Ägyptens Kunstszene: Die Revolution malt ihre Bilder
Überall in Kairo ist symbolüberfrachtete Revolutionskunst zu sehen. Die Szene scheint wie gierig nach Luft zu schnappen. Was davon von Wert ist, wird sich zeigen müssen.
© Ulrich Ladurner

Die junge Künstlerin Yasmina vor einem ihrer Street-Art-Werke in Kairo.
Männern denen Augen, Ohren und Münder zugehalten werden, geballte Fäuste, gesprengte Fesseln. Im Schatten der Eukalyptusbäume auf Kairos Nil-Insel Zamalik malen die Studenten der Kunstschule an die Häuserwände, was sie zuvor als künstlerische Verarbeitung der Revolution mit ihren Dozenten erarbeitet haben. Die Symbolik ist nicht neu, man findet sie überall, und gerade hier in großer Menge. Kairo wird zurzeit überrollt von einer Welle von symbolüberfrachteter Revolutionskunst. Keine der kommerziellen Galerien, die noch keine Revolutionsshow hatte, kein Kunststudent, der noch nicht die Revolution verarbeiten sollte.
"Endlich können wir frei atmen, können machen, was wir wollen", sagt Yasmina, während sie an einer Hand arbeitet, die ein Handy hält. Auf dem Display groß die Buchstaben SMS. Es ist mehr möglich jetzt in Ägypten, überall, auch in der Kunst. Niemand würde dem widersprechen. Die Meinungen aber, wie die Revolution verarbeitet werden soll, und welche Auswirkungen sie auf die Kunstszene haben wird, gehen stark auseinander. Viele etablierte Künstler sehen die prompten Reaktionen, die nun in den Galerien hängen, sehr argwöhnisch. Kommerzieller Ausverkauf sei es, der dort stattfindet. Oberflächlich und vorhersehbar seien die Arbeiten der Künstler, die nun auf schnelles Geld hoffen, meint die in Kairo arbeitende, amerikanische Kunsthistorikerin Claire Davies. Fotos von Demonstranten in Revoluzzerposen auf dem Tahrir-Platz, in Öl gemalte Mütter, die ein, die Revolution symbolisierendes, Jesuskind gen Himmel recken – das kann man in ihren Augen nur schwer als Kunst betrachten.
Noch kritischer sieht es Hassan Khan, einer der international anerkanntesten jungen Künstler des Landes. Ausbeuterisch nennt er, was zurzeit unter dem Label Revolution erscheint. Und noch schlimmer: "Die Ausbeutung der Revolution durch die Kunst ist gefährlich, wenn nicht gar konterrevolutionär: Man behauptet sie ist vorbei, man hat sie verstanden, man kann sie konsumieren, wegwerfen und wieder zum Alltag übergehen." Jetzt schon von mehr Freiheit zu reden, darin sieht er eine gewisse Naivität. Die meisten Leute im bürokratischen Apparat sind immer noch die gleichen – auch im allgegenwärtigen Kulturministerium.
Den Kunststudenten sind solche Überlegungen fremd. Sie sind froh, ihre Kunst in den öffentlichen Raum tragen zu können, etwas was vor der Revolution nicht einfach war. "Wir wollen einfach ausdrücken, wie sehr uns die neue Freiheit beflügelt", sagt Yasmina. Aber ist sie tatsächlich so neu, die Freiheit in der Kunst?
Tatsächlich fand die große Öffnung der ägyptischen Kunstszene schon Mitte der 90er Jahre statt. Nachdem es unter Nasser und Sadat in den 50ern, 60ern und 70ern eine sehr starke, dynamische und durchaus moderne Kunstszene gab, legte sich unter Mubarak, wie auf so viele Bereiche, auch auf die Kunst der Schatten der Stagnation. Das Ministerium für Kultur wurde mächtiger und mächtiger, es kontrollierte die Galerien, die Salons, die Biennalen, die Kunsthochschulen. Wer ausstellen wollte, musste produzieren, was dem Ministerium gefiel. Unabhängige Galerien gab es nicht.
Das änderte sich erst in den 90ern. Das Satellitenfernsehen, später das Internet ermöglichten den Künstlern immer mehr Kontakte zur Welt außerhalb der Landesgrenzen. Viele Künstler, die im Ausland studiert hatten, kamen zurück nach Ägypten, und im Zuge dessen eröffneten unabhängige Galerien.
Der Londoner Galerist William Wells kam 1985 nach Kairo. "Es dauerte bis Mitte der 90er, bis hier Künstler auftraten, von denen ich das Gefühl hatte, ich würde gerne mit ihnen arbeiten", erzählt er in seiner Townhouse Gallery, nahe des Tahrir-Platzes. 1998 gegründet war sie die erste unabhängige Galerie Kairos und ist noch immer einer der wichtigsten Räume für unabhängige Künstler. Während der Revolution wurden hier viele der Banner entworfen, die dann auf den Demonstrationen im Wind wehten. Werke seriöser Künstler zum Thema könne man aber erst 2012 erwarten. In seinen Augen bleiben allerdings die Veränderungen, die in den 90ern stattfanden, um einiges wichtiger als die, die sich jetzt im Zuge der Revolution vollziehen könnten. Denn das Umdenken des Ministeriums für Kultur hat bereits im Laufe des vergangenen Jahrzehnts stattgefunden. Die alte Garde wurde Stück für Stück ersetzt. Weil die Kunsthochschulen immer religiöser wurden, wendete man sich – als säkulare Institution – immer mehr jenen Künstlern zu, die man bisher ignoriert oder oft auch kompromittiert hatte.






Generell waere es annehmlich, wenn sich Aegypten mit seinem Stellenwert zu einem kreativen Gesamtimpuls entwickeln koennte, durch vielerlei Szenen.
Interessant waeren in dem Zusammenhang auch eine Beleuchtung der Medien, der neuen Medien, der Reaktionen in den Medien - neue Inhalte der Medien etc. ...
...Samstagmorgen künstlerische Aufarbeitung. Kunst als Katererscheinung ist fragwürdig, aber wem darf man diese Reaktion verzeihen, wenn nicht junger Kunst. Das Talent findet die Lösung, das Genie die Frage. Wer in den Ländern der Revolution im Moment Geniales erwartet, hat Kunst nicht verstanden.
in welcher form die kuenstler ihre gefuehle ausdruecken, ist eigentlich egal. schoen ist, dass sie es endlich tun koennen. in den ersten monaten nach einem umsturz sind die behoerden erfahrungsgemaess relativ tolerant, bevor sie nach einer gewissen konsilidierungsphase wieder uebermuetig und repressiv werden. in dieser anfangszeit versuchen die kuenstler grenzen auszuloten und soviel kuenstlerische freiheit wie moeglich zu erobern und zu sichern. nicht jeder, der seine erfahrungen verarbeitet, hat zwangslaeufig auch talent. und einige versuchen sicherlich auch, angesichts des historischen momentes "mauerstueckchen" an den mann zu bringen. wie ueberall wird sich die spreu vom weizen trennen. es ist allerdings aeusserst aussagekraeftig und entbloessend, dass die kunst- und sammlerszene bereits wert oder unwert der kunst zu valuieren sucht.
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