Ausstellung David LynchBildgewordene Finsternis

Der Regisseur David Lynch bleibt auch als Maler seinem düsteren Stil treu. Eine Ausstellung in Goslar zeigt sein Werk als eine Mischung aus Realismus und Albtraum, Schrecken und Alltäglichkeit. von 

Düstere, surreale Szenarien beherrschen auch das künstlerische Werk David Lynchs

Düstere, surreale Szenarien beherrschen auch das künstlerische Werk David Lynchs  |  © David Lynch; Courtesy David Lynch

Das kleinstädtische Vorstadtidyll könnte einem seiner Filme entspringen. Wer durch die engen Gassen des schneebedeckten Goslar stapft, müsste eigentlich auf der Hut sein. Nach der Logik von David Lynch müsste hinter jedem der einladend wirkenden Mehrfamilienhäuser der blanke Schrecken lauern. Und tatsächlich: Hinter den Türen eines historischen Fachwerkhauses eröffnen sich dem unvorbereiteten Besucher die albtraumhaften Weiten des Unterbewussten.

Das Museum Mönchehaus widmet Lynch, der in diesem Jahr Kaiserringpreisträger der Stadt ist, eine ausführliche Werkschau. Lynch ist hierzulande beinahe ausschließlich für seine verstörend-albtraumhaften Filme wie Lost Highway oder Mullholland Drive bekannt. Nur wenige wissen, dass er ursprünglich Kunst studierte und sich dem Bewegtbild über das Standbild annäherte. Zum zweiten Mal überhaupt widmet sich jetzt eine deutsche Ausstellung auch dem bildnerischen Werk des amerikanischen Künstlers.

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Schon der erste Blick auf die dicht behangenen Wände zeigt, dass Lynch mit seiner Kunst an seine albtraumhaften Filmwelten anknüpft. Seine Gemälde und Zeichnungen sind roh, archaisch, beängstigend. Grob gezeichnete Figuren in grau-schwarzen Farbtönen mit verzerrten Gesichtern sind zu sehen, übergroße Insekten, verstümmelte Körperteile. Lynch sagt selbst über seine Bilder: "Sie sind auf eine gute Art schlecht. Ich liebe schlechte Gemälde. Gemälde müssen wunderschön und gleichzeitig schlecht sein. So wie Frauen auch."

Wie in seinen Filmen überschreitet David Lynch auch als bildender Künstler Grenzen. Ob Fotografie, Zeichnung oder Ölgemälde, immer rückt das Medium in den Hintergrund und lässt das archaische Motiv dahinter hervorbrechen. Seine düstere Melange aus Realismus und Albtraum, Schrecken und Alltäglichkeit macht Lynch zu einem modernen Surrealisten. Wie er in seinen späten Filmen mehrere Realitäts- und Wahrnehmungsebenen überlagert, so schichtet er auch in seinen Kunstwerken Bedeutungs- und Bewegungsmomente übereinander.

Ein Beispiel sind seine großformatigen Aktfotografien. Die Motive für seine meist digital nachbearbeiteten Fotografien findet er in Industriegebieten oder im menschlichen Körper. Durch Bearbeitung, Vergrößerung und Vermengung verwandelt Lynch verlassene Fabrikgebäude oder Detailaufnahmen weiblicher Körper zu komplexen Seelenlandschaften. Nicht nur der Körper selbst wird dabei dekonstruiert, er wird durch seine ästhetische Neuinszenierung auch seinem bekannten Kontext entrückt. Das Bekannte wird zum Fremden. Es fasziniert und stößt ab.

