Als der fette schwarze Kater aufgestellt wurde, war Eriwan in Aufruhr. Die massige Bronzeskulptur von Fernando Botero werde Unglück bringen, jammerten die Alten. Vom Ruhm des kolumbianischen Bildhauers hatten sie nichts gehört. In der Vergangenheit gab es nicht viel zeitgenössische Kunst zu sehen in der isolierten Kaukasusrepublik. Heute ist das grotesk-naive Tier in vielen armenischen Familienalben zu sehen. Wer sich neben ihm fotografieren möchte, muss Schlange stehen im Skulpturengarten am Fuß der Kaskade, dem beliebtesten Aussichtspunkt der Stadt.

Die Kaskade von Eriwan ist ein gewaltiger Treppenkomplex aus hellem Travertinstein, der sich mitten im Zentrum 572 Stufen weit einen Berghang emporstreckt. Den Entwurf zu dem megalomanischen Bauwerk stammt aus den dreißiger Jahren, in den Siebzigern ließ Moskau das Monstrum schließlich bauen, als Denkmal der 50-jährigen Sowjetisierung Armeniens. Es wurde nie ganz fertig, die Sowjetunion ging unter und zu Beginn des neuen Jahrtausends kam aus Amerika Gerard Cafesjian, Sohn armenischer Emigranten, Geschäftsmann und Kunstsammler. Er stellte Boteros Kater und ein paar andere Skulpturen auf und ließ im Inneren der Kaskade das erste große Museum für zeitgenössische Kunst im Kaukasus einrichten.

Das Cafesjian Center of the Arts sollte das Guggenheim Armeniens werden. Aufregende Kunst aus aller Welt an einem durch seine Architektur einzigartigen Ort. Ein Fenster zum Westen für das winzige Land, dessen staubige Galerien noch den Geist des sozialistischen Realismus atmen. Acht Jahre lang ließ Cafesjian die heruntergekommene Anlage renovieren, richtete auf vier Etagen Ausstellungsräume ein und heuerte als Museumschef und Kurator Michael De Marsche an, den Vorsitzenden des Colorado Springs Fine Arts Center.

Zur pompösen Eröffnung vor einem Jahr kamen 20.000 Besucher aus ganz Armenien. Cafesjian hatte aus seiner Sammlung einige Bilder von Arshile Gorky einfliegen lassen, dem zu Unrecht unterschätzten letzten Surrealisten und Vater des abstract expressionism, der einst vor dem armenischen Völkermord von 1915 nach Amerika geflohen war. Es war das erste Mal, dass der vertriebene Maler in seinem Vaterland ausgestellt wurde. Für einen Moment war das verschlafene Eriwan fast auf Augenhöhe mit London, wo die Tate Gallery zeitgleich eine große Gorky-Retrospektive zeigte.

Heute, ein Jahr später, kann sich die Studentin Anna Lewonjan, die auf der Außentreppe der Kaskade mit einer Freundin plaudert, noch gut an die Eröffnung erinnern. "Wir waren alle sehr gespannt", sagt sie. "Dieses Museum sollte etwas ganz Besonderes sein und wir haben gehofft, dass es immer so weitergeht mit interessanten, frischen Ausstellungen."

Aber nachdem Gorkys Bilder weggeräumt worden seien, sei nicht mehr viel passiert. In den leeren Sälen stehen zurzeit ein paar geometrische Glasskulpturen der Tschechen Stanislaw Libenský und Jaroslawa Brychtowá, die niemanden zu interessieren scheinen. "Schauen Sie, die Leute sind zwar draußen auf den Stufen, aber niemand geht hinein."