"Warum ist unser Image im Westen so schlecht?" fragen chinesische Diplomaten oft. Die Antwort darauf könnte lauten: Weil die Regierung viel dafür tut, dass es so bleibt. Diesen Sonntag etwa wurde der Künstler Ai Weiwei am Pekinger Flughafen festgenommen , der berühmteste Künstler des Landes, Sohn des beliebten Dichters Ai Qing. Seither ist er verschollen, weder seine Frau noch seine Mitarbeiter wissen, wo er sich aufhält, sein Mobiltelefon ist abgeschaltet. Die Polizei möchte sich nicht zu der Festnahme äußern, auch bleibt sie der Angabe von Gründen schuldig.

Wahrscheinlich, weil es gar keine Gründe gibt. Man muss sie sich mühsam erdichten, erfinden, zusammenreimen, denn das eigentliche Problem liegt woanders. Die chinesische Regierung ist äußerst nervös, und diese Nervosität hat wenig mit Ai Weiwei zu tun. Seit Februar wurden mehr als Hundert Aktivisten, Dissidenten und Anwälte festgenommen. Menschenrechtsorganisationen sagen, es sei die schlimmste Razzia des vergangenen Jahrzehnts.

Die Regierung sorgt sich um die Volkserhebungen in den arabischen Staaten und erkennt darin ihren schlimmsten Albtraum wieder: vom Volk entmachtet zu werden. Umso mehr, als das Volk unter dem gleichen Übel leidet, das es schon im Juni 1989 in Massen auf die Straße trieb: einer hohen Inflationsrate. Das Paradoxe aber ist, dass das chinesische Volk sich nicht zu einer chinesischen Variante der Jasminrevolte erhob, obgleich es wiederholte Aufrufe dazu gab. Die Ängste der Regierung wirken völlig überzogen.

Für den Außenstehenden ist es so gut wie unmöglich, die Entscheidungsprozesse in den inneren Zirkeln der Macht in Peking zu ergründen – so sehr, dass der Versuch dies zu tun "Zhongnanhaiologie" genannt wird, nach dem Namen des Regierungssitzes Zhongnanhai. Eines aber erscheint offensichtlich: Es gibt derzeit eine Machtverschiebung in der Führung. Moderate wie der Außenminister Yang Jiechi haben wenig zu sagen, dafür setzen sich die Lautstarken, Aggressiveren durch, was sich vor allem auch im polternden außenpolitischen Gebaren der vergangenen Monate zeigt. Gut möglich, dass dies mit dem großen Machtwechsel zusammenhängt, der sich im nächsten Jahr vollziehen wird. Da möchte sich der eine oder andere gerne profilieren.

Doch wie das so ist mit Imponiergehabe: Oft führt es zum Gegenteil dessen, was man eigentlich erreichen wollte. Durch die Festnahme Ai Weiweis wird die Herrschaft der Partei kein bisschen stabiler. Ja, sie versetzt allen Eigenwilligen, Mutigen, Andersdenkenden einen Schreck. Doch was bringt das einer Partei, die derzeit nun wirklich nicht bedroht ist, außer dass sie ihrem Bild in der Welt schadet?

Die Regierung lobt sich gerne ihrer Vernunft und ihrem Pragmatismus, sie verteufelt die "Hysterie". Oft erscheint dieser Begriff auf offiziellen Dokumenten. Wer unter ihr leidet, soll das etwa auf seinem Visumsantrag vermelden, er darf auch keinen Führerschein machen. Was aber ist Hysterie, wenn nicht: die völlig überzogene Reaktion auf Ängste, für die es gar keinen Anlass gibt?