Biennale Venedig Mit dem Kutter über die Alpen

Sieg der Kunst über die Natur – nichts weniger will das Kunstprojekt "Passage 2011". Also hieven Thomas Huber und Wolfgang Aichner ein rotes Schiff über die Alpen. Zu Fuß.

Die Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner und ihr knallrotes Boot

Die Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichner und ihr knallrotes Boot

Frühlingsduft. Isarrauschen. Ich stehe vor der Lukaskirche am Mariannenplatz und fluche: Wo zum Teufel geht‘s hier zur heiligen Kunstmesse? Die größte evangelische Kirche in München hat mindestens ein Dutzend Türen und einen verriegelungsfreudigen Hausmeister. Überhaupt kommt das Bauwerk mit seiner romanischen Außenarchitektur recht katholisch daher. Im Foyer fragt mich eine Frau mit holländischem Akzent: "Mögen Sie Käse mit Nelken?" – "Danke." – "Nehmen Sie ruhig zwei Häppchen, die schmecken echt super."

Gleich soll hier zwischen silbernen Orgelpfeifen und Gustav Adolf Goldbergs Altarbild Grablegung Christi der Startschuss zu einem Abenteuertrip erfolgen, bei dem die beiden bergvernarrten Künstler respektive kunstvernarrten Bergsteiger Thomas Huber und Wolfgang Aichner die Alpen überqueren, in 3000 Meter Höhe, im Schlepptau einen knallroten Kutter. "Passage 2011" heißt das ökologisch korrekte Projekt, das in einem knapp dreiwöchigen Fußmarsch übers Zillertal, den Schlegeisgletscher und Südtirol bis nach Venedig führen soll.

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Sind die Reisegötter gnädig gestimmt, wird das selbst gebastelte Vehikel dort anschließend mit einer Schiffstaufe und einer Rialto-Rede als offizieller Beitrag der 54. Biennale im Canal Grande zu Wasser gelassen – um den Sieg der Kunst über die Natur zu feiern.

Vor diesem transalpinen Drama aber hat der Kurator der in die Lukaskirche herbeigeeilten Kunstgemeinde ein Symposium verordnet, zur metaphysischen Überhöhung. Verhandelt wird die Frage, wie die vier Elemente unseren Lebensraum prägen und welchen Einfluss wirtschaftliche Interessen dabei haben. Jeder Symposiumsteilnehmer darf etwas sagen, aber nur zwölf Minuten lang, sonst zieht der Moderator die rote Karte. Sportlich, sportlich. Andererseits: Jetzt machen sie schon auf Nachhaltigkeit und dann mit hechelnden Spotlight-Sätzen.

Eine Pfarrerin sagt: "Wenn der Mensch sein will wie Gott, kommt Fukushima heraus." – Ein Biobauer sagt: "Der Regenwurm ist ein Freund des Menschen. Er schützt vor Hochwasser." – Ein Pastor aus Venedig sagt: "Wir haben in unserer Kirche immer ein paar Notfallgummistiefel." – Eine Wirtschaftsprofessorin sagt: "Ökonomie muss naturverträglich und sozialdienlich sein." – Der Moderator sagt, in Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau: "Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen, der Boden aber niemandem gehört." – Der Kurator sagt: "Ich danke unseren Sponsoren ganz herzlich für die großzügige Unterstützung."

Von der Empore weht mich eine lyrisch fiepende Soundcollage an, die sich infernalisch steigert. Das ist der Moment, in dem ich zu meditieren beginne. Zwei Hannibals ohne Elefanten. Sebastian Brants "Narrenschiff", mit bayerischer Besatzung. Der "Fitzcarraldo"-Stoff, neu verfilmt im Tiroler Schnee. Es werden ja zwei Kameramänner bei diesem Frischluftabenteuer mitkraxeln, um täglich aktuelle Bilder für die Expeditionsprotokolle im Internet zu liefern.

Leser-Kommentare
  1. Alles ist erlaubt, alles ist möglich, nicht nur 15 Minuten ein Star oder 90 Jahre ein Hanswurst, Hauptsache medial vermarktet, wenn einem schon künstlerisch nichts mehr einfällt ist auch die einfältigste Inszenierung immer noch gut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Fitzcarraldo mit bayrischen Knallchargen, ist doch schön, warum keine überdimensionale Weißwurst über den Befindlichkeitsäquator zwischen Nord und Süd katapultieren, aber der Clou ist ja gerade, dass ein Schiff oder eine Schaluppe (Venedig in der Lagune mit den Touristengaleeren) und in leuchtendem Rot über die schneeweißen Berge von schwer atmenden, kernigen deutschen Jungmännern gezurrt werden muss, das ist wie einen Schwarzafrikaner vor einen Kral setzen, oder war es ein Gral?
    Wenn`s denn Spaß macht und auch noch Geld bringt, wird man sich fragen, aber reicht das aus, um gerade in der kunstverrückten Biennale-Hauptstadt zu punkten?
    Da scheint der italienische Pavillon mit der Bankrotterklärung berlusconischen Kulturbegriffes weitaus interessanter und vor allem aufschlussreicher zu sein.
    Vorschlag: bei der nächsten Art Cologne wird der Rhein durch Kölsch ersetzt, das ist ökologisch und künstlerisch nachhaltig und demokratisch ohnehin - und alle müssen so lange saufen bis jeder Mensch zwichen Köln und Rotterdam ein Künstler ist, die Brauereien und die Arbeitsmarktpolitik würde sich freuen. Und die Touristikindustrie auch.

    Horrido oder Holladihojido - oans zwoa gsuffa

    W. Neisser

  2. 2. Nun ja

    Das Plagiat ist ja bekanntlich die höchst Form der Verehrung.
    Olle Fitzgeralod Kinski wird es freuen. Oder er tobt und pöbelt von oben ne Runde rum.

    Ich finde das Original besser!

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