Migrationsausstellungen Bilder vom Ankommen und Fremdsein

50 Jahre nachdem die Deutschen ihre Nachbarn ins Land gebeten haben, boomen Migrationsausstellungen: Wie die Globalisierung unsere Museumslandschaft verändert.

Gastarbeiter aus Italien tauschen am 15.12.1962 auf der Post in Wolfsburg Geld

Gastarbeiter aus Italien tauschen am 15.12.1962 auf der Post in Wolfsburg Geld

In der deutschen Museumslandschaft findet ein regelrechter Migrationsboom statt. Stadtmuseen erfinden sich als Stadtlabore neu, wie das Historische Museum in Frankfurt am Main. Museologen mit Migrationshintergrund schreiben Ausstellungskonzepte und verweben die Stadtgeschichten a priori mit dem Goldrand der Migration, wie im derzeit entstehenden Stadtmuseum Stuttgart, das einen eigenen Sammlungsbereich und Schwerpunkt zur Migrationsgeschichte plant. In Reutlingen, Heilbronn und Lüdenscheid werden bestehende Sammlungen einer Revision unterzogen unter der Maßgabe, ob mit geschärftem Blick für die Migration nicht das eine oder andere Objekt der Stadtgeschichte verfängt.

Und die zweisprachige Wanderausstellung Erinnerungen an eine neue Heimat, die noch bis 6. Februar im Berliner Kreuzberg-Museum zu sehen ist, soll demnächst in Schwerte, Köln und München Station machen.

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Oft mit heißer Nadel gestrickte Sonderausstellungen versuchen, in Sachen "Wissen der Migration" eilig die Bildungslücken zu schließen. Im Herbst dieses Jahres folgt dem "Griechenjubiläum" und dem "Spanierjubiläum" von 2010 (50 Jahre Anwerbevereinbarungen mit Griechenland und Spanien) das "Türkenjubiläum". Das klingt banal, zeigt aber eine veränderte Erinnerungskultur an: Die transnationale Gastarbeiterära wird zur nationalen Erinnerung und Migration zum Thema öffentlicher Repräsentation. Das bezeugt eine nachholende Anerkennung von Geschichte und Gegenwart der Migration. Und da Identitätskonstruktionen wie der Stuttgarter Grieche oder der Kreuzberger Türke sich über den Stadtraum definieren, bleibt den Stadtmuseen mit ihren Beständen aus dem 19. Jahrhundert gar nichts anderes übrig, als die Migration in ihre Häuser hineinzukomplimentieren. Denn sie wollen ja Spiegel ihrer Stadtgesellschaften sein.

Die Forderung von Seiten der Migranten, ihre Geschichte mit der Bundesrepublik Deutschland auch in Form eines eigenen Erinnerungsorts gewürdigt zu sehen, ist nicht neu. Die Rolle des tragischen Helden kommt dabei dem Migrationsarchiv Domid zu, ursprünglich eine Migrantenselbstorganisation, die sich 1990 gründete – also vor über zwanzig Jahren. Es hat sich der Pflege des materiellen Gedächtnisses der Migration verschrieben. In eigener Regie begann man, Bilder, Fotos und Artefakte aus der Pionierzeit der ersten Gastarbeiter zusammenzutragen und Geschichte zu "schreiben", zum Beispiel mithilfe biografischer Interviews.

Wer Migrationsgeschichte ausstellen möchte, betreibt Archäologie der Gegenwart. Er arbeitet mit Bildern von Frauen in geblümten Arbeitskitteln, oder von Wohnungsinterieurs mit psychedelischen Tapetenmustern. So etwas gibt es auch in der Mehrheitsgesellschaft, aber die Bilder sind anderes codiert. Viele Jahre war die Selbstorganisation Domid mit ihrem Wissen über die Migration und den Doppelblick einer "Geteilten Erinnerung" von Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft ihrer Zeit voraus. Die schon 1998 gemeinsam mit dem Ruhrlandmuseum in Essen präsentierte Ausstellung zur türkischen Arbeitsmigration stach damals konkurrenzlos aus der kulturpolitischen Landschaft der Bundesrepublik hervor.

