Frühlingsduft. Isarrauschen. Ich stehe vor der Lukaskirche am Mariannenplatz und fluche: Wo zum Teufel geht‘s hier zur heiligen Kunstmesse? Die größte evangelische Kirche in München hat mindestens ein Dutzend Türen und einen verriegelungsfreudigen Hausmeister. Überhaupt kommt das Bauwerk mit seiner romanischen Außenarchitektur recht katholisch daher. Im Foyer fragt mich eine Frau mit holländischem Akzent: "Mögen Sie Käse mit Nelken?" – "Danke." – "Nehmen Sie ruhig zwei Häppchen, die schmecken echt super."

Gleich soll hier zwischen silbernen Orgelpfeifen und Gustav Adolf Goldbergs Altarbild Grablegung Christi der Startschuss zu einem Abenteuertrip erfolgen, bei dem die beiden bergvernarrten Künstler respektive kunstvernarrten Bergsteiger Thomas Huber und Wolfgang Aichner die Alpen überqueren, in 3000 Meter Höhe, im Schlepptau einen knallroten Kutter. "Passage 2011" heißt das ökologisch korrekte Projekt, das in einem knapp dreiwöchigen Fußmarsch übers Zillertal, den Schlegeisgletscher und Südtirol bis nach Venedig führen soll.

Sind die Reisegötter gnädig gestimmt, wird das selbst gebastelte Vehikel dort anschließend mit einer Schiffstaufe und einer Rialto-Rede als offizieller Beitrag der 54. Biennale im Canal Grande zu Wasser gelassen – um den Sieg der Kunst über die Natur zu feiern.

Vor diesem transalpinen Drama aber hat der Kurator der in die Lukaskirche herbeigeeilten Kunstgemeinde ein Symposium verordnet, zur metaphysischen Überhöhung. Verhandelt wird die Frage, wie die vier Elemente unseren Lebensraum prägen und welchen Einfluss wirtschaftliche Interessen dabei haben. Jeder Symposiumsteilnehmer darf etwas sagen, aber nur zwölf Minuten lang, sonst zieht der Moderator die rote Karte. Sportlich, sportlich. Andererseits: Jetzt machen sie schon auf Nachhaltigkeit und dann mit hechelnden Spotlight-Sätzen.

Eine Pfarrerin sagt: "Wenn der Mensch sein will wie Gott, kommt Fukushima heraus." – Ein Biobauer sagt: "Der Regenwurm ist ein Freund des Menschen. Er schützt vor Hochwasser." – Ein Pastor aus Venedig sagt: "Wir haben in unserer Kirche immer ein paar Notfallgummistiefel." – Eine Wirtschaftsprofessorin sagt: "Ökonomie muss naturverträglich und sozialdienlich sein." – Der Moderator sagt, in Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau: "Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen, der Boden aber niemandem gehört." – Der Kurator sagt: "Ich danke unseren Sponsoren ganz herzlich für die großzügige Unterstützung."

Von der Empore weht mich eine lyrisch fiepende Soundcollage an, die sich infernalisch steigert. Das ist der Moment, in dem ich zu meditieren beginne. Zwei Hannibals ohne Elefanten. Sebastian Brants "Narrenschiff", mit bayerischer Besatzung. Der "Fitzcarraldo"-Stoff, neu verfilmt im Tiroler Schnee. Es werden ja zwei Kameramänner bei diesem Frischluftabenteuer mitkraxeln, um täglich aktuelle Bilder für die Expeditionsprotokolle im Internet zu liefern.