Rijksmuseum AmsterdamDer neue Meister

Seine Amtszeit begann mit einer Katastrophe, für die Zukunft plant er Revolutionäres: Taco Dibbits ist der neue Mann unter den Alten Meistern im Rijksmuseum. von Manfred Schwarz

Taco Dibbits ist Direktor der Sammlungen des Rijksmuseums

Taco Dibbits ist Direktor der Sammlungen des Rijksmuseums Amsterdam  |  © Rijskmuseum

Für eine solch altehrwürdige Institution weht hier ein ziemlich frischer Wind. Im Direktoriumsgebäude des Amsterdamer Rijksmuseums geht es – anders, als man es vielleicht erwarten würde – betont informell, fast jugendlich beschwingt zu. Während wir im Foyer auf unser Gespräch mit dem neuen Direktor der Sammlungen warten, stöckeln unentwegt sehr hübsche Holländerinnen auf sehr hohen Absätzen an uns vorbei zum Cappuccino- Automaten. Und derjenige, der plötzlich leichtfüßig die breite Treppe herabeilt und mit offenem Hemdkragen auf uns zukommt, ist nicht etwa der Assistent des Direktors oder sein Golflehrer, sondern Taco Dibbits selbst, ein blonder Holländer mit vorzüglichem Englisch und goldenen Manschettenknöpfen.

Dibbits hat an der Freien Universität von Amsterdam und in Cambridge Kunstgeschichte studiert, arbeitete längere Zeit in der Altmeister-Abteilung von Christie’s in London und wurde dann 2002 als Kurator für die Malerei des 17. Jahrhunderts ans Rijksmuseum geholt. Diesen Bestand hat er dann rasch mit einem sensationellen Coup erweitern können, durch den Erwerb eines der größten Meisterwerke Jan Steens: Das Bildnis eines Delfter Bürgers, der mitsamt seiner in teuerster Seide schillernden Tochter und einer zerlumpten Bittstellerin vor der Tür seines Hauses am Kanal Oude Delft thront. Überwiegend nimmt Dibbits jedoch von Anfang an die Planung des neuen Dauerausstellungs- Parcours in Anspruch, mit dem das Rijksmuseum nach seiner extrem langen Umbau- und Renovierungsphase 2013 eröffnet werden soll, erst recht seitdem er zum Direktor aller Sammlungsabteilungen des Museums bestellt wurde. Das dabei zugrunde liegende Prinzip, in einem chronologischen Rundgang Kunstwerke, kunstgewerbliche Objekte und historische Zeugnisse miteinander zu verbinden, ist in den Niederlanden nicht unumstritten. Es könnte sogar, für die Puristen unter den Kunstfreunden, auf einen gewissen Kulturschock hinauslaufen. Taco Dibbits scheint jedoch nicht zu denjenigen zu gehören, die sich leicht beirren lassen.

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Weltkunst: Herr Dibbits, ihre Amtszeit im Rijksmuseum begann mit einer Katastrophe. Hat das Ihre Nerven dauerhaft gestählt?

Taco Dibbits: Und zugleich meinen Horizont erweitert, in einem einzigartigen Crash-Kurs. Denn gleich nachdem ich meine Arbeit aufgenommen hatte, wurde eine hohe Asbestbelastung im Museum festgestellt. Es musste umgehend zur Sanierung geschlossen werden. Allein die Ehrenhalle sollte für die Besucher geöffnet bleiben. Ich hatte nur eine Nacht Zeit, um für diese Notpräsentation die wichtigsten und schönsten Werke aus dem gesamten Bestand, aus vielen hundert Gemälden auszuwählen und zur Hängung vorzubereiten. Niemals habe ich soviel gelernt wie in diesen aufregenden Stunden.

Weltkunst: Dabei war die Umwandlung der Ehrenhalle in eine Arche Noah der niederländischen Malerei des Goldenen Zeitalters ja nur das Vorspiel zu weit größeren Umwälzungen. Seit 2004 ist das Rijksmuseum – mit Ausnahme des Philips-Vleugel – im Zuge umfangreicher Renovierungs- und Umbauarbeiten geschlossen und sozusagen nur noch ein imaginäres Museum. Bedauern Sie es nicht, sich nun schon seit Jahren mit Gedankenspielen beschäftigen zu müssen statt mit konkreten Objekten?

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe März 2011

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe März 2011  |  © Weltkunst

Dibbits: Gewiss, denn darauf richtet sich ja unsere Leidenschaft: Auf die direkte Konfrontation mit dem konkreten Objekt. Aber man hatte mich ja gerade mit Blick auf diese anstehende konzeptionelle Umstrukturierung hierher geholt. Außerdem, und so sehr wir auch alle unter dieser langen Quarantäne leiden mögen: Wir haben dadurch nun die große, wirklich einmalige Chance, sowohl das Museumsgebäude als auch die grundlegende Neuausrichtung der Sammlung in den bestmöglichen Stand zu versetzen, mit größter handwerklicher und intellektueller Sorgfalt. Wenn das Rijksmuseum 2013 wiedereröffnet, wird alles, die Architektur, die Infrastruktur, die Präsentation der Sammlung in den rund 80 Schauräumen, haargenau auf den Punkt gebracht sein.

Weltkunst: Dennoch leiden die Niederländer an Mangelerscheinungen, seitdem das Museum geschlossen ist. Von vielen Seiten wird beklagt, dass nun, gerade bei den Jungen, die Entwicklung eines historischen Bewusstseins darunter leidet.

Dibbits: Natürlich, denn das Rijksmuseum ist nicht einfach nur ein – sehr großes, mit vielen weltberühmten Meisterwerken bestücktes – Kunstmuseum. Es handelt sich hierbei um eine Identität stiftende, Selbsterkenntnis ermöglichende Institution. Das Rijksmuseum ist gleichsam das Nationalmuseum der Niederlande. Daraus ergibt sich ein besonderer Stellenwert im "Gefühlshaushalt" und im intellektuellen Leben des Landes. Und daraus ergibt sich natürlich auch eine ganz besondere Verantwortung bei der Neuausrichtung des museologischen Konzepts. Wir sind das zentrale Schaufenster der niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte, für die Bewohner des Landes wie für die vielen ausländischen Besucher. Wir müssen einfach die höchsten Ansprüche stellen, an die ausgewählten Objekte und an die Art und Weise, wie wir hier "unsere Geschichte erzählen".

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