Maler Norbert Bisky"Ich kam aus New York wieder und war immer noch der Ossi"

Er sei in einer "schwarz-weißen Umgebung" aufgewachsen, sagt der Maler Norbert Bisky. Im Interview spricht er über seine Jugend in der DDR und warum seine Bilder immer dunkler werden. von Sabine Küchler

Der Maler Norbert Bisky

Der Maler Norbert Bisky  |  © Michaela Kühn, Berlin (Porträt Norbert Bisky)

Frage: Herr Bisky, lassen Sie uns gleich zu Beginn die Klischees abhaken, die immer wieder über Sie zu lesen sind: "Norbert Biskys Bilder werden vor allem und ausschließlich von unserem Außenminister Guido Westerwelle gesammelt." Was umso delikater klingt, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet Westerwelle die Werke eines Künstlers schätzt, der der Sohn des PDS-Politikers Lothar Bisky ist. Die Medien und der Boulevard lieben solche Pointen. Vermutlich auch deshalb, weil es ihnen zu langweilig erscheint, sich einen Maler nur malend im Atelier vor der Staffelei vorzustellen. Ärgern Sie diese Klischees?

Norbert Bisky: Das sind Geschichten, die zehn Jahre alt sind. Keiner von den Leuten, die sich ernsthaft mit meinen Bildern beschäftigen, kommt noch darauf zurück. Westerwelle hat, als er noch nicht Außenminister war, auf einer Kunstmesse ein paar Bilder gekauft. Das ist absolut in Ordnung. Es gibt viele Leute, die große Kunstsammlungen und auch sehr viel mehr Bilder von mir haben. Sie stehen nicht im Mittelpunkt, weil sie keine Politiker sind und sich nicht nach vorne drängeln. Es ist in Ordnung, wenn Politiker Bilder kaufen. Es wird aber ein Problem, wenn sie anfangen, das für sich zu benutzen. Aber ich glaube, diese Phase ist beendet. Insofern ist alles in Ordnung.

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Frage:Gestatten Sie uns einen Gang durch Ihr Atelier. Was steht gerade da? Woran arbeiten Sie?

Bisky: Im Moment stehen zwei sehr große Leinwände bei mir. Sie messen 5 mal 2,80 Meter. Es sind sehr dunkle Bilder, auf denen sich verschiedene Szenen gleichzeitig abspielen. Alle haben mit Zerstörung, Gewalt und Umweltkatastrophen zu tun. Sie sind Versatzstücke der Dinge, mit denen wir jeden Tag bombardiert werden. Ich habe einen großen Tisch auf Rollen, den kann ich in meinem Atelier hin und her schieben. Momentan arbeite ich gerade an einer Serie von Zeichnungen. Mit dem isländischen Schriftsteller Bjarni Bjarnson werde ich ein Kinderbuch machen, auf das ich mich sehr freue.

Frage: Gibt es bei Ihnen Zeiten ohne Bilder?

Bisky: Ja, klar, die gibt es auch. Das finde ich auch sehr wichtig, um mich selbst zu überprüfen. Wie wichtig ist das für mich selbst, was ich mache? Nach einer Pause merke ich allerdings, dass ich unruhig werde. Dann weiß ich, jetzt ist es wieder an der Zeit, ins Atelier zu gehen und weiterzuarbeiten.

Frage: Wir sind permanent umgeben von Bildern, in der Reklame, im Kino und im Fernsehen. Wir leben in einer regelrecht bilderwütigen Zeit. Woher nimmt man den Mut und auch die Kraft, seine eigenen Bilder dagegenzusetzen?

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Januar 2011

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe Januar 2011   |  © Weltkunst

Bisky: Das ist eine Entscheidung: Ich bin jetzt frech genug und traue mich. Natürlich werden wir mit Bildern bombardiert. Aber das meiste davon sind Bilder zum Wegwerfen. Schon das Zeitungspapier wird nach 14 Tagen gelblich. Die digitalen Bilder sind eigentlich gar nicht vorhanden und werden auch nie ausgedruckt. Maler machen die Bilder, die auch ein bisschen länger bleiben. Wenn ich jetzt ein Ölbild male, hält es 300 bis 400 Jahre. Das ist so eine Qualität, an die müssen andere Bilder erst einmal herankommen. Das macht das Malen interessant. Es ist eine große Herausforderung, mit Zeiträumen anders umzugehen.

