Okwui Enwezor ist der neue Direktor am Haus der Kunst in München. © Haus der Kunst / Jeff Weiner

Zur Zeit regiert noch Japan im Haus der Kunst. Die Ausstellung Future Beauty – 30 Jahre japanische Mode hat der Belgier Chris Dercon noch eingefädelt, bevor er in diesen Tagen nach siebenjährigem Dirigat zur Tate Modern nach London wechselt. In seiner Amtszeit wucherte ein weithin sichtbares Blumenmeer aus Plastik von Paul McCarthy über das Dach. Im Jahr 2009 verkleidete der chinesische Künstler Ai Weiwei die Fassade des Baus mit 9.000 Rucksäcken, wie sie Kinder in der von einem Erdbeben geschüttelten Provinz Sichuan zur Schule tragen. Viele sind wegen der nachlässig umgesetzten Bauvorschriften dort ums Leben gekommen.

Chris Dercon hatte das Haus der Kunst nach den eher klassischen Ausstellungen seines Vorgängers Christoph Vitali mit Werken von Paul Klee, Wassily Kandinsky und Hans Arp bis hin zur barocken Sammellust auch für andere Disziplinen und Medien geöffnet: Architektur, Mode, Design, Fotografie und Film zogen ein, wurden diskursiv und interdisziplinär in das Programm eingebettet. Im September wird der frühere Direktor dann noch einmal aus London einfliegen, um die Ausstellung Carlo Mollino, Rigorously Eclectic zu inszenieren. Bis dahin hat sein viel beschäftigter Nachfolger Enwezor Zeit für die Erarbeitung eines Programms und die Anwärmphase mit dem vierköpfigen wissenschaftlichen Team im Haus. Aber auch als Hauptkurator für die Triennale in Paris im Jahr 2012 steht er noch im Wort.

Derzeit arbeitet er an dem Kunstprojekt Meeting Points 6 in neun arabischen und europäischen Städten, das in Beirut im April dieses Jahres an den Start geht. Und auch die eine oder andere Großausstellung und Verpflichtungen an diversen Hochschulen in den USA sind einzuhalten. Aber man kann sicher sein, dass Okwui Enwezor immer die Nerven behält. Und man kann sich darauf verlassen, dass der Quereinsteiger in die Kunstszene auch noch nach dem scheußlichsten Intercontinantalflug die Maschine als der bestgekleidete Passagier aufrecht verlassen wird.

Der Werdegang des Nigerianers ist außergewöhnlich. 1963 in Kalaba als Sohn eines Bauunternehmers geboren, verließ er früh seine Heimat, um in New York Literatur und Politikwissenschaften zu studieren. 1993 gründete er das auf afrikanische Kunst spezialisierte Magazin Nka: Journal of Contemporary Art . Bekannt wurde er mit der Ausstellung In/sight Afrikanische Fotografen von 1940 bis zur Gegenwart (1996, Guggenheim Museum, New York), 1997 organisierte er die Biennale von Johannesburg. Dann kam der Ruf zur documenta 11 im Jahr 2002 nach Kassel. Da war Enwezor der erste außereuropäische Leiter des 1955 stattfindenden "Museums der 100 Tage", das bis heute international alle fünf Jahre als weltweit wichtigstes Kunstereignis gilt. Nun ist der Kurator, Philosoph, Theoretiker und Dichter, von 2005 bis 2009 zum Dekan des San Francisco Art Institute bestellte Enwezor auch der erste außereuropäische Direktor in einer deutschen Kunstinstitution.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe März 2011 © Weltkunst

Noch ist es zu früh, ihm eine Konzeption für das Haus der Kunst abzunötigen. Aber man muss nur seine bisherigen Schritte verfolgen, um sich vorzustellen, wohin die neue Ära hingehen könnte. So viele theoretische Publikationen er auch verfasst, sich auf politische Diskurse eingelassen hat, trocken und bilderfeindlich waren seine Ausstellungen nie. Man denke nur an die opulente Inszenierung des afrikanischen Künstlers Yinka Shonibare bei der documenta 11. Über einer bizarren Mehrfach-Vergewaltigungszene mit kopflosen Puppen schwebte eine gigantische Kutsche. Edle Reisekoffer wiesen auf die Grand Tour hin, die bunt bedruckten Stoffe indes darauf, dass diese Reise nach Afrika ging, nicht gerade zum Vorteil seiner Einwohner. Seine Heimat ist immer wieder ein Thema, aber längst nicht das einzige. Auch in München wird er sicher darauf zurückkommen, obwohl er sagt: "Nicht Nationalitäten, sondern Ideen interessieren mich."

Dem Haus der Kunst ohne eigene Sammlung kann es nur zugute kommen, wenn Enwezor seinen Plan umsetzt, mit bedeutenden Kunstinstitutionen in Kooperation zu treten, etwa der Whitechapel Gallery in London, dem MACBA in Barcelona, dem Guggenheim Museum und dem MoMA in New York. Seine guten Kontakte und die Kenntnis dieser Häuser machen das wohl möglich. Das hört sich vielversprechend an, falls die Zusammenarbeit nicht nur in Übernahmen besteht.

Im Jahr 2001 kuratierte Enwezor in der Villa Stuck die viel diskutierte Schau The Short Century über die Kunst der afrikanischen Befreiungsbewegung. Da hat er einige Monate in München verbracht und fand die Stadt "komfortabel und von Leichtigkeit geprägt, im Gegensatz zu Berlin oder Frankfurt". Ab Mai will sich der neue Leiter erst einmal provisorisch in München niederlassen, mit seinen Mitarbeitern gemeinsam an einer Philosophie arbeiten, die dem Haus in den nächsten fünf Jahren eine neue Linie geben könnte. Eine reiche Mischung aus den verschiedensten Gattungen ohne hierarchische Trennung stellt er sich vor. "Innovative und herausragende Künstler will ich präsentieren", wie er der Süddeutschen Zeitung kurz nach seiner Ernennung sagte.

An dem unguten Ruch des Hauses der Kunst, seiner Erbauung, Förderung und Instrumentalisierung und Architektur durch das Naziregime will er sich programmatisch nicht abarbeiten, so hat er verlauten lassen. Mit dieser Problematik hatte sich sein Vorgänger Chris Dercon schon genügend auseinandergesetzt. Welche Falle das sein kann, sieht man alle zwei Jahre im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig – diesen Nazibau immer wieder neu zu reflektieren, scheint für die meisten dort ausstellenden Künstler wie eine selten zu bewältigende Strafe. Wieviel Zeit Okwui Enwezor bei seinen vielen Verpflichtungen in München verbringen wird, muss man sehen. Was man dem prominenten neuen Aushängeschild für das Haus der Kunst versprochen hat, ist nicht herauszufinden. Über den Ausstellungsetat herrscht in der Presseabteilung Schweigen.

Vielleicht hat man ihm auch viele Freiheiten für andere Aufgaben eingeräumt – die könnten dem Haus der Kunst auf jeden Fall zugute kommen. Schließlich sind Vernetzungen und Synergien in der Kunstwelt essentiell. Man darf sich sicher sein, dass sie bei Okwui Enwezor auf hohem intellektuellen Niveau ablaufen und wie gesagt visuell nichts zu wünschen übrig lassen.

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Weltkunst 03/2011