Einheitsdenkmal : Riesenwippe soll an Wiedervereinigung erinnern

Mit einem beweglichen Denkmal aus Glas und Stahl will der Bundestag die Helden der friedlichen Revolution ehren. Der Entwurf stammt von der Choreographin Sasha Waltz.

Eine 50 Meter lange, begehbare Waagschale soll im Zentrum Berlins an die friedliche Revolution von 1989 und 1990 erinnern. Der Kulturausschuss des Bundestags einigte sich auf ein Modell des Stuttgarter Architekten Johannes Milla und der Choreographin Sasha Waltz. Das kündigte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) am Mittwoch vor dem Bundestagskulturausschuss an. "Nicht Kaiser Wilhelm oder einzelne 'Helden der Revolution und der Deutschen Einheit' werden auf den Sockel gestellt", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke, der als Bürgerrechtler selbst aktiv an der Wende beteiligt war, über den Entwurf. Stattdessen eroberten die Bürger den Sockel für sich selbst – "im täglichen Kampf um Einheit und Freiheit", sagte Nooke.

Die himmelwärts gebogene Waagschale heißt Bewegte Bürger. Das Denkmal aus Glas und Metall soll auf dem alten Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Schlossplatz in Berlin-Mitte entstehen, nahe der berühmten Museumsinsel.

Die Oberseite trägt Losungen aus der Zeit des Mauerfalls, die untere, vergoldete Seite, zieren Bilder aus der Wendezeit im Herbst 1989. Auf der riesigen Wippe sollen die Menschen auf und ab gehen können. Das bewegliche Denkmal solle zeigen, wie Menschen in Bewegung die Welt verändern können, sagte Waltz. Die Kosten werden voraussichtlich bei zehn Millionen Euro liegen.

Der Entscheidung war ein jahrelanger Streit um die Entwürfe vorausgegangen. Seit der Entscheidung für ein Denkmal im Jahr 2007 waren zwei Wettbewerbe notwendig. Ein erster Wettbewerb mit der Beteiligung von 533 Entwürfen war abgebrochen worden. Laut Neumann habe es keine geeigneten Entwürfe für das Denkmal gegeben. Bei dem zweiten Wettbewerb hatten sich 386 Künstler und Architekten beteiligt. Davon blieben am Ende drei Entwürfe übrig – darunter der von Milla und Waltz.

Kritik am Denkmal wurde von den Oppositionsfraktionen der Linken und der Grünen laut, die sich bei der Entscheidung ausgeschlossen fühlten. Grünen-Parteichefin Claudia Roth sagte, sie sei zwar zu den Jurysitzungen eingeladen gewesen, ein Stimmrecht sei ihr aber verweigert worden.

Für die CDU/CSU-Fraktion sagte der kultur- und medienpolitische Sprecher Wolfgang Börnsen, der Entwurf entspreche der Intention von Bundestag und Bundesregierung. "Da die Bürger den neuen Sockel in der Form einer Schale begehen können, werden sie selbst Teil des Denkmals", hieß es weiter. Der Entwurf hatte zwei Konkurrenten: Bei dem einen handelte es sich um eine Skulptur, die einen fünf Meter hohen knienden Mann darstellte. Sie wurde von dem Karlsruher Künstler Stephan Balkenhol geschaffen. Der andere war ein transparentes Dach aus Buchstaben, welches auf Stützen steht, die die Bundesländer repräsentierten. Entworfen hatte es der Münchener Architekt Andreas Meck.

Das Stuttgarter Designbüro um Johannes Milla hatte den deutschen Pavillon für die Weltausstellung 2010 in Shanghai entworfen. Das Unternehmen ist vor allem im Bereich von Messen und Kongressen aktiv. Die Choreografin Sasha Waltz hat sich vor allem für ihre Tanz-Aufführungen in öffentlichen Räumen einen Namen gemacht.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

ich bin mir sicher,...

...in ferner zukunft werden nachkommende generationen von kunsthistorikern genau das in unseren denkmalen sehen, was wir normalerweise so standhaft versuchen, zu leugnen.

als nicht-fachmann kann ich nur sagen, dass mir diese skulptur zu monumental ist.

auf der oberseite wird sich die internationale prominenz, der tourismus, der schnösel von welt ablichten.

auf der unterseite dieser schönen schüssel, dort wo diejenigen abgebildet sein werden, die die revolution vorangebracht haben, gesellt sich der müll der großstadt und jener menschliche ausschuss dazu, der gewöhnlich mit dem kärcher von den sicherheitsdiensten aus den fußgängerzonen vertrieben wird.

ich will hier ausdrücklich kein werturteil abliefern, sondern nur interpretieren, was ich sehe.

Eine Wiese mit Gänseblümchen...

... hätte es auch getan!

Als Kinder haben wir immer die Blüten gerupft:

"Sie liebt mich - sie liebt mich nicht!"

Als Denkmal könnten wir dann so verfahren:

"Die deutsche Einheit in den Köpfen und im Leben - wir haben sie - wir haben sie nicht!"

Am Ende kann dann jeder selbst darüber befinden, ob das Gänseblümchen Recht gehabt hat oder nicht - im Sinne des Betrachters!

Frage:

Welche Helden sollen dort denn geehrt werden?

All jene Bürger, die in der Kälte ihre Gesundheit vor den Zahlstellen der Begrüßungsgelder ruiniert haben oder die Grenzer, die so besonnen waren, in dem Chaos nicht zur waffe gegriffen zu haben oder etwa all jene "Freiheitskämpfer, die ohne "Genickbruch" und Halsschmerzen sich im Prozess ihrer "Selbstfindung beim Wenden" nicht gleich den Hals abgeschraubt haben?

Als "normaler" Ostdeutscher habe ich keine Helden gesehen - nur Menschen, die wie beim "Rattenfänger von Hameln" dem Flötenspiel folgten...