Der Maler Norbert Bisky © Michaela Kühn, Berlin (Porträt Norbert Bisky)

Frage: Herr Bisky, lassen Sie uns gleich zu Beginn die Klischees abhaken, die immer wieder über Sie zu lesen sind: "Norbert Biskys Bilder werden vor allem und ausschließlich von unserem Außenminister Guido Westerwelle gesammelt." Was umso delikater klingt, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet Westerwelle die Werke eines Künstlers schätzt, der der Sohn des PDS-Politikers Lothar Bisky ist. Die Medien und der Boulevard lieben solche Pointen. Vermutlich auch deshalb, weil es ihnen zu langweilig erscheint, sich einen Maler nur malend im Atelier vor der Staffelei vorzustellen. Ärgern Sie diese Klischees?

Norbert Bisky: Das sind Geschichten, die zehn Jahre alt sind. Keiner von den Leuten, die sich ernsthaft mit meinen Bildern beschäftigen, kommt noch darauf zurück. Westerwelle hat, als er noch nicht Außenminister war, auf einer Kunstmesse ein paar Bilder gekauft. Das ist absolut in Ordnung. Es gibt viele Leute, die große Kunstsammlungen und auch sehr viel mehr Bilder von mir haben. Sie stehen nicht im Mittelpunkt, weil sie keine Politiker sind und sich nicht nach vorne drängeln. Es ist in Ordnung, wenn Politiker Bilder kaufen. Es wird aber ein Problem, wenn sie anfangen, das für sich zu benutzen. Aber ich glaube, diese Phase ist beendet. Insofern ist alles in Ordnung.

Frage:Gestatten Sie uns einen Gang durch Ihr Atelier. Was steht gerade da? Woran arbeiten Sie?

Bisky: Im Moment stehen zwei sehr große Leinwände bei mir. Sie messen 5 mal 2,80 Meter. Es sind sehr dunkle Bilder, auf denen sich verschiedene Szenen gleichzeitig abspielen. Alle haben mit Zerstörung, Gewalt und Umweltkatastrophen zu tun. Sie sind Versatzstücke der Dinge, mit denen wir jeden Tag bombardiert werden. Ich habe einen großen Tisch auf Rollen, den kann ich in meinem Atelier hin und her schieben. Momentan arbeite ich gerade an einer Serie von Zeichnungen. Mit dem isländischen Schriftsteller Bjarni Bjarnson werde ich ein Kinderbuch machen, auf das ich mich sehr freue.

Frage: Gibt es bei Ihnen Zeiten ohne Bilder?

Bisky: Ja, klar, die gibt es auch. Das finde ich auch sehr wichtig, um mich selbst zu überprüfen. Wie wichtig ist das für mich selbst, was ich mache? Nach einer Pause merke ich allerdings, dass ich unruhig werde. Dann weiß ich, jetzt ist es wieder an der Zeit, ins Atelier zu gehen und weiterzuarbeiten.

Frage: Wir sind permanent umgeben von Bildern, in der Reklame, im Kino und im Fernsehen. Wir leben in einer regelrecht bilderwütigen Zeit. Woher nimmt man den Mut und auch die Kraft, seine eigenen Bilder dagegenzusetzen?

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Januar 2011

Bisky: Das ist eine Entscheidung: Ich bin jetzt frech genug und traue mich. Natürlich werden wir mit Bildern bombardiert. Aber das meiste davon sind Bilder zum Wegwerfen. Schon das Zeitungspapier wird nach 14 Tagen gelblich. Die digitalen Bilder sind eigentlich gar nicht vorhanden und werden auch nie ausgedruckt. Maler machen die Bilder, die auch ein bisschen länger bleiben. Wenn ich jetzt ein Ölbild male, hält es 300 bis 400 Jahre. Das ist so eine Qualität, an die müssen andere Bilder erst einmal herankommen. Das macht das Malen interessant. Es ist eine große Herausforderung, mit Zeiträumen anders umzugehen.

Frage:Sind Bilder stärker als Worte?

Bisky: Ich habe angefangen zu malen, weil ich ein tiefes Misstrauen Worten gegenüber entwickelt habe. Einschneidende Erlebnisse für mich waren der Zusammenbruch der DDR, die Maueröffnung und die Wiedervereinigung. Ich war 19 Jahre alt. Vieles von dem Wortmüll, der mich als Kind umgeben hat, war schließlich wertlos. Was hat mehr Substanz und Gültigkeit über einen längeren Zeitraum? Da war ich sehr schnell bei den Bildern.