-TV-Show Work of Art betreute er Nachwuchskünstler, die zwei Monate lang in einem Gemeinschaftsatelier in Manhattan arbeiteten. Jede Woche wurden die dort entstandenen Werke der Kritik unterzogen und deren Produzenten nach Castingshow-Manier rausgeworfen oder eine Runde weiter geschickt. Übrig blieb nach dem Finale vergangenen Mittwoch nur der 23-jährige Maler Abdi Farah, dem es gelang, die Herzen der Kritik mit einer Skulptur zweier am Boden liegender Männer in Nike-Turnschuhen zu erobern.
Die Schauspielerin Sarah Jessica Parker und der Reality-TV-Sender Bravo haben das Spektakel produziert, um herauszufinden, wer The Next Great Artist wird. So wenigstens lautet der Untertitel der Sendung. Wie in den verwandten Model- und Popstar-Casting-Shows wurde dieses ambitionierte Ziel meilenweit verfehlt. Dennoch war das Ganze nicht uncharmant und würde auch eine Bereicherung der deutschen Fernseh- und Kunstlandschaft darstellen. Denn das Zusammentreffen von Kunst und Reality-TV hat einen Effekt, der auf unterhaltende Weise entlarvend ist.
Zunächst betrifft dies die Art, wie die Kunstkritik in dem für sie ungewohnten Medium Fernsehen agiert. Mit dramatischer Musik waren die vor prätentiöser Schwurbelei nur so strotzenden Statements der beteiligten Kritiker unterlegt, als ob es sich um unumstößliche Urteile handele. Dass die vernichtende Punchline "Your work of art didn’t work for us" jeweils aus dem Mund der Schauspielerin China Chow kam, wirkte wie eine realistische Persiflage der New Yorker Galeristen-Szene. Außer der Sammlung ihrer Eltern und einer mehrmals täglich wechselnden Luxus-Garderobe verfügt das ehemalige It-Girl nämlich über keinerlei Expertise.
Natürlich stellte das jede Art von Stereotypen verstärkende Format Reality-TV auch die Kandidaten von Work of Art bloß. Unbestrittener Star in dieser Hinsicht war Miles Mendenhall aus Minnesota. Der bekennende Zwangsneurotiker gab fast in jeder Situation den leidenden, introvertierten Künstler. Wenn er nicht gerade mit Säuren und Todessehnsucht experimentierte, rollte er sich in die Fötus-Stellung ein, um an einem beliebigen Ort zu schlafen. Bereits mit seiner ersten Performance, einem von Warhol inspirierten Schlaf als Kunstwerk, machte er seinen Favoritenanspruch klar. Totenbilder, Spermaspritzer auf der Leinwand und Schimmelstudien taten ein Übriges. Naturgemäß wurde der Impresario dann auch in eine forcierte Romanze im Stil Big Brothers verwickelt.
Andere Teilnehmer entsprachen eher dem Aufgebot klassischer Reality-TV-Sendungen: Jaclyn Santos übernahm das Klischee der untalentierten Zicke, die sich mit viel Körpereinsatz durch die Runden mogelt. Der Autodidakt Erik Johnson bediente dagegen die Sehnsucht nach dem eben so ungehobelten wie unverdorbenen Naturtalent. Im Verlauf der Sendung zerfleischten sich die adrette Fotorealistin und der unrasierte Expressionist gegenseitig, bis beide gehen mussten. Das erinnerte zumindest den deutschen Zuschauer an das Kandidatengenörgel in manchen DSDS-Staffeln und weniger an Hochkultur.
Die wöchentlich wechselnden Aufgaben rangierten dagegen irgendwo zwischen einem Malkurs an der Volkshochschule und der Orientierungsphase in Kunstakademien. So galt es etwa, sich klassisch von einem Ausflug ins Grüne inspirieren zu lassen oder ganz modern eine schockierende Arbeit zu schaffen, was ausgerechnet unter der Ägide des Urin- und Blut-Fotografen Andres Serrano geschah. Höhepunkt des pseudo-künstlerischen Unsinns war die Einweisung der Kandidaten in eine Art Kindergarten, wo diese dazu aufgefordert wurden, sich unter Zuhilfenahme von Bastelutensilien in ihre Kindheit zurückzuversetzen.
- Datum 20.08.2010 - 13:40 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Am beste wir schaffen die Kunstakademien und Designhochschulen einfach ab und überlassen alles dem Fernsehen, besser noch, wir schaffen den Kunstunterricht ab und sprengen die Bildungspyramide gleich in die Luft. Die einschägigen Castingshows werden es schon richten, denn da werden von hoch qualifizierten Juroren die Talente herausgepickt, die dann im Superkosmos der Unterhaltungsindustrie die Supertalente sind, die dann das nach stetig Neuem gierende Pantoffelkinovolk in den Zustand allergrößter Verzückung geraten lassen. Bohlen hat uns ja gezeigt, wie man die "Besten" herausfiltert, die dann nach einer weile durch die Nächstbesten ersetzt werden können, solange der Hype anhält und sich die Menschen ohne Not verblöden und an der Nase herumführen lassen.
Besser wäre es allerdings, wenn wir unsere Politiker in Castingshows ermitteln, denn dann würden noch größere Selbstdarstellungsgenies als Guido W., Karl Theodor zu G. oder Gregor G. unsere Politik nicht nur bereichern, sondern endlich zu dem Zirkus machen, den dann alle SUPER finden. Gesetze werden über TED erlassen und die Kanzlerkandidaten müssten im dschungelcampartigen Politfitnessstudios ihre Qualifikation zum Besten geben.
Allerdings taucht in der zeitgenösischen Kunst ohnehin der Verdacht auf, dass ein Geheimbund aus Galeristen, Kritikern, Sammlern und Hochschulprofessoren das Casting schon lange übernommen haben, könnte man sich sonst Meese, Hirst, Koons oder Bisky ernsthaft im Kunstolymp vorstellen?
W. Neisser
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