Das Mönchehaus ist genau der richtige Ort für die Entdeckungsreise in den bildgewaltigen Lynch-Kosmos. Beim Gang durch die Ausstellung knarzt der Dielenboden. Wie in die Tiefen des Unterbewusstseins steigt man mit jedem Stockwerk auch in eine tiefere geistige Ebene hinab. Im Holz des im 16. Jahrhundert erbauten Fachwerkhauses ist mindestens ebenso viel an Geschichte und Erinnerung gespeichert wie in den uralten bayerischen Steinen, mit denen Lynch seine Farblithographien bearbeitet hat. Die Bilder werden in große Steinplatten eingekratzt und anschließend gedruckt. Danach werden die Steinplatten wieder abgeschliffen. Dennoch finden sich oftmals Spuren vorangegangener Bearbeitung im gedruckten Werk wieder. "Phantome" nennen sich diese Spuren. Die Allgegenwärtigkeit des Vergangenen ist ein Grundmotiv, das sich durch alle filmischen und bildnerischen Werke Lynchs zieht.

Doch Lynchs Werk hat immer auch einen grotesken, einen ironischen Charakter. Auch den findet man in einigen seiner Bilder wieder. Eine schwarz grundierte Leinwand auf der sich ein Strichmännchen mit überlangen Beinen und wunderndem Gesichtsausdruck findet, ist betitelt mit Billy Finds A Book Of Riddles In His Own Backyard – (Billy findet eine Rätselbuch in seinem eigenen Garten). Statt eines Buchs sieht man auf dem Bild lediglich ein paar verlaufende Farbtupfer. Gerade dieses absurde Bild steht exemplarisch für Lynchs Werk: eine Aneinanderreihung von Rätseln, die das Unheimliche im Alltäglichen symbolisieren.

Leserkommentare
  1. Julian Schnabel meets David Hockney meets Francesco Clemente und noch ein bisschen Cy Twombly und Anselm Kiefer - das sind die Arbeiten von David Lynch.
    Dreissig Jahre zu spät! Solche Arbeiten gab's schon in den Achtziger Jahren in New York zu sehen. Werner Spies war damals in Paris. David Lynch in Los Angeles. Eine gute Fernsehserie und ein, zwei (!) sehr gute Filme, ein paar (!) Ausstellungen machen noch keinen guten Maler; geschweige denn einen Kaiserringpreisträger.
    Kaiserringpreisträger waren mit Recht u.a.: Henry Moore, Max Ernst, Alexander Calder, Joseph Beuys, Richard Serra, Max Bill, Willem de Kooning, Eduardo Chillida, Georg Baselitz, Christo, Gerhard Richter, Mario Merz, Anselm Kiefer, Bernd und Hilla Becher, Cy Twombly, Franz Gertsch, Sigmar Polke.

  2. 2. David

    ich war in der austellung in brühl von ihm und ich muss meinem vorkommentator recht geben. die filme sind gut, aber das was er gemalt bzw. in objekten umgesetzt hat ist nicht neu, nicht wirklich orginell und nicht gut umgesetzt.
    sie sollten lieber nochmal über matthew barney schreiben den kann zwar niemand verstehen ;-), aber er ist wirklich gut.

    • ikonist
    • 09. Dezember 2010 0:03 Uhr

    eine gute stunde durch die fernsehkanäle zappen: welcher künstler kann den apokalyptischen hypersurrealismus dieser willkürlich unwillkürlichen montage überbieten?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Colomba
    • 10. Dezember 2010 12:54 Uhr

    @ ikonist :Wie kann man sich so etwas antun...
    @ alle : Mag ja sein, dass die Bilder (ich habe nur die Fotostrecke gesehen) nichts radikal Neues bringen, aber ich finde sie recht überzeugend. Ist das Unbewusste nicht auch ein zeitloses Thema ?

    • Colomba
    • 10. Dezember 2010 12:54 Uhr

    @ ikonist :Wie kann man sich so etwas antun...
    @ alle : Mag ja sein, dass die Bilder (ich habe nur die Fotostrecke gesehen) nichts radikal Neues bringen, aber ich finde sie recht überzeugend. Ist das Unbewusste nicht auch ein zeitloses Thema ?

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  • Schlagworte Ausstellung | David Lynch | Film | Fotografie
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