Im Jahr 2002 veranlasste die Kulturstiftung des Bundes das Projekt Migration, ein Forschungs- und Ausstellungsunternehmen, bei dem bis 2006 in transdisziplinärer Zusammenarbeit verschiedene Konturen von "Migration" skizziert werden sollten. Die Weichenstellungen der GastarbeiterPolitik der fünfziger bis siebziger Jahre wurden in den Blick genommen, ebenso das Migrationsmanagement und die "turbulenten Ränder Europas" von heute.

Die Ausgrabungen im alltagskulturellen Feld zwischen Wohnheim und Asylbewerberheimen könnten den Grundstock eines deutschen Migrationsmuseums bilden. Wenn das nicht ein Widerspruch in sich wäre: Kann man einen nationalen Erinnerungsort für transnationale Wanderungsbewegungen schaffen?

Leser-Kommentare
    • th
    • 10.01.2011 um 19:24 Uhr

    bei der Darstellung unserer Geschichte nicht ausgeblendet wird.

    Schade, wenn es benutzt wird, um mit erhobenem Zeigefinger die sesshaften Einheimischen zu belehren.

    Zitat:
    "Lieber stürzen sich ambitionierte Vertreter des Musealiserens auf die Migration, eben weil sie das herkömmliche Museum als Ort der nationalen Selbstvergewisserung ad absurdum führt."
    "Nicht, dass es nicht noch relativ stabile Gemeinschaften gäbe. Aber das Leben in der Diaspora ist heute keine Ausnahme mehr, es wird die Regel."

    Einwanderung gehört zu unserer Gesellschaft, aber sie würde vielleicht besser akzeptiert, wenn die Vertreter der Sache der Migranten, diese Sache nicht dazu benutzen würden, ihre eigenen Träume vom Verschwinden der Nationen zu propagieren.

    Im Gegenteil:
    eine Nation kann, wie die USA, fast 100%ig aus Einwanderern und deren Nachkommen bestehen, ihre ganze geschichte aus der Einwanderung herleiten, und doch eine ganz ausgeprägte nationale Identität entwickeln, mit einen selbstverständlichen naiven Patriotismus.

    Wie schön wäre es, wenn man berichten könnte, wie gastfreundlich die deutsche Nation fremde Einwanderer aufgenommen hat!

    Und noch etwas:
    Bei uns gerät man sich ja so gerne über alles mögliche in die Haare. In Berlin z.B. über ein Museum, welches eine der größten (Zwangs-)Migrationen der europäischen Geschichte zeigen soll. Wie hat man so leidenschaftlich bestritten, dass dieser Teil der Migrationsbewegungen sein zentrales Museum in der Hauptstadt bekommen soll!

    • UrsT.
    • 11.01.2011 um 10:18 Uhr

    50 Jahre, nachdem die Nachbarn die Deutschen gebeten haben, ihre Arbeit suchende Bevölkerung zum Ausgleich der Handelsbilanzen ins Land schicken zu dürfen...

    Schlag nach bei Wikipedia "Anwerbeabkommen"(oder befragen Sie Zeitzeugen)

    [...]Im Herbst 1953 warb die italienische Regierung erstmals in der Bundesrepublik Deutschland für die Aufnahme italienischer Gastarbeiter. Auf diesem Weg sollte das Handelsbilanzdefizit Italiens gegenüber der Bundesrepublik Deutschland durch Überschüsse in der Übertragungsbilanz kompensiert werden, um die Leistungsbilanz Italiens der Bundesrepublik Deutschland gegenüber auszugleichen. Zunächst reagierte die Bundesregierung zurückhaltend auf das Angebot.[...]

    [...]Im Herbst 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik ein Abkommen zur zeitlich begrenzten Anwerbung von Arbeitskräften ab. Die Initiative zum Abschluss dieses Abkommens ging hierbei von der Türkei aus. Durch die Geldüberweisungen der Gastarbeiter in die Türkei sollte das Handelsbilanzdefizit der Türkei im Handel mit Deutschland durch Überschüsse in der Übertragungsbilanz kompensiert werden, um die türkische Leistungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland gegenüber auszugleichen. Die türkische Regierung nahm hierbei Bezug auf einen ähnliches 1955 zwischen Deutschland und Italien geschloßenes Anwerbeabkommen (Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien), welchem die gleiche Motivation zugrund lag.[...]

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