Frage:Sind Bilder stärker als Worte?

Bisky: Ich habe angefangen zu malen, weil ich ein tiefes Misstrauen Worten gegenüber entwickelt habe. Einschneidende Erlebnisse für mich waren der Zusammenbruch der DDR, die Maueröffnung und die Wiedervereinigung. Ich war 19 Jahre alt. Vieles von dem Wortmüll, der mich als Kind umgeben hat, war schließlich wertlos. Was hat mehr Substanz und Gültigkeit über einen längeren Zeitraum? Da war ich sehr schnell bei den Bildern.

Leserkommentare
  1. Komisch, wie DIE Zeit doch alles vergessen lässt oder vergisst:
    Wenn dieser Maler, der in der DDR seine schulische Ausbildung absolvierte, dann war er mit 19 Jahren damit fertig - es sei denn er wurde für ein Jahr zurückgestellt und erst mit 7 jahren eingeschult oder er ist einmal sitzen geblieben.
    Gymniasiasten gab es in der DDR nicht.
    Wir waren die "Elite des Staates" und durften uns "nur" Schüler an einer erweiterten polytechnischen Oberschule nennen.
    Gymnasien gab es in der DDR nicht - das können die "Wessis" ja nicht wissen.
    Genauso wenig wissen die Wessis wirklich ALLES über das Leben in der DDR.
    Hier ist eigentlich dieser "Künstler" wirklich gut aufgehoben - leider "haben seine Eltern nicht rüber gemacht", sondern er konnte alle Vorzüge des sozialistischen Bildungssystem für sich nutzen, vor allem kostenlos, sogar die Fahrten zur Schule!
    Wenn ich sage "für sich", dann meine ich damit, dass er all das positive mitgenommen hat und den "Rest" konnte er sowieso "in die Tonne" treten.
    Komisch nur, dass er damals alles nur in S/W gesehen hat - wir hatten sogar einen Farbfernseher mit PAL/SECAM und dazu 2 Ost- u. 3 West-FS-Programme.
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass nicht nur die "Winkelemente" von uns bunt angemalt wurden - sogar die Bäume und Wiesen waren im Osten grün.
    Der Fluss durch unsere Stadt und die Gänse wechselten auch oft die Farbe - je nach Produktion der dortigen Färberei!
    Wer heute die Vergangenheit nur in S/W sieht, der hat kein Recht OSSI zu sein.

  2. Anm.:

    ...weil er ein tiefes Misstrauen Worten gegenüber ntwickelt habe...

    Dafür ist das sicher interessante Interview aber auffallend
    wortreich geworden, gell.

    Wetering

  3. Herr Bisky hat verstanden, wie man heutzutage in Deutschland als Ostdeutscher medial präsent wird. Man muss die Andersartigkeit, Exotentum und Schrägheit dezent überbetonen, dann ist einem Aufmerksamkeit durch die Bourgeoisie sicher.

    Darf man sich als Ostdeutscher nicht dazu bekennen, dass im Osten eben einiges menschlicher und mancher natürlicher ist als im Westen? In meiner Erinnerung ist nichts schwarz-weiß und Leipzig war vielleicht verblichene Eleganz, aber noch kein Produkt des Pop-Art wie heute. Warum nur immerzu diese Verstelltheit?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Maori
    • 28. Januar 2011 12:24 Uhr

    Ich denke, dass es durchaus erlaubt ist, die Erinnerungen an seine eigene Kindheitsumgebung als schwarzweiß zu bezeichnen. Er pauschalisiert ja nicht, sagt nicht, dass der Osten schwarzweiß war. Unterscheiden würde ich auch zwischen einem Wohnblock in Ostberlin und einem Reihenhaus in Crimmitschau. Als Kombination Fernossi (Japaner), der im Ruhrgebiet afgewachsen ist, habe ich unterschiedliche menschliche Facetten erlebt, weshalb mir Kategorisierungen wie Ossi/Wessi zuwider sind. Das Interview bewerte ich (für mich persönlich) als durchaus lesenswert, den Künstler (selbst)kritisch genug, um ihm die Inszenierung zu verzeihen. Er muss ja auch von irgendetwas leben, nicht wahr?

