In London eröffnet die Tate Gallery ihre Ausstellung zu den ihrer Meinung nach vier wichtigsten britischen Künstlern unter 50 Jahren, und wieder wird gemeckert: Der Turner-Preis sei verlogen – von wegen Großbritanniens wichtigste junge Kunst – die Künstler lahm, der Direktor des Tate-Museums, Nicholas Serota, der Teufel in Person. Die Künstlerinnen Angela de la Cruz und Susan Philipsz würden ihrer Nominierung gerade noch gerecht, stellte der Starrezensent der renommierten Tageszeitung The Guardian, Jonathan Jones, auf seinem Blog fest. The Otolith Group und Dexter Dalwood dagegen seien ja wohl ein Witz. Der Kritiker hat die diesjährige Nominiertenliste für den Turner-Preis jammernd wie ein halbgares Gericht verdaut.

Zwar weint man nicht mehr jenen wilden Zeiten hinterher, in denen noch junge britische Künstler wie Damien Hirst und Tracey Emin unter den Nominierten waren und Tiere in Formaldehyd und intimste Privatsphären ausstellten. Doch die Briten wünschen sich wieder mal zumindest einen kleinen Skandal. Den hätten sie in diesem Jahr sogar fast bekommen, als plötzlich gemunkelt wurde, dass Banksy, der begehrte Popstar der Streetart, unter den Nominierten sei.

Doch nun wurde der Maler Dexter Dalwood nominiert. Der mit 50 Jahren gerade noch nominierbare Dalwood zitiert und re-inszeniert wichtige, historische Momente, wobei sich die Praxis des Zitats auch durch seine Technik zieht: In einem Bild, Herman Melville, scheint einen plötzlich Georges Braques kubistische Frau mit Mandoline anzuschauen. In White Flag ziert eine Jasper-Johns-hafte Amerika-Flagge eine Wand und kontrastiert vergleichsweise platt mit einem irgendwie arabisch anmutendem Arrangement aus Wasserpfeife, Latschen, Teppich und Oliven. Der USA-Konflikt als Pop-Art-Tableau.

Neben Dalwoods eigenartiger Bildsprache wirkt der Übergang in den Raum des Künstlerdruos The Otolith Group wie ein Sprung aus dem Kunst-Leistungskurs in ein Rigorosum: Auf vielen, vielen Fernsehern geht es, passend zur ökonomischen Situation des Landes, um die Auseinandersetzung moderner Griechen mit ihrer Geschichte. An sich ein sehr spannendes Thema, auch verwenden die Künstler Kodwo Eshun und Anjalika Sagar interessantes Archivmaterial. Doch der sehr konzeptuelle Beitrag gleicht einem Langzeittest in einem Medienlabor. Und da das Ganze auf unzähligen, aufgereihten Monitoren läuft, vor die man sich bitte alle setzen soll, schreckt es ein wenig ab.

Draußen vor der Tate verhöhnt ein Kritiker derweil das Werk von Angela de la Cruz, einer der Favoritinnen für den diesjährigen Turner-Preis. Er ist Stuckist, also ein Anhänger jener Kunstbewegung, die sich vor einem Jahrzehnt just aus Ablehnung der Young British Art gegründet haben. Sein Kopf steckt in einer Leinwand, auf die er geschrieben hatte "Art?" Vor 50 Jahren wäre diese Frage noch verständlich gewesen. Damals wirkten Angriffe von Künstlern wie Lucio Fontana auf die Leinwand wie ein weiterer, unmoralischer Akt gegen die klassische Malerei. Der Spanierin De la Cruz dagegen gelingt es heute, das Konstrukt Rahmen-Leinwand auf neue, fast spielerische Art und Weise zu entdecken. Mit ein paar präzise geführten Hammerschlägen, mit Schnitten und Bohrungen macht sie aus Bildern Skulpturen. Seit die Künstlerin 2005 einen schweren Schlaganfall erlitt, sind es ihre Assistenten, die die exakten Anweisungen ausführen. Für die Arbeit Super Clutter XXL hat sie eine Leinwand pink lackiert und dann zu Falten gerafft, so dass sie einem Escada-Mantel gleicht, der über dem zerstückelten Rahmen hängt wie über einer futuristischen Kleiderpuppe. Auf dem Boden liegen große, schwarz lackierte Bilder und erinnern an Plastikplanen, unter denen Opfer grausamer Verbrechen liegen. Andere Arbeiten haben fast Slapstick-Züge: ein quietschgelbes Bild, rahmenlos und schlaff, wirkt, als habe es seinen Job als klassisches Gemälde entnervt an den Nagel gehängt. Indem De la Cruz den Rahmen verfremdet, betont sie, wie sehr sich diese Präsentationsform von Kunst in unseren Köpfen festgesetzt hat.

Der letzte Raum ist gleichzeitig auch der leerste und wären die Klänge, die aus den drei Boxen am Boden kämen, nicht derart einnehmend, würde ein Großteil der Besucher der nominierten Schottin Susan Philipsz wohl kaum Beachtung schenken. Die Sound-Künstlerin singt mit sanfter Stimme ein altes, schottisches Lamento, die Liebesgeschichte eines ertrinkenden Seefahrers, der ein letztes Mal zurückkommt, um seiner Geliebten für immer Lebewohl zu sagen. Philipsz' Arbeit war zuvor in Glasgow atmosphärisch passend unter einer alten Brücke installiert worden, doch auch im White Cube der Tate baut sich eine fast sakrale Stimmung auf. Für Philipsz ist Musik wie eine Skulptur und was sie damit meint, erfährt man beim Schreiten durch den Raum: Plötzlich trennt und zerlegt sich die Melodie in drei, leicht unterschiedlich eingesungene Versionen des Stückes und schafft ein Hörerlebnis, wie wir es viel zu selten erleben.

In diesem Jahr sind drei Frauen für den Preis nominiert. Das ist erfreulich, denn in den vergangenen siebzehn Jahren gab es gerade einmal drei Gewinnerinnen, zuletzt war es 2006 die deutsche Malerin Tomma Abts. Auch erwähnenswert ist, dass sich die Tate den Preis in diesem Jahr nicht sponsern lässt, sondern die 25.000 Pfund (knapp 29.000 Euro) für den ersten Preis selbst aufbringt. Möglicherweise bereiteten der Tate die Sponsoren zu heftige Kopfschmerzen. Das Haus war in den vergangenen Monaten heftig kritisiert worden, weil es mit Unternehmen wie dem Ölkonzern BP oder Krisenbanken wie Merryll Lynch zusammenarbeitete.

Am Schluss der Ausstellung wartet auf den Besucher noch eine kleine Spielerei in Zeiten, in denen alle ihren Superstar suchen: Jeder Besucher darf einen von vier Ansteckern mitnehmen und damit seinen persönlichen Favoriten für den Turner-Preis bis zur Verkündung des Siegers im Dezember demonstrativ an sich tragen.