    Herzliche Grüße.

    "In meiner Erinnerung ist nichts schwarz-weiß und Leipzig war vielleicht verblichene Eleganz, aber noch kein Produkt des Pop-Art wie heute. Warum nur immerzu diese Verstelltheit?"

    Sie haben es so erlaubt, andere wie Herr Bisky erinnern sich aber anders. So funktioniert Erinnerung nun mal. Warum Sie deshalb unredliches wie 'Verstelltheit' bei ihm wittern, ist mir schleierhaft.

    Ich würde mir von manchen (ehemaligen) Ostdeutschen manchmal etwas mehr Souveränität und Toleranz wünschen, anstatt bei jeder Äusserung, die vielleicht abweichende Meinungen oder Erfahrungen reflektiert, sofort aggressiv zu werden.

    • Maori
    • 28. Januar 2011 12:24 Uhr

    Ich denke, dass es durchaus erlaubt ist, die Erinnerungen an seine eigene Kindheitsumgebung als schwarzweiß zu bezeichnen. Er pauschalisiert ja nicht, sagt nicht, dass der Osten schwarzweiß war. Unterscheiden würde ich auch zwischen einem Wohnblock in Ostberlin und einem Reihenhaus in Crimmitschau. Als Kombination Fernossi (Japaner), der im Ruhrgebiet afgewachsen ist, habe ich unterschiedliche menschliche Facetten erlebt, weshalb mir Kategorisierungen wie Ossi/Wessi zuwider sind. Das Interview bewerte ich (für mich persönlich) als durchaus lesenswert, den Künstler (selbst)kritisch genug, um ihm die Inszenierung zu verzeihen. Er muss ja auch von irgendetwas leben, nicht wahr?

    Herzliche Grüße.

  4. Norbert Bisky hat als Ossi das westliche Kunstmarkt-Vermarktung-System und dessen Strategien in- und auswendig gelernt. Er ist ein Meister in dem “was-und-wen-brauche-ich-um-von A-nach-B -nach C -zu-kommen-Spiel”.
    Werden diese Strategien professionell beherrscht, dann muss in diesem Kunstmarktsystem vorübergehend nicht viel entstehen, nichts originales, auch keine Kunst. (siehe auch: Anselm Reyle, Katharina Grosse, Jonathan Meese etc.). Dazu reicht eine gute PR. Die Mühlheimer Freiheit, Salome, etc. lassen grüssen. Die waren auch mal ganz oben und sind heute vom Markt verschwunden. Zuschauen und abwarten.

  5. Wir leben in einer regelrecht bilderwütigen Zeit. Woher nimmt man den Mut und auch die Kraft, seine eigenen Bilder dagegenzusetzen?

    Gute Frage, Frau Küchler. Aber die Antwort schon enttäuschend:

    Wenn ich jetzt ein Ölbild male, hält es 300 bis 400 Jahre. Das ist so eine Qualität, an die müssen andere Bilder erst einmal herankommen.

    300 bis 400 Jahre selbstgefällige Bilderwut? Wer soll das aushalten?

    Ich habe Wut auf noch mehr selbstgefällige Bilderwut!

  6. "In meiner Erinnerung ist nichts schwarz-weiß und Leipzig war vielleicht verblichene Eleganz, aber noch kein Produkt des Pop-Art wie heute. Warum nur immerzu diese Verstelltheit?"

    Sie haben es so erlaubt, andere wie Herr Bisky erinnern sich aber anders. So funktioniert Erinnerung nun mal. Warum Sie deshalb unredliches wie 'Verstelltheit' bei ihm wittern, ist mir schleierhaft.

    Ich würde mir von manchen (ehemaligen) Ostdeutschen manchmal etwas mehr Souveränität und Toleranz wünschen, anstatt bei jeder Äusserung, die vielleicht abweichende Meinungen oder Erfahrungen reflektiert, sofort aggressiv zu werden.

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